Reise reise

„Die ersten Sterne waren in den Fenstern zu ahnen, und die Haushälterin zündete drei große schwere Leuchter an, die das Schattenbild der Tafelrunde wie den wunderbaren Blütenkelch einer phantastischen Blume an die Wände malten. .. „Wie im Märchen“, staunte Traps“

Und wer hier so märchenhaft fabelhaft Wörter aufs Papier zaubert, mehr noch aus seinem Ärmel schütteln konnte, ist Friedrich Dürrenmatt.
Besonders verschmitzt, verführerisch verspielt, gerne und deutlich sinnlicher als so manch anderer, und herausragend originell immer in seinem Stil, – wie ich ihn wahrnehme.
Zitiert aus seinem Buch „Die Panne. Eine noch mögliche Geschichte,“ aus dem Jahr 1956:

Ein Mann mittleren Alters, Traps, bleibt mit seinem Auto in der Ferne liegen und findet ein Nachtquartier bei einem sehr alten Fremden, der seine ziemlich gleich alten Freunde dazu eingeladen hat, Gericht zu spielen.
Das, weil sie allesamt früher der Judikativen und Legislativen angehörten. Und dem Gast wird folglich die Rolle des Angeklagten zuteil.
Ihm wird nun, an diesem einen Abend, während einem opulenten, gefühlten 10-Gänge-Menü, ein Prozess gemacht: in aller üppig dekadenten Pracht, einer sich annähernden und befreundenden Schmuserei die zu einem Rausch wird, und bis der Vorhang fällt.

Wann verschwimmt die Realität mit dem Fiktiven: erst nach dem 5. Glas Château Pavie 1921?

Wie sicher können wir stehen, wenn andere an unserer Persönlichkeit und Wahrheit rütteln, sie kneifen, greifen?

Ist Dürrenmatts „Panne“ womöglich bildschöner und unterhaltsamer gleich sowieso, als Kafkas „Prozeß“?

Auch auf die Gefahr hin, dass wir bei einer unserer Reisen einmal mit dem Wagen liegen bleiben und uns eine solche Runde aufnimmt, wie in Traps Fall:
Was ist die Alternative dazu: Zuhause bleiben?

„Die Welt ist (doch) ein Buch. Wer nie reist sieht nur eine Seite davon.“
– Auch so ein fröhlich motivierendes Zitat, welches wir uns zu Herzen nehmen können, wenn wir denn gerne wollen, um die Beine in die Hand zu nehmen und das nächste Ticket ins Wunderland zu buchen, weil Genève, Gansbaai und Ganzwoanders uns rufen.

„Die Weltkugel liegt vor ihm offen.“ (Friedrich von Schiller)

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Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan; Yasmina in der Maranjab Wüste im Iran, wo ich in den Jahren 2012/2013 lebte und reiste, da arbeitete.

J’ai tout oublié, quand tu m’as oublié

Um es vorweg zu nehmen: Das Genie Franz Kafka ist nun überhaupt keiner meiner Bevorzugten. Ich gähne mindestens beim lesen, und brauchte und bräuchte gefühlte einhundertsiebenunddreissig Anläufe, eines seiner Bücher zu Ende zu bringen.
Möglicherweise erkennen wir dann wahre Genialität nicht .. haben einen schlechten Geschmack .. oder einfach nicht den des Mainstream.

Kafka schreibt niemals über die Liebe und das Herz, und das kann uns zu eintönig und kopflastig sein. Zu wenig rosa, rot vielleicht ..
Möglicherweise ist man gelangweilt und bleibt unerfüllt von seiner Schreibe noch dazu, da echte Erotik ebenso Fehlanzeige ist.

Obgleich uns seine Romane und Bücher deswegen nicht berühren mögen, ist seine Persönlichkeit durchaus interessant: Wie immer eben, bei einem derartigen Sonderling, Außenseiter, einem sehr speziellen Vertreter unserer Gesellschaft.

„There is something inherently valuable about being a misfit.“

Jeder schaut hin: irritiert, belächelnd, heimlich vielleicht auch bewundernd, aber fernab der Gesellschaft, deren Stempel und Erwartungen an das einzelne Individuum, muss man erst mal gut leben können. Kafka konnte das.

Als Persönlichkeit gilt er rückblickend bewertet und verurteilt als bindungsunfähig, was die Verbindlichkeit mit Frauen angeht. Das, da hochkompliziert sensibel, gehörig tiefgründig und schlicht gern distanziert. Für ihn war Schreiben auch immer wichtiger gewesen, und um sich den Luxus „nur zu schreiben“ leisten zu können, hat er tagsüber fleißig und beständig in einem „Brotberuf“ gearbeitet. Und sonst geschrieben. Und Schriftsteller ist der einsamste Beruf von allen.

Menschen die ihn kannten, beschrieben ihn als jemanden, mit dem man durchaus viel lachen und Spaß haben konnte und als lange nicht so ernst, wie er anhand seiner Bücher wirken mag. Die schwierige Beziehung zu seinem Vater hat er in „seinem Brief als Buch“ bearbeitet. Die hat ihn dennoch zeitlebens verfolgt, da maßgeblich geprägt.

Vielleicht ein Sympathieträger. Vielleicht mögen wir seine Literatur dennoch nicht.

Durch seinen „Der Prozess“ haben sich so einige zu Schulzeiten gequält. Ein, zwei, drei andere Bücher von ihm vielleicht angelesen.

Aber:
Müssen wir zu Ende bringen, was uns weder inspiriert noch weiter bringt, in dem wer wir sind und wer wir werden wollen?

Müssen wir gut finden, was die Masse als solches hervortut und lobt?

Müssen wir dazugehören, oder ist das Nicht-dazuzugehören-wollen-und-können vielleicht genau unser Ding?

Ich bleibe, wie ich bin.
(Franz Kafka)

Und was uns langweilt, kratzt, nervt oder hoffnungsvoll begeistert und Freudentränen in die Augen oder Lesefreuden in ausschweifende Gedanken treibt, bestimmen wir zum Glück ganz selbst.

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Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan – on tour

Frisch, fröhlich, frei!

Ach Max (Frisch), wie gerne hätte ich dich gekannt!
Einen Abend, oder auch Nachmittag „nur“, Ovomaltine mit dir getrunken und gedankenverloren Emmentaler Käse auf Holzspießen vernascht, während ich dir andächtig gelauscht und wir zusammen verboten laut gelacht hätten.

Auch deine Zigarren, und deswegen im nebligen Qualm sitzend, hätte ich dir verziehen. Der Richtige kann eben nichts falsch machen, und ich glaube du warst ein richtig cooler Hund und nett dazu.

Schade Schweizer Schokolade!

Und so träume ich heute von einem platonischen Rendezvous mit Sir Richard Branson. Einfach so. Um schauen zu können, was dran ist am Bub (In wenigen Tagen 68 Jahre jung): Am ewigen, sich selbst so ernannten Kindskopf, am, von Peter Pan inspirierten, Optimisten.

Wann habt ihr zuletzt Peter Pan gelesen?
Überhaupt schon einmal?
Kindliche Freuden, Ideen, Hirngespinste: Schönste Alltagsflucht und bereicherndes Kindliches Ich.

Auf die Liebe und die Lust einer Frau gegenüber geht Frisch in seinem Roman „Homo Faber“ ein. Faber ist ein menschenscheuer Technikrat, der sich auf einer Reise in eine junge Frau verliebt. Bis dahin nichts Ungewöhnliches soweit .. Unglücklicherweise aber entpuppt sich das schöne Objekt seiner Begierde, zu spät und erst nach etlichen gemeinsam durchlebten Tagen, findenden Gesprächen, leichtem Lachen, grundendem Tiefsinn und harmlosen wie tragenden Nächten, als die eigene Tochter.

„Ich hielt sie am Arm, die junge Person, die meine Tochter hätte sein können.“
(Max Frisch; Homo Faber)

Tja, und so kam’s dann, dass diese sich tatsächlich als die solche herausstellte.

Immerhin findet in all der Tragik die zerrissene Kleinfamilie noch ein letztes Mal zusammen, söhnt sich aus, zergeht.

Zum auf der Zunge zergehen lassen, empfehle ich übrigens eher ein Stück Schweizer Schoki als dieses Buch, da Frisch gewohnt in Prosa über die Papierseiten galoppiert. Wenig ausschmückend. Technokratisch.

Dass wir einen Menschen als Menschen oder ihn als Mann oder Frau lieben können war und ist soweit klar. Stets unsicher darüber allerdings, was nun tatsächlich mehr von Wert und Bedeutung ist.
Vielleicht ist die Hauptsache einfach die, offen für Wunder zu sein: menschlicher und liebender Art?

Frisch, fröhlich, frei: ohne fromm.

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Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan in Freiburg-Wiehre, Ecke Kirch- / Konradstrasse, unterwegs.

Werthers Echter

Verrückt muss man sein, für die Liebe seines Lebens sterben zu wollen, nicht?

Was das soll das überhaupt sein: Die Liebe des Lebens, die Mann (Frau auch) niemals gelebt hat und sich da einfach irgendwas zusammen phantasiert – idealisiert?
Womöglich können wir den anderen nicht wirklich riechen, wie er das mit der Zahnpastatube handhabt macht uns kirre und im Alltag ist er auch in so manchem mehr Tier als Mensch.

Je emotional reifer wir werden, desto klarer wird uns womöglich werden, dass es zwar immer weniger Menschen gibt, die wirklich mit dem Herzen und im Alltag zu uns passen, aber es DIE eine Liebe auch nicht sein muss, weil es die nicht, dafür genügend andere gibt. Das, weil EIN Mensch in der Regel doch genügt. Und dafür gibt es mehr als genug.

Goethe sah das anders: In seinem von schmerzlichem Herzeleid getragenen Roman „Werthers Leiden“, in dem er seine ganz eigene, in Selbstmitleid versunkene Sehnsucht nach einer Unerreichbaren zum Besten gab.

„Ich suchte Lottens Augen! Ach sie gingen von einem zum andern! Aber auf mich! mich! mich! der ganz allein auf sie resigniret da stand, da fielen sie nicht!“
(Die Leiden des jungen Werthers“ Johann Wolfgang von Goethe (1787))

Strebsame Erwartungshaltung und Verzicht scheint eben doch nicht der größte Genuss zu sein, so Mann (Frau) nicht damit umgehen kann.

Ich liebe dieses Buch. Mal wieder eins. Herrlich und herzlich versunken in Liebe mit viel Sehnen – ganz ohne fruchtende Leidenschaft. Stupide unerfüllt, sich selbstquälend, da am Unmöglichen festhaltend, bis zum Unausweichlichen.
Wie gut, dass Goethe, anders als im Buch keinen Selbstmord begangen hat und seine Nachwelt noch mit dem ein oder anderen Kassenschlager inspirieren konnte.

Goethe, ja. Wenn ich mir so anhöre und anlese was man gemeinhin über sein Leben, sein Wirken, seine Persönlichkeit sagt, sind mir seine Werke bei Weitem lieber, als mir sein Charakter noch sympathisch werden könnte. Von Beerdigungsvermeidung über grenzenlosen Egoismus bis hin zu unfeiner Feigheit und labiler Schwäche ist da die Rede.
Nun gut, wer kannte ihn schon persönlich? Ist alles kalter Kaffee von gestern, angerührt mit einer Prise munterer Mutmaßung und wissenschaftlichem „Möchtegern-Ich-seh-ihn-aber-so“.

Werthers Leiden hingegen Schwarz auf Weiß und wie in Beton der Vergangenheit, der Gegenwart, der Zukunft gemeißelt, bestechen und bestehen mit wahrhaftem Wehen eines vor Verlangen verrückt Gewordenen.

Diese Art dieser Verrücktheit darf uns, buchtechnisch ausgenommen, aber einmal ganz gut und gern gegen den Strich gehen.
Ich lobe mir da die gesünderen Verrücktheiten wie sie Alice im Wunderland oder Peter Pan erleben und sich erlauben. Selbst ein Sir Richard Branson gibt optimistisch an, dass er von Peter Pan sein ganzes Leben und Wirken inspirieren ließ. Nonchalant und verspielt, der Richard Rich.

Und ja: Verrückt, anders, einen kleinen Knall zu haben finde ich ebenfalls wunderbar und bisweilen erfrischend charmant. Ob das allerdings die besten Menschen sind, lassen wir freilich einmal dahingestellt. Auf jeden Fall aber, haben sie jede Menge Leben, Lachen und Spaß!

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Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan (Auslage im Buchladen unweit des Martinstor in Freiburg/Breisgau. Gesehen. Für interessant befunden. Nichts gekauft.)

Feine Liebe

Wir alle haben sie: Unsere erste wundervolle Liebe. Ob mit emotionalem Happy End, rationalem Vernunfts-Ende, Herzschmerz mit schachtelweisem Pralinen-Konsum, nachdem schließlich alles in einer Tragödie endete: Egal, sie war und musste gelebt werden! Ein scheues und gewitzt neugieriges Tasten in eine unbekannte Welt der Seele und Körper.

Ivan Turgenev hat darüber ein ganz hübsches Buch geschrieben. Mehr als 150 Jahre alt inzwischen und herrlich sehnend, wehmütig, mit Herzensschwere und natürlich ohne Happy End, wie es die Russen – mindestens die alten bekannten Schriftsteller – in ihrer gelebten Melancholie eben liebten, taten, gern umschrieben.
Schwelgen im Schmerz. Und mein Vanille-Eis schmilzt in der Sonne, tropft auf’s 60er-Jahre Dress.

Meine erste Liebe ist schon so einige Jahre her, und dennoch: manchmal denke ich noch an sie. Und immer gern, wie wirklich jeder den ich kenne. So unschuldig, vorsichtig, neu und entfesselt frei nämlich, wie „manch jeder“ sich wünschte heute noch einmal an eine Sache herangehen zu können.
Ich kann sagen, dass ich mir das Unbeschwerte erhalte, solange alles entweder schwarz oder weiß ist und ich nur bei schwammigen Grauzonen anfange zu schwimmen, mich schnell und deutlich beginne unwohl zu fühlen und mich eher früher – selten später ziere, winde, zurückziehe, da die Leichtigkeit geht und fehlt. Die, mit der alles steht und fällt eben.

So wie uns manch einer versucht diese Leichtigkeit mit Absicht zu nehmen.
So das Zitat Turgenevs und von Leichtigkeit schreibt er in „Erste Liebe“ auch besonders fein:

„Ich war ein Verliebter. Ich sagte, dass seit jenem Tage meine Leidenschaft angehoben habe; ich könnte indes hinzufügen, dass mit dem gleichen Tage auch mein Leiden begonnen hatte.“
(„Erste Liebe“ von Ivan Turgenev (1860))

Vladimir, süße 16, verliebt sich in die fünf Jahre ältere Nachbarin Prinzessin Zasjekina, die er, von unbekannten Gefühlen übermannt, naiv, unerfahren und sanft zu umwerben versucht.
Für Zasjekina aber ist und bleibt er damit und wer er ist ein Kind.
Sie läßt sich etwas schmeicheln, spielt mit ihm, formt ihn sich und hält ihn zum Narren wie sie ihn braucht, bis sie seiner schnell überdrüssig wird und ihr Interesse Vladimirs Vater und später einem reichen Monsieur gilt, mit dem das ganze Drama auf die Spitze getrieben ein unschönes Ende findet.

Die erste Liebe mag viele Jahre her sein, doch sicher sind wir alle sehr viel selbstbewusster, bewusster und sicherer im Umgang mit ihr im Allgemeinen geworden. Auch darin, auf die Meinung eines anderen nicht mehr Wert zu legen, wenn es sich dabei lediglich um einen Narren handelt, der unserem Glück, unserem Leben, unseren Plänen und unserer Liebe schlicht im Weg steht.

Das wünsch ich uns allen: Liebe zu leben, wie beim allerersten Mal!
Und Dummköpfe auszubremsen oder einfach unbeachtet im Dunkeln lachen zu lassen und für uns dort zu belassen.
Und Turgenev tat das sicherlich genauso.

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Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan (Turgenevs Kurzprosa lesend – im Gras vor dem Theater in Freiburg im Breisgau)

Plüsch & Kristall

Der bitterböse Bernhard hat mir einmal mehr und gut und gern den Tag versüßt: Die österreichischen Geißlein und der große einsame Wolf!

Nur wie heißt es so gewußt:

„If you can’t face the wolf, don’t go to the forest“.

Tja, dass es im Wald und Dickicht gefährlich ist, lernen wir dank Rotkäppchen spätestens in der Vorschule und selbst ich, die im düsteren Schwarzwald aufgewachsen ist und heute am allerliebsten an dessen Rand wohnt, jogge selten dort allein und führe mir lieber die Bücher eines österreichischen Eigenbrötlers zu Gemüt, während ich mitten unter freundlichen Menschen sitze und mir Mühe gebe selbst einer davon zu sein.

Zugegeben, das Böse hat manchmal eine Faszination, der sich so mancher, zumindest lesend, nicht entziehen mag und mir geht es auch so. Lest Thriller, lest Krimis, ich las von Dienst wegen die Berichte der Verbrechen auf den BKA-Blättern und heute – und dies mit Begeisterung – Bernhard.
Vergnüglich und mit großer Eigenwilligkeit was seine Sprache und den Ausdruck angeht: Denn kratzen mich die offensichtlich gekonnt verschachtelten Sätze bei Kafkas Werken, streicheln mich die endlosen Atemzüge ohne Punkt eines Bernhard.

„Das Wahrscheinliche, das Unwahrscheinliche, ja das Unglaubliche, das Unglaublichste wird ihm (Dem Gerichtssaalberichterstatter), der damit, dass er über tatsächliche oder über nur angenommene, aber naturgemäß immer beschämende Verbrechen berichtet, sein Brot verdient, an jedem Tag im Gericht vorgeführt und er ist naturgemäß bald von überhaupt nichts mehr überrascht.“ (Auszug aus „Exempel“; Thomas Bernhard)

1.) Wir stumpfen klar ab, wenn wir nicht aktiv dagegen arbeiten, um weich bleiben zu können. Minus!
2.) Wir gewöhnen uns an Schachtelsätze, wenn wir offen sind. Plus!

Ich bin (noch) kein Wissenschaftler was die deutsche Sprache und Literatur angeht, sondern habe bislang einfach nur ganz großen Spaß daran und Biss dafür. Ich interpretiere hier frei, subjektiv wie eigentlich „manch jeder“ und beschäftige mich selbst in regelmäßig schlaflosen Nächten damit, weil Literatur was Wunderbares ist.
Und Wissenschaft? Sicher, nur noch bin ich nicht drin und zu viel Korsett und wissenschaftlicher Gedanke machen vielleicht den Freigeist ohnehin etwas kaputt, und so genieße ich gerade ein freches Zupfen an der langen Leine.

Eines samstagmittags – heute – sitze ich also im Sonntagskleid auf einer grünen Wiese, im grünen Freiburg, am Platz der alten Synagoge und verirre mich erneut in der Gedankenwelt eines ganz großen Prosaisten, während die Sonne den bleichen Teint küsst und rötet und der kunterbunte CSD seine Aufstellung direkt vor mir findet.
Tatsächlich bin ich amüsiert: Zugegebenermaßen in doppelter Dosis, da mich sowohl der Umzug belustigt, an dessen, gerne und gut halbnackten Teilnehmern, meine Blicke immer wieder fasziniert-irritiert festhängen, bevor ich zurück in Stille und eine andere Welt sinke: Die der Häme, der Hinterhältigkeit, der Schadenfreude, des Zynismus und der ungezügelten Boshaftigkeit nämlich. Und alles so gekonnt, dass es schlecht niemals sein kann. Offen und frei vielmehr.

Was ich, bei all dem Lesegenuss gerne auch sagen möchte, ist, dass ich gerade in den vergangenen Jahren die Erfahrung gemacht habe, dass die Menschen die Räuber, einsame Wölfe und sonstige Täter und Attackierende sind, unsere Liebe am meisten brauchen. Kein Geheimnis, ich weiß: Wissen wir das doch fast alle. Gesund nur und aus der Distanz .. oder wir lassen sie einfach verdammt gute Bücher schreiben.

Alt und neu. Stille und Trubel. Gut und böse. Das sind halt Gegensätze die uns in Extremen bereichern können, wenn wir mögen.
Bernhard geht eigentlich immer. – Sage ich heute, die ihn, bis vor einem Jahr noch nicht einmal kannte. Und als besonderes Schmankerl empfehle ich heute seine Bücher als Hörbücher, wenn sie von Thomas Holtzmann gesprochen sind. Erste Sahne finde ich .. „Wiener Melange“, auch wenn er gern und gut in Gmunden daheim war.
Bernhard und „Der Stimmenimitator“.

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Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan (Lektüre: Bernhard; Postkarte: Scarlett Johansson als Jan Vermeers Griet in „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“)

Frisch

Max Frisch, der Schweizer Schriftsteller, ist mir aktuell der Zweitliebste!

Mit den deutschen Schriftstellern kann ich nach wie vor wenig bis nichts anfangen. Und dabei rede ich von der Vergangenheit, weil ich aktuelle Literatur und Mainstream-Bücher, zumindest bis jetzt, überhaupt nicht lese. Tausende Sachbücher, diverse Ratgeber oder schön illustrierte Kochbücher ansonsten.

Grass, Canetti, Koeppen und selbst Kafka – selbst Goethe – können mich (noch?) nicht so berühren, wie es Turgenev, Dostojevski, Tolstoi, selbst Hemingway und eben die Schweizer und ein Österreicher tun.

Ich liebe alte Werke und bin sowieso sehr altmodisch, weil ich unsere heutige Zeit sehr häufig als zu schnelllebig, laut und oberflächlich empfinde.
Früher war ich neugieriger auf alles und jeden – auch auf Trubel, Party und Lärm. Aber ich habe inzwischen alles gesehen und erlebt was ich gesehen und erlebt haben wollte: Supersonic – in Überschallgeschwindigkeit! Heute mag ich deshalb besonders Ruhe, Tiefsinn, Klassik und Stil und bin Jahre schon nicht mehr überall dabei.

Ich habe ein paar Jahre Golf gespielt. Und was viele, die das nicht ausprobiert haben, nicht wissen: Es muss einem dabei nicht zwangsläufig ums Dazugehören gehen. Ich beispielsweise habe am liebsten alleine gespielt. Frühmorgens oder spätabends, bevor der Platz geschlossen wurde. Ganz alleine habe ich meine Runden gedreht, mich nur auf Abschlag, Spiel, Natur konzentriert und mit dem herrlichen Blick auf meine Stadt begnügt. Das empfinde ich und so viele andere auch am Golfsport wunderschön und als die eigentliche Faszination! Das 18. Loch habe ich dabei auf meinem Heimatplatz gerne ausgelassen, da direkt vor der Club-Terrasse eingelocht werden muss, auf der abends stets reger Trubel und ein Teil der kleinstädtischen Upper-Class erlebte, genoß und sich freudig belustigte.

Nun darf man nicht denken, dass mir dies grundsätzlich missfiel. Überhaupt nicht. Denn gibt es schöneres als wenn Menschen Freude an einer Sache haben und gute glückliche Momente?
Der Champagner nach dem Spiel darf für mich für andere also liebend gerne hinzugehören. Auch mag ich Stil und Klasse und habe eine – doch eher sehr oberflächliche – Vorliebe für so manches, was eben nur ein Maß an Luxus mit sich bringen kann.

Jetzt aber bin ich vielleicht lieber ganz alleine, nachher vielleicht im interessierten Gespräch mit einem Wildfremden, später treffe ich vielleicht Freunde – einen Mentor – für Tiefgang .. Ich lieb(t)e 400 PS auf der Autobahn aufwärts und mach(t)e ein Ehrenamt für „von der Gesellschaft eher Ausgeschlossene“. Selbst gehöre ich wohl auch schon ein wenig dazu: Mein Leben lang schwer zu greifen, sprunghaft, 20x umziehend in der Welt, vor Glück übersprudelnd und doch nie zufrieden.

Irgendwann in meinen 20ern meinte ich einmal normal sein zu müssen und mich dazu zu zwingen und wollte dazu gehören.
Später habe ich dem Lauf der Dinge ihren freien Lauf gewährt und mich seitdem entblättert, erkannt und ein paar Jahre gänzlich abgewandt.
Heute ist es mir egal, ob ich dazu gehöre und mache dies auch davon abhängig welcher Stempel mir vom jeweiligen Individuum aufgedrückt wird. Ist es keiner, bin ich da und nah.

Ein guter Lehrer ist eben einer, der dir zwar zeigt worauf du schauen solltest, aber dir nicht sagt, was du dort zu sehen hast!

Nach meiner mehrjährigen Lebenskrise sehe ich Dinge sehr viel klarer und nicht mehr vernebelt wie früher. Manchmal ärgert mich das zwar, doch so ist es gekommen. Im Rahmen der Entfaltung. In mir drin war ich so schon mein ganzes Leben – wie ich heute weiß.

Von Max Frisch also das Zitat: „dass uns die Zeit nicht verändert, sondern „nur“ entfaltet“.
Aus der Raupe wird also der Schmetterling …

Max Frisch, der, wie Dürrenmatt und Bernhard ebenfalls, und zu meinem großen Glück, für deutschsprachige Literatur steht, hatte sich schreibend Identität und Individualität zu den zwei seiner zentralen Themen gemacht.
Es heißt, dass niemand Festlegung so sehr verabscheute wie er. Und dass seine Sehnsucht immer wieder ein anderer werden zu können, sein großes Thema war.
Frisch wollte mit seiner Literatur dem Menschen den Ausweg aus einer Rolle aufzeigen, die ihm die Gesellschaft aufzwingt.

Schubladen adé! Und so liebe auch ich es, gegen die Versteinerung des einzelnen Menschen zu Lebzeiten anzuschreiben und wünsche mir und jedem einzelnen Persönlichkeiten, die authentisch und suchend sind, wie ich es lange nicht gewesen war und es mir nicht zugestanden hatte. Diese Freiheit ist eine der Besten und vielleicht die einzige Sache die zählt, da sich darauf alles andere aufbauen oder damit zusammenstürzen läßt.

Auf die Freiheit, Authentizität, glückliche Momente und daraus resultierende Möglichkeiten und Liebe: Die jeweils am schönsten sind, wenn wir sie mit wem teilen können, der mindestens versteht, uns lässt und fühlt – gar selbst ist wie wir!

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(Text & Foto: Petissa Pan; Mai 2018)