Child at heart

„Hier ist mein Geheimnis. Es ist ganz einfach: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

„Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“, wiederholte der kleine Prinz, um es sich zu merken.

„Die Zeit, die du für deine Rose verloren hast, sie macht deine Rose wichtig.“
„Die Zeit, die ich für meine Rose verloren habe …“, sagte der kleine Prinz, um es sich zu merken.

„Die Menschen haben diese Wahrheiten vergessen“, sagte der Fuchs. „Aber du darfst sie nicht vergessen.““
(„Le petit prince“; Antoine de Saint-Exupéry)

Was weiß ein Kind, was ein Erwachsener nicht mehr fühlen kann.

Was sich abschauen, wenn nicht lang genug erhalten.
Und wie viel Rationalität tut eigentlich gut: Mir selbst – erst einmal.

„Dann sagte er noch: Ich glaubte ich sei reich durch eine einzigartige Blume, und ich besitze nur eine gewöhnliche Rose.“
(„Le petit prince“)

Adrett hübsche Gesellschaftslehre und dass man angepasst sich gut „hineinpasst“, ins Mosaik der farblosen Steine.

Ist nicht jeder Funken Individualität und kecker aufgeweckter Schalk und Widerstand die wertvollste stechend stichelnde Rose im Garten der getrübten Eitelkeiten … Fortschritt im Stillstand … Freude in kühler Abgeklärtheit … Vitamin im Einheitsbrei … Lachender Augen zwei, Passion, Klasse statt Masse.
Und bildet Reisen nicht noch viel viel mehr.

„Die Erde ist nicht irgendein Planet!
Man zählt da hundertelf Könige, wenn man, wohlgemerkt, die Negerkönige nicht vergisst, siebentausend Geographen, neunhunderttausend Geschäftsleute, siebeneinhalb Millionen Säufer, dreihundertelf Millionen Eitle, kurz – ungefähr zwei Milliarden erwachsene Leute.“
(„Le petit prince“)

Stehaufmanier, vorurteilsbefreit, und Neugierde auf alles:
Wer ist darin schon besser als ein Kind. 100 Mal fallen und doch in der Vertikalen.

Was macht uns reicher: Zeit oder Besitz. Und dass die Zeit sich nur für diejenigen verlängere, die sie zu nutzen verstünden, philosophierte einst da Vinci.

„Aber der Eitle hörte ihn nicht. Die Eitlen hören immer nur die Lobreden.
„Bewunderst du mich wirklich sehr?“, fragte er den kleinen Prinzen.
„Was heißt bewundern?“
„Bewundern heißt erkennen, dass ich der schönste, der bestangezogenste, der reichste und der intelligenteste Mensch des Planeten bin.“

„Ich bewundere dich“, sagte der kleine Prinz, indem er ein bißchen die Schultern hob, „aber wozu nimmst du das wichtig?“
Und der kleine Prinz machte sich davon. Die großen Leute sind entschieden sehr verwunderlich, stellte er auf seiner Reise fest.
(„Le petit prince“)

Gegensätze sind schlicht wunderbar, die Normen oft gelangweilt und der niesenden Wahrheit gut gekonnt entfremdelt gleich dazu.
Doch Ausnahmen bestätigen so wundervoll die Regel, dass nicht überall: in zu viel Schublade gedacht wird, Medien die Realität ausmalen, die Politik ganzjährig ihr fünftes Gesicht präsentiert und der Erwachsene nur im Karneval zum Kind werden soll.

Und was ist schon „die Wahrheit“:
Ein Kind aber immer noch ein Kind.

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Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan. Stets um Balance bemüht naturellement. Und trotz, dass in einer Hochburg der alemannischen Fasnet geboren, bereits als Kind kein Interesse an Masken und fünften Jahreszeiten, doch Lust darunter und tiefer zu blicken.

Love or leave

„Der erste Eindruck von Judith: warum konnte ich ihn nicht mehr zurückrufen? Ich versuchte es: eine süße Zuneigung, die mich aufhob und federleicht machte. War das nicht das Maß, mit dem wir immer miteinander hätten umgehen müssen?
Ich hatte es vergessen, wir konnten einander nur noch mit verzerrten Gesichtern betrachten.“
(Peter Handke; „Der kurze Brief zum langen Abschied“)

Ein Buch, erstveröffentlicht 1972, in dem ein getrennter Österreicher in den USA weilt und in seinem Hotel einen Zettel mit nur wenigen – mysteriös drohenden – Worten seiner Frau erhält.
Beide hatten es nie geschafft sich ganz loszulassen und die Nachricht ist für ihn damit beruhigend und beunruhigend zugleich.
Er schwankt ambivalent, gänzlich ohne Stabilität, zwischen der Suche nach, und der Flucht vor ihr. Er reist im Land, reflektiert erstmals und versteht. Und er findet so, als er schließlich auf sie trifft, mit ihr zum längst überfälligen Frieden.

Wieso lieben wir nicht mutig, stolz und mit ganzem Herzen, und wenn wir das genau so nicht mehr tun, gehen: aufrecht, mutig, konsequent?

Warum auch verzetteln wir uns bei: „love it, leave it, or change it“, mit dem „change it“, wenn wir das – rational und ganz logisch gedacht – nur von uns selbst verlangen dürfen?

Warum verharren wir in Berufen, in Konstellationen, an Orten und in allen möglichen Beziehungen zu anderen Menschen, deren Liebe es nicht mehr gibt, nie gab, oder die ganze Situation uns gähnend langweilt und nur mehr nervt?

Irgendwo anders, oder mit jemandem anderen, könnte unser Herz Luftsprünge machen und Salti schlagen, das Glück Hand in Hand gehen, und sowieso alles ganz spielend leicht von dieser.

Trennen wir uns nicht viel(leicht) zu selten?
Was denkst du, wie viele Leben du hast?

Zuletzt glücklich getrennt habe ich mich von der für mich völlig falschen Stadt, und bin dahin zurückgezogen, wo ich stets glücklich war und heute wieder bin.
Die Stadt, die mich unglücklich, doch reifen ließ, mag jemandem – wegen mir auch jedem – anderen Glück bringen!

„Erzählt nun eure Geschichte!“ sagte John Ford.
Und Judith erzählte, wie wir hierher nach Amerika gekommen waren, wie sie mich verfolgt hatte, wie sie mich beraubt hatte und mich umbringen wollte, und wie wir nun endlich bereit waren, friedlich auseinanderzugehen.
Als sie mit unserer Geschichte fertig war, lachte John Ford still, übers ganz Gesicht. „Ach Gott!“ sagte er auf deutsch. Er wurde ernst und drehte sich zu Judith hin. „Und das ist alles wahr?“
(Peter Handke; „Der kurze Brief zum langen Abschied“)

Wenn wir Contenance bewahren und schöne Worte finden können: gut.
Doch vielleicht geht es darum auch überhaupt nicht. Vielmehr womöglich stattdessen darum, dass uns ehrliches Lieben zu verändern vermag.

Und die Gedanken sind sowieso frei.

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Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan – in der märchenhaft schönen Gönneranlage im bezaubernden Baden-Baden – die der Meinung ist, dass lieblich reden alleine „leider“ (lieblich gesprochen) gar nichts wert ist, wenn nicht Wahrheit dahinter steckt und keine Taten folgen.

Traum & Schaum

Ist und bleibt Vorfreude manchmal nicht die größte Freude?

Ist die Phantasie nicht manchmal tatsächlich besser, als es die Realität war oder je sein könnte?

„Phantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt,“ – meinte Albert Einstein.

Und was, wenn in unserem Leben Dinge eintreten oder zu einem Punkt gelangen, an denen wir wissen, es wird wieder – oder erstmals überhaupt – Zeit für mehr Freude, für einen großen Schritt, für ein selbstbestimmtes Leben, einen anderen Weg, für uns?

„Sie habe im Interesse der Kanzlei gehandelt, verteidigt sich die Verräterin in heuchlerischer Zerknirschung, bevor sie hinzufügt: Es tut mir leid.
Sarah glaubt nicht eine Sekunde an ihr Bedauern. Sie hätte sich besser in Acht nehmen müssen. Inès ist raffiniert, sie denkt politisch, wie es so schön heißt, was eine elegante Umschreibung für skrupellos ist, was wiederum auf Menschen zutrifft, die stets die Macht im Blick haben, die sich nicht vor Schlägen unter die Gürtellinie scheuen.“
(„Der Zopf“. Laetitia Colombani)

Ein Buch über einen prägnanten Lebensabschnitt im Leben dreier Frauen: Smita aus Indien, Giulia aus Süditalien und Sarah aus Kanada.

Drei Frauen deren Leben ganz verschieden verlaufen und durch völlig unterschiedliche Schicksale geprägt werden, die jedoch dennoch miteinander verwoben sind: So konträr – von ihrem Lebensstandart, ihrer Verantwortung, bis Karriere – und so räumlich weit voneinander entfernt sie auch sein mögen.

Was sie alle gemeinsam haben, ist eine beachtliche Portion Mut und Biss:
das Unmögliche, wie Gefährliche und Unabsehbare, aus einer Einbahnstrasse zu wagen ..
die enorme Kraft aus großer Trauer zu entwickeln, für sich und Tradition einzustehen ..
den Lebensmut Scheitern und Verrat zu überwinden und neu aufzustehen.

Den Grundgedanken dieses Buches finde ich ganz wunderbar. Auch hat es sich ganz oben in den deutschen Bestsellerlisten festgebissen. Darum auch wollte und habe ich es schnell gelesen:
Es liest sich einfach, eingängig, leicht.
Zu leicht vielleicht. Selbst finde ich nämlich die Umsetzung und Idee dieser Geschichte und die Schreibweise des Buches nur mittelmäßig gut, bis weniger gelungen.
Ein leicht gehaltener Roman zu berührenden Themen, und damit ein vorsichtiger Augenöffner nur, für den Flug oder Strand, ohne die schönsten Wochen des Jahres (unnötig) zu beschweren vielleicht.

Alles eine Frage des Geschmacks natürlich. Jedem Tierchen sein Pläsierchen – wie der Volksmund gerne sagt – und manchmal, oder für manchen auch immer, darf es gerne weniger literarische Tiefe, Verschnörkelungen, sprachgewaltiger Anspruch und Klassik sein.
Manchmal oder immer, für manchen auch gerne oder unbedingt mehr.

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Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan – in Vorfreude.

Spasibo!

Was bleibt von einem tollen Menschen, einer tollen Zeit, wenn dieser Geschichte wird – diese vorüber ist?

Mag das Schicksal einer Verbindung gegenüber nicht gut gewillt gewesen sein .. Mag man sich zwischen Zweien haben entscheiden müssen .. Mögen wir rationale Gründe für ein „nein“ gefunden haben:
Hat es nicht immer seine Gründe, dass es manche Menschen nicht in unsere Zukunft schaffen?

Und warum wünschen wir zum Abschied schlicht und nüchtern „Alles Gute“ und nicht das Wundervollste und Beste?
Denn vielleicht – sogar vermutlich – war und hatte man das ja einst einmal für- und miteinander.

Fjodor Dostojewskis „Weiße Nächte“ (1848) ist vielleicht eine der schönsten literarischen Liebesgeschichten:
Melancholisch russisch.
Altmodisch und zart verspielt.
Sehnend, hoffend.
Und natürlich – und einmal mehr – ohne ein Happy End im eigentlichen Sinne.

Stunden zwischen gefühlter Leere und der Suche, sowie dem vermeintlichen Finden und endlichen Erfüllen seines geträumten Traumes von der Liebe:
Ein junger Russe beim erkennen der Einen, als er in St. Petersburg die weinende Nastenka sieht, ihr folgt, überzeugt und sie so wieder und wieder treffen darf.

Mit ihr auf einer Parkbank sitzend, die junge Frau besser kennenlernend und in sein dann liebendes Herz schließend ..
Jeden Tag zur selben Zeit, an dem selben Ort in der Öffentlichkeit: sich gegenseitig ihre Geschichten, ihr bisheriges Leben erzählend und dabei zarte Gefühle füreinander entwickelnd.

Bis der Grund Nastenkas anfänglicher Tränen zu ihrem Lachen wird, und ein Abschied damit unumgänglich.

Eine ganz wundervolle 170 Jahre alte hochromantische Kurzgeschichte über das Gefühl des sich ineinander Verliebens, der beginnenden Vertrautheit, des Pläne Träumens & Pläne Platzens, und das Loslassen.

C’est la vie und braucht denn jede (große) Liebe ein Happy End?

„Ist eine Stunde nichts für ein ganzes Menschenleben?“
(Weiße Nächte; Fjodor Michailowitsch Dostojewski)

Nicht „Alles Gute“, sondern „das Beste“.

Nicht „Glück“, sondern „Erfolg“.

Ein fabelhaft fantastisch übervoll kunterbuntes Leben für dich und von Herzen das Allerbeste!


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Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan, die die Weißen Nächte in St. Petersburg persönlich kennt, hier jedoch in Paris am Pont Neuf ist. Die außerdem meint zu wissen, wann es genug ist .. Immerhin aber auf das Leben vertraut.

You go girl!

„Wenn ich er wäre, hätte ich mich längst nicht mehr angerufen. Ich hätte seine Nummer niemals ins Adressbuch übertragen und Funkstille einkehren lassen.
Und es wäre mir an seiner Stelle völlig egal, ob ich ihn für überheblich, abgehoben oder sonst etwas halte, denn auf einen Freund wie mich, der sich nie meldet, aber beleidigt ist, wenn man ihn nicht regelmäßig anruft, könnte ich gerne verzichten. Wenn ich er wäre.
Aber er ruft mich an. Immer wieder. Immer freundlich und offen. Er ist mir ein Rätsel.“
(„Goethe ruft an“ von John von Düffel)

Vor über 15 Jahren damit beginnend: Ich denke, dass ich selten ein anderes Buch so oft gelesen habe, wie John von Düffels „Ego“, in dem es um einen narzisstischen Menschen geht, der sich nur um sich selbst, seinen fast perfekten Körper, seine eigenen egoistischen Bedürfnisse und das Verurteilen, Bewerten und Benutzen anderer dreht.

Ich mochte schon damals von Düffels Humor als Autor sehr gerne und hatte viel Freude daran und Bewunderung dafür, wie er enorm wortgewandt, witzig-bissige Sätze aufs Papier zaubern kann und damit einen ganz besonderen und klugen Humor kreiert.
Auch wenn man sich ein Interview von oder eine Talkrunde mit ihm ansieht: Ihm springen schelmisch Schalk und pure Freude aus dem Augen, dem verschmitzten Lächeln. Ein wunderbar lebensbejahender leichter Autor, wie ich finde. Und ich lese und liebe seine Bücher.

Inzwischen haben ich mit großem Genuss auch seinen Roman „Goethe ruft an“ gelesen.
Eine faszinierende Komödie mit durchweg viel satirisch gewitzter Schreibe, herrlich leicht – wunderbar amüsant.

Es geht nicht um Goethe in diesem Buch, sondern eine Art Freundschaft, die Jagd und das Haben von beruflichem Erfolg, und die damit verbundene große Kluft – was den gesellschaftlichen und sozialen Status angeht – zwischen den beiden Protagonisten.
Es geht darum, was es bedeuten kann echte Größe und Charakter zu besitzen, oder eben nicht.

Hinterlässt nicht jeder Mensch, so wir ihn hinter uns lassen, oder er uns, eine Lücke, die sich nie mehr wirklich schließen läßt, deshalb, weil wir alle anders sind und keiner und nichts diesen einen in seiner Gesamtheit ersetzen kann?

Warum soll diese Lücke überhaupt geschlossen werden?

Macht diese Lücke nicht Sinn, weil sie Platz macht für einen reiferen wie guten Blick, für viel Neues und jemanden Neuen, und dennoch den Raum läßt, für die gelebten Erinnerungen mit Betreffendem, die uns niemand jemals nehmen kann?

Sind Lücken deshalb nicht auch immer – trotz manchmal aller Melancholie vielleicht – wunderbar und eine Bereicherung, nach dem Schmerz?

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Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan, mit dem Mut zur Lücke.

Lauf Forrest!

Das Zitat über das „besser scheitern zu lernen,“ stammt vom irischen Schriftsteller Samuel Beckett.

So anders und konträr sein Leben, und das der Schriftsteller damals generell, zu denen heute. Die, die in unserer Zeit Notizen machend in sonnigen Parks und fröhlich belebten Cafés und schummrigen Hotelbars sitzen können ..
oder Zuhause friedlich schreibend, inmitten chaotischer Papierberge, tagelang die Wohnung nicht verlassend ..
und frei reisend, um sich inspirieren zu lassen.

Jo Baker, die britische Autorin, hat sich Beckett’s Lebensgeschichte angenommen und eine Biografie über ihn geschrieben, in der er nicht einmal namentlich genannt wird. Doch jeder weiß: es geht um ihn.

Darum, dass, als der zweite Weltkrieg ausbrach, Beckett von Irland nach Paris ging.
In Paris nämlich erhoffte er sich die Ruhe, die er in seiner Heimat nicht mehr finden konnte und sich für sein Leben und seine Schriftstellerei wünschte.

Er aber bleibt auch in Frankreich unfrei: bei einer neurotischen Mutter, die ihn selbst aus der Fremde stresst, und er lebt die Liebe zu Suzanne, einer Pianistin, die zunehmend an Leichtigkeit verliert, weil auch dort die Luft zum Atmen fehlt, nur Enge und Bedrängnis herrscht, erstickt.

Versuche, Umzüge .. Zuletzt war es die körperliche Betätigung die ihm gut tat, indem ihn diese sich selbst finden ließ.
Sie war Ventil und Lösung.
Auch wenn Martin Suter gegenwärtlich meint: „Leute, die schreiben, sollten keine Hanteln stemmen.“

Gehen oder bleiben, lieben und leiden?
Loslassen, fallen, dann sich selbst fangen.

„Zu dieser Tageszeit sind nicht allzu viele Menschen in der Métro. Auch gut, denn sie sind allesamt Polizeispitzel, die ihn anstarren. Nicht ohne Grund: Seine Tasche hat sich zur Größe eines Koffers aufgebläht, seine Beine sind zu lang für ihn geworden, und seine Ellbogen ragen wie Kleiderbügel heraus. Er ist eine Schnake, die einen Ziegelstein transportiert. Ein Flamingo, der einen Kleiderschrank schleppt. Wem würden da nicht die Augen aus dem Kopf fallen.“
(Jo Baker; „A country road, a tree“ (Ein Ire in Paris))

Ever failed?

Kann gutes Scheitern überhaupt als solches bezeichnet werden, oder ist es stets eine gewinnende Investition in unsere bald aufblühende Zukunft?

Ist schlechtes Gewinnen nachhaltig gewinnen, oder holt uns irgendwann die Vergangenheit dazu ein und überholt, überrollt uns – wir verlieren uns?

Try again.

„Der Füller wandert übers Papier, Tinte färbt das Blatt blau. Worte nehmen Gestalt an. Das ist er: der Beginn.“

Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan, nach frühmorgendlichem Joggen AN der schicken Dreisam, gefühlt verdient IN der kühlen Dreisam. Ohne Hanteln natürlich.

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Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan, nach frühmorgendlichem Joggen an der schicken Dreisam, gefühlt verdient in der kühlen Dreisam. Ohne Hanteln natürlich.

Toleranz und so

„Heidegger, dem die Kriegs- und Nachkriegsgenerationen nachgelaufen sind und den sie mit widerwärtigen und stupiden Doktorarbeiten überhäuft haben schon zu Lebzeiten, sehe ich immer auf seiner Schwarzwaldhausbank sitzen neben seiner Frau, die ihm in ihrem perversen Strickenthusiasmus, ununterbrochen Winterstrümpfe strickt, mit der von ihr selbst von den eigenen Heideggerschafen heruntergeschorenen Wolle.“

So schreibt Thomas Bernhard, nicht tolerant einem Andersdenkenden gegenüber, doch dafür umso gelungener, in „Alte Meister“ (1985) über den Philosophen Martin Heidegger:
Seitenlang, sich ausholend auslassend, lächerliche Schimpfnamen für Heidegger findend, und rhetorisch so stark wie boshaft und merklich selbst getroffen – unter der eigenen harten rauhen Schale.

„Heute ist Heidegger noch immer nicht ganz durchschaut. Die Heideggerkuh ist zwar abgemolken, die Heideggermilch wird aber noch immer getrunken.“

Muss man selbst Intoleranz erfahren haben, um im besonderen Maße tolerant sein zu können, oder tut’s beispielsweise auch eine angeborene Naivität und damit einhergehende grundsätzliche Freude an besonders vielen Menschen, nach dem Motto: je mehr, je lieber?

„.. an diesen lächerlichen nationalsozialistischen Pumphosenspießer.“
„.. neben sich seine Frau, die ihn zeitlebens total beherrscht und alle Hauben gehäkelt und die ihm das Brot gebacken und das Bettzeug gewebt und die ihm selbst seine Sandalen geschustert hat.“
„Heidegger war ein Kitschkopf.“

Bernhard lästerte stets, griff an, traf überspitzt, originell und faszinierend, denn, dass er sich auch selbst erbarmungslos reflektierte, mit ordentlich Kritik versah, nie ausließ, machte ihn ja gerade wieder sympathisch.

So schließt sich mancher Kreis.
Und Bernhard zeigt damit auch auf, dass Boshaftigkeit und Schwarz-Weiß-Denke, möglicherweise gerade bei vorwiegend gelebter Toleranz, eine riesige Lesefreude sein mag.
Vielleicht macht frech gewagte doch gesetzestreue Intoleranz gerade deswegen Spaß, auf harmlosem Papier: Deshalb, da sie bewegt, aufweckt uns überlegen läßt und unsere Toleranz anzukitzeln vermag.

Ziehen wir bei uns selbst denn den Stachel anderer Leute Intoleranz erfolgreich?
Wer, außer uns nämlich muss meinen Kitsch, meine Entscheidungen, meine Lebenswege, gelebte Freiheiten und gesetzte Grenzen gut finden?
Doch ist es nicht wunderbar verbindend, für den der genau das tut?

Und ist Toleranz vielleicht in dem Maße menschliche Größe, wie Bildung die intellektuelle ist?

Toleranz als Eigenschaft und Inspiration, die eingeschlafene graue Gehirnzellen weckt, unser Leben kunterbunter macht und ein funkelndes Strahlen in mürrisch matte ernste Augen zaubert.
Easy, isn’t it!?

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Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan am Genfer See. Und Schwarzwälder(in), wie Heidegger.

Petri Heil!

Mit von der Sonne und dem Salzwasser ledern gegerbter, brüchiger Haut, und auch sonst als ein vom Leben gezeichneter alter Mann, braucht Santiago, Fischer vor Kuba, nicht viel.
 
Sein Körper ist in den Jahren schwach geworden, einzig seine blauen Augen, die die Farbe der See haben, sind lebendig und wach und strahlen wie eh und je.
Aber Santiago hat großes Pech und bleibt viele Wochen ohne einen dringend benötigten Fang.
 
Und da zieht er wieder alleine los, mit seinem kleinen Fischerboot und macht den Fang seines Lebens – überhaupt: seiner kühnsten Träume. Von welchem, zurück an den Hafen gekehrt, nur nichts mehr übrig geblieben ist, außer dem Skelett, da immer wieder die verschiedensten Haie, auf dem langen Heimweg, große Fleischstücke aus dem erlegten riesigen Marlin rissen.
 
Selig ist Santiago dennoch.
Selig und glücklich.
 
Dies ist meine kurze Zusammenfassung von „Der alte Mann und das Meer“ (1952) von Ernest Hemingway.
 
Es geht in dieser Kurzgeschichte um verlorene Anerkennung und Versagen, die Zeit und was sie mit uns macht .. darum, milde belächelt zu werden, doch im Kopf voll Kampfgeist und Stolz zu sein und bleiben. Viel mehr, als darum, ein gutes Leben, im Sinne von anderen, leben zu können.
„Ein Mann kann zerstört werden, nicht aber besiegt.“ (Ernest Hemingway)
 
Santiago hatte 84 schmerzlich lange Fischer-Tage auf seinen Fang warten müssen. Was er aktiv, nicht passiv tat. Wie lange „warten“ wir?
 
Was meinte Marc Twain mit „wenig“:
wenig Besitz, wenig Zeit, wenig Abwechslung, wenig Stabilität oder wenig Sicherheit?
 
Ist es denn Qualität oder Quantität für uns?
Und kommt es nicht einzig darauf an, glücklich zu sein?
 
Auf dass wir das Strahlen in unseren Augen niemals verlieren!
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Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan am Universitätsgebäude der Geisteswissenschaften in Freiburg; Gewohnt gleichermaßen glücklich in fleißigem Verzicht und faulem Luxus – dazwischen dafür nicht.

Reise reise

„Die ersten Sterne waren in den Fenstern zu ahnen, und die Haushälterin zündete drei große schwere Leuchter an, die das Schattenbild der Tafelrunde wie den wunderbaren Blütenkelch einer phantastischen Blume an die Wände malten. .. „Wie im Märchen“, staunte Traps“

Und wer hier so märchenhaft fabelhaft Wörter aufs Papier zaubert, mehr noch aus seinem Ärmel schütteln konnte, ist Friedrich Dürrenmatt.
Besonders verschmitzt, verführerisch verspielt, gerne und deutlich sinnlicher als so manch anderer, und herausragend originell immer in seinem Stil, – wie ich ihn wahrnehme.
Zitiert aus seinem Buch „Die Panne. Eine noch mögliche Geschichte,“ aus dem Jahr 1956:

Ein Mann mittleren Alters, Traps, bleibt mit seinem Auto in der Ferne liegen und findet ein Nachtquartier bei einem sehr alten Fremden, der seine ziemlich gleich alten Freunde dazu eingeladen hat, Gericht zu spielen.
Das, weil sie allesamt früher der Judikativen und Legislativen angehörten. Und dem Gast wird folglich die Rolle des Angeklagten zuteil.
Ihm wird nun, an diesem einen Abend, während einem opulenten, gefühlten 10-Gänge-Menü, ein Prozess gemacht: in aller üppig dekadenten Pracht, einer sich annähernden und befreundenden Schmuserei die zu einem Rausch wird, und bis der Vorhang fällt.

Wann verschwimmt die Realität mit dem Fiktiven: erst nach dem 5. Glas Château Pavie 1921?

Wie sicher können wir stehen, wenn andere an unserer Persönlichkeit und Wahrheit rütteln, sie kneifen, greifen?

Ist Dürrenmatts „Panne“ womöglich bildschöner und unterhaltsamer gleich sowieso, als Kafkas „Prozeß“?

Auch auf die Gefahr hin, dass wir bei einer unserer Reisen einmal mit dem Wagen liegen bleiben und uns eine solche Runde aufnimmt, wie in Traps Fall:
Was ist die Alternative dazu: Zuhause bleiben?

„Die Welt ist (doch) ein Buch. Wer nie reist sieht nur eine Seite davon.“
– Auch so ein fröhlich motivierendes Zitat, welches wir uns zu Herzen nehmen können, wenn wir denn gerne wollen, um die Beine in die Hand zu nehmen und das nächste Ticket ins Wunderland zu buchen, weil Genève, Gansbaai und Ganzwoanders uns rufen.

„Die Weltkugel liegt vor ihm offen.“ (Friedrich von Schiller)

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Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan; Yasmina in der Maranjab Wüste im Iran, wo ich in den Jahren 2012/2013 lebte und reiste, da arbeitete.

J’ai tout oublié, quand tu m’as oublié

Um es vorweg zu nehmen: Das Genie Franz Kafka ist nun überhaupt keiner meiner Bevorzugten. Ich gähne mindestens beim lesen, und brauchte und bräuchte gefühlte einhundertsiebenunddreissig Anläufe, eines seiner Bücher zu Ende zu bringen.
Möglicherweise erkennen wir dann wahre Genialität nicht .. haben einen schlechten Geschmack .. oder einfach nicht den des Mainstream.

Kafka schreibt niemals über die Liebe und das Herz, und das kann uns zu eintönig und kopflastig sein. Zu wenig rosa, rot vielleicht ..
Möglicherweise ist man gelangweilt und bleibt unerfüllt von seiner Schreibe noch dazu, da echte Erotik ebenso Fehlanzeige ist.

Obgleich uns seine Romane und Bücher deswegen nicht berühren mögen, ist seine Persönlichkeit durchaus interessant: Wie immer eben, bei einem derartigen Sonderling, Außenseiter, einem sehr speziellen Vertreter unserer Gesellschaft.

„There is something inherently valuable about being a misfit.“

Jeder schaut hin: irritiert, belächelnd, heimlich vielleicht auch bewundernd, aber fernab der Gesellschaft, deren Stempel und Erwartungen an das einzelne Individuum, muss man erst mal gut leben können. Kafka konnte das.

Als Persönlichkeit gilt er rückblickend bewertet und verurteilt als bindungsunfähig, was die Verbindlichkeit mit Frauen angeht. Das, da hochkompliziert sensibel, gehörig tiefgründig und schlicht gern distanziert. Für ihn war Schreiben auch immer wichtiger gewesen, und um sich den Luxus „nur zu schreiben“ leisten zu können, hat er tagsüber fleißig und beständig in einem „Brotberuf“ gearbeitet. Und sonst geschrieben. Und Schriftsteller ist der einsamste Beruf von allen.

Menschen die ihn kannten, beschrieben ihn als jemanden, mit dem man durchaus viel lachen und Spaß haben konnte und als lange nicht so ernst, wie er anhand seiner Bücher wirken mag. Die schwierige Beziehung zu seinem Vater hat er in „seinem Brief als Buch“ bearbeitet. Die hat ihn dennoch zeitlebens verfolgt, da maßgeblich geprägt.

Vielleicht ein Sympathieträger. Vielleicht mögen wir seine Literatur dennoch nicht.

Durch seinen „Der Prozess“ haben sich so einige zu Schulzeiten gequält. Ein, zwei, drei andere Bücher von ihm vielleicht angelesen.

Aber:
Müssen wir zu Ende bringen, was uns weder inspiriert noch weiter bringt, in dem wer wir sind und wer wir werden wollen?

Müssen wir gut finden, was die Masse als solches hervortut und lobt?

Müssen wir dazugehören, oder ist das Nicht-dazuzugehören-wollen-und-können vielleicht genau unser Ding?

Ich bleibe, wie ich bin.
(Franz Kafka)

Und was uns langweilt, kratzt, nervt oder hoffnungsvoll begeistert und Freudentränen in die Augen oder Lesefreuden in ausschweifende Gedanken treibt, bestimmen wir zum Glück ganz selbst.

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Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan – on tour