Rosarotes Fernweh

Wie fühlt es sich wohl an in der falschen Stadt zu wohnen?

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Also nicht – dramatisch – zur falschen Zeit an einem falschen Ort zu sein, sondern aus rein vernünftigen Gründen erstmal an eine Stadt gebunden zu bleiben, die Tausende andere mögen, die aber niemals richtig für einen selbst sein kann.

Beruflich bedingt bin ich mehr als zehn Mal umgezogen – privat viel gereist – und weiß und fühle darum schnell & bestimmt was ich brauche, um mich in einer Großstadt, einer Kleinstadt, in Deutschland oder auch im Ausland glücklich und verbunden mit einem Platz zu fühlen. Und diese Stadt hier hat das nicht. Zumindest nicht für mich.

Beinahe alles zwickt, es klemmt, ich seufze und trotzdem ziehe ich hier seit gefühlten zehn Jahren dauerlächelnd durch Straßen, Geschäfte, Büros. Diese Stadt und deren Menschen können schließlich nichts dafür, dass sie so grottenfalsch für mich ist. Und ein Lächeln ist man da nicht nur schuldig – nein – es auch durchaus schön, Respekt zu zollen und Freude zu zeigen, für zwei Hände voll wirklich liebgewonnener Menschen, Umstände und Dinge, die ich hier in den vergangenen 18 Monaten kennenlernen durfte. Monate, die sich wie Jahre anfühlen.

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„X“ sieht ja gar nicht so übel aus. Wasser, eine Handvoll schöne Bauwerke, aber wo ist viel Grün und alles was ich in meinem Leben brauche und mag?

Natürlich habe ich die positiven Aspekte hier zu wohnen und mich damit auseinander zu setzen längst erkannt: Ich kann hier beispielsweise seit Jahr und Tag deutlich sehen, was ich nicht will. Das ist wichtig, ein wirkliches Geschenk und das meine ich völlig ehrlich und schreibe es hier gänzlich ohne Ironie.

Es gibt das schlaue Zitat: „I am thankful for all those difficult people in my life. They have shown me exactly who I do not want to be.“ Und so geht’s mir hier. In einer Stadt, die mir mehrmals täglich – und das überdeutlich – zeigt, dass sie es für mich eben so gar nicht ist und dass ich wo ganz anders hingehöre. „That I do not want to be here.“

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Grün! Herzlichen Dank für liebe Blumenhändler mit entzückendem Blatt & Blüte, die es zu erwerben gibt und gilt.

Ich bin aus Baden und bekanntlich von der Sonne verwöhnt. – Was ein Werbeslogan über den dortigen Wein verkündet. Und ehrlich, ich mochte einst besonders Regen sehr gern. Für mich gab es beispielsweise nicht schöneres als bei Regen zu joggen und danach heiss zu duschen. Und hier kann ich es nicht ertragen Regen in der Wettervorhersage zu sehen, ihn auf meiner Haut zu fühlen und überhaupt zu riechen. Regen riecht so ganz anders in Baden, Paris und Buxtehude.

Nein, das hier ist wahrlich keine Liebeserklärung für diese wirtschaftsträchtige Stadt im Rheinland. Die überlasse ich anderen und benutze die Stadt, etwas emotional eingefärbt, als Beispiel für das Thema meines heutigen Blog-Beitrags.

In der gefühlt richtigen Stadt zu wohnen, ist nämlich wie die Sache mit dem „richtigen“ Mann: Der richtige Mann kann nichts falsch machen und der falsche nichts richtig. Manche mögen nunmal Erdbeereiscreme lieber als Schokolade, ziehen Pasta Pommes vor, oder bevorzugen Selters anstatt Sekt. Es ist wie Äpfel mit Birnen zu vergleichen und der eine mag eben keine Birnen und ist verrückt nach Äpfeln.

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Wir sind verschieden und meine Meinung über diese Stadt ist aus diesem Grund völlig subjektiv und allein mein Empfinden. Für jemand anderen gibt es eine andere Stadt, ein Dorf, über das er vielleicht kaum Positives zu berichten hat. Für jemand anderen mag es auch völlig unverständlich sein, wie sehr ich ein, zwei Städte in Baden richtiggehend liebe. Es geht hier allein um das Gefühl, in einer Stadt oder einem Ort sein zu „müssen“, an dem wir nicht gerne sind und nicht um eine objektive Wertung.

Und das Gefühl am falschen Ort zu sein, kennen sicher einige von uns. Und dieses Gefühl läßt sich auch nicht von anderen ausreden, – diese Stadt sich einem schön reden. Am falschen Ort zu wohnen ist auch ein bißchen so, wie in einer schlechten Beziehung festzustecken: Wir kennen den anderen, wissen ganz genau, dass es nicht (mehr) passt, aber bleiben dennoch – aus eher nüchternen Gründen. Da hilft auch kein “Aber ihr paßt doch so toll zusammen!” von Bekannten. Wir fühlen was sein soll und was nicht und früher oder später gehen wir.

Immerhin spielen wir bei einem “am falschen Fleck sein und dennoch bleiben” nicht mit irgendwelchen Gefühlen. Dieser Stadt ist es nämlich völlig egal, ob ich da bin oder nicht. Es wird eines Tages ganz einfach ein Neuankömmling oder ein bereits Angekommener mit meiner süßen Wohnung hier bereichert und ich bin weg.

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Wer gerne nachvollziehen möchte, wie und für was mein Herz schlägt, macht eine Woche Urlaub in Baden-Baden oder er bucht ein Wochenende in einer romantischen Ecke in Paris. Mehr möchte ich darüber auch gar nicht sagen, denn darum geht es hier nicht. Es geht nicht darum, was ich will, sondern darum, was wir (und ich) nicht wollen, wie sich das anfühlt und was uns in einer solchen Situation dennoch bereichern kann – was wir lernen und mitnehmen können.

Ich wäre nämlich nicht ich, wenn ich nicht mindestens genau so häufig in süsser Phantasie festkleben würde, die mich gewohnt sehr glücklich macht und mental befriedigt. Viel öfter nämlich, als ich der Realität unter grauem Himmel in die Augen sehe. Und ich mag meine Wohnung hier, als mein echt gemütliches Zuhause. Und ich mag auch, dass ich die Stadt nicht mag und mich so voll und ganz auf mich, einige wenige Kontakte und vor allem meine Karriere und Zukunftsplanung konzentrieren kann.

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Um glücklich von A nach B zu kommen, schwelge ich also täglich, stündlich, im Minutentakt, in meinen Erinnerungen und den Städtetrips über die Wochenenden. Das, während ich über den Boden hier flaniere. Und ja, genau, ich flaniere. Gerne in hohen Schuhen – seltener in Ballerinas und niemals in Segelschuhen oder Sportschuhe, die so typisch für hier sind. Mein russisch- und tussig-inspiriertes Schuhwerk läuft also auf dem Asphalt einer sportiven westdeutschen Stadt und die Gedanken hängen woanders: Über Paris sage ich, dass ich eine Fernbeziehung mit dieser Stadt führe. London als Stadt ist meine Affäre. Moskau ist im Winter wunderschön. Meine Freundin wohnt in Baden. Und erwachsen sage ich mir, dass ich hier reifen kann und das Gute mitnehmen sowieso.

Was die Sache inzwischen wenig hübsch in die Länge zieht, ist die Tatsache, dass ich mich hier nicht mehr einlasse. Das habe ich eine längere Zeit versucht und dann verworfen. Mein anderer Fuss – metaphorisch gesprochen – steht nicht mehr auf diesem Boden hier. Er steht mittlerweile wieder in meiner blumigen Vergangenheit, in Städten meiner Alltagsfluchten, oder auch bereits in meiner rosigen Zukunft, die ganz woanders sein wird.

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Rebellion gegen eine Landeshauptstadt.

Mein Lächeln ist trotzdem echt, denn es ist für die Menschen hier, die so gar nichts dafür können, dass ich mich wie ein Englishman in New York fühle. Ein Alien, das die falschen Schuhe trägt. Ein sonnenverwöhntes Geschöpf, das vom warmen Regen in die Traufe kam. Aber mein anderer Fuss, mein Herz, die fehlen eben leider und so quieke ich vergnügt, wenn ich jeden einzelnen Abend eines Tages weiss, dass wieder ein Tag weniger bleibt, den ich hier sein werde.

Denkt ihr eigentlich, dass wir uns mit einem Platz oder Menschen aussöhnen, wenn wir wissen, dass eine Situation bald der Vergangenheit angehört?

Wie können wir uns eine Zeit an einem Ort noch gefühlt verkürzen, indem wir sinnvoll was genau damit anstellen?

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Ob ich je bereuen werde diese Stadt in Monaten oder in einem Jahr zu verlassen?

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Die Kündigungsfrist meiner Wohnung beträgt eine einzige Woche und das allein ist für mich ein Grund noch gut bleiben zu können. Allein das Wissen um die Freiheit, dass ich quasi von heute auf morgen gehen könnte, macht mich so zufrieden, dass ich noch nicht gegangen bin. Und vielleicht ist auch das allein die Kunst? :-)

PS: Irgendjemand meinte vor ein paar Monaten, dass Köln gut zu mir passen würde. „Bitte? Nein, ganz sicher auch nicht.“

Veröffentlicht von

PetissaPan

PetissaPan studiert interessiert & neugierig das Leben, und schafft nebenher, leidenschaftlich und fleissig Kreativität, Text & Mode. Sie geht mit offenen Augen & Sinnen durch die Welt, und saugt Inspirierendes & Bereicherndes auf. PetissaPan ist und kreiert leicht, weich, romantisch, verspielt und wunderbar verträumt. Is your world little to mainstream? PetissaPan created an own.

4 Gedanken zu „Rosarotes Fernweh“

  1. Ich habe deinen Text auf fb geteilt – und die Leute fragen mich, ob ich das veröffentlicht habe. Ich bin aus Baden, x-mal umgezogen und stecke nun beruflich in NRW fest. Dass dein Text nicht von mir stammt, kann ich selbst kaum glauben!

    Vielen Dank dafür!

    1. Liebe Katrin, das ist ja witzig, dass es dir genauso geht. :-) In dem, dass ich, wie du ja auch, schon so oft umgezogen bin, habe ich tatsächlich schon häufig Menschen kennengelernt, die sich dort, wo sie im Moment lebten & arbeiteten nicht wohlgefühlt haben. Auch, dass mein Artikel auf „Edition F“ inzwischen bereits 60x geliked wurde, zeigt ja, dass es vielen so geht und wir nicht alleine mit unserem Gefühl sind. Ich denke wir können dennoch immer Positives in jeder Stadt sehen, Gutes für die Zukunft mitnehmen und die Zeit für unsere Entwicklung nutzen. Herzliche Grüße, PetissaPan

  2. Liebe PetissaPan,

    es gibt diese Morgende, da wacht man auf und spürt es wieder ganz deutlich am falschen Ort und alles andere als glücklich zu sein. Dann habe ich per Zufall deinen Text gelesen und habe mich so verstanden gefühlt. Diese Stadt in NRW wird nie mein zu Hause. Die Fragen die du aufgeworfen hast, werden mich wohl noch eine Weile beschäftigen. Was ich sehr schön an deinem Text fand und definitiv für mich spiegeln sollte, ist die positive Herangehensweise. Danke fürs bewusst machen.

    Liebe Grüße
    Sara

    1. Liebe Sara, ich freue mich sehr über deinen Kommentar und, dass ich dir ein bißchen ein Ratgeber sein durfte. Herzliche Grüße und ganz viel sanfte Sonne zu dir. PetissaPan

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