Hübsche Alleinsamkeit

Wenn dieser Artikel meinen früheren Bekannten und Arbeitskollegen in die Hände fällt, liegen sie vermutlich, sich kringelnd auf dem Fußboden oder runzeln skeptisch die Stirn. „Die introvertiert? Völlig unmöglich.“

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Paris 2011, 2012, 2013, 2014, 2015, 2016, 2017

Ein gutes Jahrzehnt habe ich in einem Beruf gearbeitet, in dem es überaus laut und quirlig zuging. Gemeinschaft und auch Gemeinschaftsausflüge standen ganz oben auf der Liste, das täglich, beziehungsweise mehrmals jährlich und es gab keine Einzelbüros oder überhaupt auch nur eine Einzeltätigkeit. „Gruppenzwang“ mag ich es nicht unbedingt nennen, aber für introvertierte Menschen ist so etwas schlicht viel „wir“ und laut.

Auch irgendwelche völlig überfüllten „All-you-can-eat-Restaurants“, die bei Gemeinschaftstagen anvisiert werden, sind für einen introvertierten Menschen eben wirklich nichts und das erklärt vielleicht nun dem ein oder anderen, warum wir da nie dabei waren oder nie mitgehen werden.

Verstehen kann uns nur, wer uns verstehen will. Das ist damit, wie auch mit allem anderen so.

Introvertierte gehen eben gerne mal unter. Die allgemeinen Interessen und Gepflogenheiten werden von unserer, vorwiegend extrovertierten, Mainstream-Gesellschaft geprägt. Dabei haben die Introvertierten viele gute Eigenschaften, über die ich aktuell jede Menge lese und davon selbst noch viel lernen muss. Jahrelang habe ich mich unbewusst wohl etwas verbogen – in dem Glauben extrovertiert zu sein.

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St. Petersburg 2010

Immer wieder lese ich auch Erfahrungsberichte von Frauen und Männern, denen es wie folgt ergeht oder ergangen ist: Welchen, die sich nicht gänzlich akzeptiert in der Gesellschaft fühlen und welchen, die lange gebraucht haben herauszufinden, dass sie introvertiert sind.

Mei, und das liest sich ja gerade so, als sei Introvertiertheit etwas Negatives. – Was es überhaupt nicht ist. Wir sind die Minderheit, deshalb anders, und damit vielleicht aufregend unaufgeregt? :-) Wenn sich unsere Welt den zurückgezogenen Introvertierten gegenüber noch mehr öffnen würde, könnten beide Seiten davon profitieren, da sich Introvertierte und Extrovertierte gegenseitig, mit ihren unterschiedlichen Wesen und Vorzügen, bestens bereichern.

Auch scheint mir, dass viele gar nicht so richtig wissen, was Introvertiertheit eigentlich heißt. Beispielsweise hat Introvertiertheit nichts mit Schüchternheit zu tun. So oft wird das allerdings falsch verstanden und falsch interpretiert. Es gibt schüchterne Menschen und es gibt introvertierte Menschen. Natürlich gibt es auch die schüchternen Introvertierten, aber auch schüchterne Menschen die überhaupt nicht introvertiert sind, sondern einfach nur eine gewisse „Warmlaufzeit“ brauchen. Und genauso gibt es die Introvertierten, die kein bisschen schüchtern sind. Zu letzteren gehöre auch ich. Ich mag Menschen, bin seit meiner Kindheit bereits sehr neugierig, interessiert und gehe offen auf (fast) jeden zu.

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Düsseldorf 2016

Nun ist der Grund warum ich heute nicht mehr in meinem alten Beruf arbeite, nicht meine erkannte Introvertiertheit, nein. Und hätte es diesen Grund nicht gegeben, wäre ich vermutlich noch heute in diesem riesigen Team, selbst laut, selbst mit Ellbogen und quirlig auf After-Work-Parties, beim Feierabendbier und irgendwelchen Tagesausflügen und sonstigem gemeinschaftlichen „Um-die-Häuser-ziehen“. Zumindest jedes Mal für 1, 2, 3 Stunden, denn interessant ist „die Welt der Extrovertierten“ ja schon. Welcher Introvertierte hat da nicht schon öfter hinein geschnuppert? Mittlerweile habe ich aber genug & oft genug davon gesehen.

Ich wage auch zu behaupten, dass sich introvertierte Menschen im Business nichts bis wenig anmerken lassen und ihre Introvertiertheit nach Feierabend leben und zelebrieren. Das funktioniert auch sehr gut. Anders ginge man vielleicht unter, vielleicht aber auch nicht. Selbst habe ich es nicht ausprobiert, mir aber die Erfahrungen anderer Introvertierter durchgelesen, die eben dies beschreiben.

Irgendwie scheint immer und überall verlangt, dabei und dabei laut und gesellig zu sein. Wer anders ist macht sich zum Außenseiter. Aber um ehrlich zu sein ist das, zumindest im privaten Bereich, doch völlig egal und im Nachhinein haben sich viele, so auch ich mich, dort einfach oft nur angepasst.

Was ist mit dem Zitat:

„It takes nothing to join the crowd. It takes everything to stand alone.“?

Es ist toll! Und ich möchte es jedem introvertierten Menschen als eine Art Mutmacher ans Herz legen. Das, ohne den Extrovertierten zu nahe treten zu wollen, denn die haben ihre zahlreiche Stärken. Wir Introvertierten können eben richtig gut alleine sein und uns stundenlang mit uns selbst beschäftigen. Wir lieben das Alleinsein geradezu und das ohne uns jemals einsam zu fühlen.

Goldene Zwiebeltürme
Moskau 2011

Alles was ich heute erfahre und erfühle ist relativ neu, aufregend und spannend. Manchmal wünschte ich, ich hätte schon sehr viel früher die Möglichkeit gehabt, derart richtig für mich zu entscheiden, aber ich habe es schlicht nicht gefühlt. Und so empfinde ich es auch als sehr interessant, dass ich beide Seiten gut kennenlernen durfte.

Mich würde interessieren, wer von euch dieselben Erfahrungen gemacht hat? Wer hielt sich viele Jahre lang für extrovertiert und ist es eben nicht? Wer liebt das Alleinsein und ab und an das zu zweit sein mit jemandem, der einem wirklich nahe steht, mehr als das auftreten in Großgruppen?

Souveränen Smalltalk hatte ich mir antrainiert und das tun wir Introvertierten uns generell. Richtig Freude macht uns nämlich ein wirklich gutes und „tiefes“ Gespräch. Auch, sich daran gewöhnen auf Parties ab und an im quirligen Trubel und sogar im Mittelpunkt zu stehen ist eine Übungssache. Mir zum Beispiel fiel das überhaupt nicht schwer. Es war nur so, dass ich nach wenigen Stunden bereits genug an Reizüberflutung und Menschen hatte und mein Akku leer war. Und das ist dann genau der Zeitpunkt, an dem sich ein Introvertierter nach Ruhe und Alleinsein sehnt.

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Schloss Benrath Düsseldorf 2016

Um das ein oder andere Fest kommen aber auch Introvertierte nicht herum und es gibt ja durchaus Feste, die wir sehr mögen. Die nämlich, bei denen alles ruhiger, gesitteter und nicht drunter und drüber geht. Ich kann mich daran erinnern, dass Bierzelte (Oktoberfest etc.) für mich der blanke Horror und ein Energieräuber waren, genauso wie auch Fasnet, Fasching und Karneval für mich ein No-Go sind.

Eine Hochzeit im Grünen, vor einem alten verwunschenen Schlösschen, inmitten von Wiesen und Bäumen, dort ein tolles gemeinschaftliches Essen an langen, hübsch gedeckten Tafeln und interessante Gespräche mit fremden Menschen fand und finde ich aber wunderschön. Das ist schöne Gemeinsamkeit für uns Introvertierte.

Wenn wir nur selten privat auf ein größeres Event gehen, ist es alleine daher etwas Besonderes, was auch wieder toll ist, und es überfordert uns nicht. :-) In die Altstadt der Stadt in der ich aktuell wohne, bekommt mich allerdings niemand. Die, und zugegeben, diese ganze Stadt hier, ist so gar nicht vereinbar mit Introvertiertheit und meiner privaten kreativen Verträumtheit.

Was uns gemein sein dürfte ist, dass wir auf wirres gemeinschaftliches Treiben, wildes durcheinanderreden, Bierbänke, grölen, Enge und Lautstärke gerne verzichten. Stattdessen treffen wir uns lieber mit nur einer Freundin oder einem Freund um tiefgründig zu reden, zu sinnieren und – ja klar – auch zu lachen.

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Jardin du Petit Sablon Brüssel 2015

Ein wirklich schönes Hobby für introvertierte Menschen ist übrigens Golf. Besonders wenn wir im Schicht- oder Wechseldienst arbeiten allerdings, da Golfplätze immer höher frequentiert werden, weil sich dieser Sport in den vergangenen Jahren zunehmender Beliebtheit erfreut.

Wer einen riesigen Golfplatz und die Ruhe dort für eine Runde, also zwei, drei Stunden, ganz für sich alleine hat, der erkennt vielleicht die tatsächliche „Faszination Golf“ als sportliches Spiel. Es gibt nur den Platz mit wunderschöner Natur, das Bag mit Schlägern, Bälle und uns selbst.

Ich spielte am liebsten frühmorgens oder im Sommer abends bis zur Dunkelheit. Dann, wenn sich kaum jemand auf dem Platz befand. Nur von der Ferne hörte ich ab und an den Klang eines abgeschlagenen, perfekt getroffenen Balles. (Vielleicht den eines anderen introvertiert alleinspielenden Golfers. :-) ) Immer wenn ich abends bei meinem Heimatclub spielte war es so, dass ich niemals beim 18. Loch einlochte, welches direkt vor der Club-Terrasse (Baden-Baden) endete. Zu dieser Zeit herrschte dort stets reges Treiben und die lauen Sommernächte wurden in großen Gruppen, laut und mit viel Wein begossen. Lieber ging ich nach dem 17. Loch direkt ungesehen zum Parkplatz und fuhr nach Hause.

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Delano Hotel Miami Beach 2014

Zuhause ist ein enorm wichtiger Platz für alle Introvertierten. Da haben wir Ruhe und tanken Energie auf. Wir hängen Gedanken nach, lesen, lernen, sind kreativ oder machen es uns einfach nur alleine gemütlich und schön.

Und Zuhause sitze ich gerade. In meiner Energie-Tankstelle. Und da kam mir der Gedanke zu diesem Artikel. Oft nähe ich ja auch – PetissaPan eben – schreibe was anderes oder ich träume.

Eine ferne Bekannte sagte vor ein paar Wochen zu mir, dass „sie wüsste, dass ich mein Leben nicht genießen könne“. Dies war ihr Kommentar nachdem ich ihr geschrieben hatte, dass ich das Wochenende über Zuhause bliebe. Ich finde es merkwürdig wie oft wir missverstanden werden, denn so tue ich doch genau das was ich will. Das was jeder Mensch der introvertiert ist regelmäßig will und braucht, ist schlicht Ruhe und Zeit mit sich selbst zu geniessen. Und ist es nicht so, dass wir die Vorlieben der Extrovertierten sehr gut nachvollziehen können ohne dazu dabei sein zu müssen?

PetissaPan ist ja fast immer süsse Träumerei. Manchmal gibt es aber auch Dinge die einfach tiefgründig geschrieben werden wollen. Für die ruhigen, verträumten, weichen, sanften, einzelgängerischen, leisen, naturverbundenen Menschen wie du es vielleicht auch bist?

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Zum Abschluss noch eines meiner Lieblingszitate von „Karl dem Großen“:

„Was soll diese Obsession, sich ständig mit Leuten umgeben zu wollen? Das Alleinsein ist der größte Luxus.“

Wunderbar. Und Lagerfeld natürlich. :-)

Veröffentlicht von

PetissaPan

PetissaPan studiert interessiert & neugierig das Leben, und schafft nebenher, leidenschaftlich und fleissig Kreativität, Text & Mode. Sie geht mit offenen Augen & Sinnen durch die Welt, und saugt Inspirierendes & Bereicherndes auf. PetissaPan ist und kreiert leicht, weich, romantisch, verspielt und wunderbar verträumt. Is your world little to mainstream? PetissaPan created an own.

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