Faltengenestel

Irgendwann werde ich – mit Glück – eine alte Frau mit einem alten Gesicht sein. So, wie es Albert Camus in seiner Erzählung „L’Etranger“ (Der Fremde) beschreibt:

„Ich sah keine Augen, nur einen glanzlosen Schimmer innerhalb einem Faltennest.“

Das Gesicht, meines, meine ich, wird faltig sein. Unser aller Gesicht. Mehr oder weniger faltig zumindest. Und Faltennest hört sich lustig und kuschelig an.

Die Augen sollen jedoch ganz anders sein: Sie sollen strahlen und glanzvoll sein und interessiert und keck und frech und fröhlich und warm und wissbegierig und strahlend und wach und gütig und verträumt, bis zu meinem letzten Tag. Bis zu unserem letzten Tag.

Dass ich ein Kindfrau-Gesicht habe, wurde mir vererbt. Und das war mir nicht immer eine Freude: Auf ewig ein Mädchen zu bleiben – irgendwann gar ein altes Mädchen zu sein – und nie eine schöne Frau, mehr Fee. Dass ich mit Schminke – außer mit pinkem Lippenstift – fast immer aussehe wie angemalt und unnatürlich, wie ein Clown auf Karneval. Nicht gut!
Inzwischen habe ich meinen Frieden damit gemacht, weil es gut ist wie es ist und weil immerhin eine meiner Facetten, so besser zum Gesicht passt.

Trotzdem gingen gerade die vergangenen Jahre nicht völlig an mir vorüber. Ich hatte keine richtig glückliche Zeit, viel Stress, viel zu verarbeiten, zu beweinen, zu betrauern und Sorgen.

Umso glücklicher macht es mich, dass es nach allem Erlebten, Stunden oder ganze Tage gibt – wenn ich mich wohl und wohlig fühle nämlich – in denen ich immer noch eine vollkommen unbeschwerte Ausstrahlung habe: Wie ein gänzlich naives Kind, ein frecher Kobold, eine Unbeschwerte mit reinweißer Weste.

Ich weiß heute, dass egal was wir erleben, wir nicht verbittern oder erhärten müssen und uns unseren weichen Kern erhalten können.

Ich weiß heute, dass wir unsere kindliche Leichtigkeit bis ins mittlere – also auch bis ins hohe – Alter auf unserem Gesicht nach Außen tragen können.

Ich wünsche mir, je mehr Falten ich bekomme, und bestimmt auch irgendwann mal noch graue Haare dazu, dass meine Augen alles überstrahlen sollen.
Deshalb, weil Augen der Spiegel der Seele sind und die immer das Innere Kind widerspiegeln sollen, das frei und rotzfrech und engelsfromm in unseren Herzen wohnen bleiben „muss“.

Ich wünsche uns allen, dass das Gute, Leichtigkeit und Strahlen, immer über das Böse siegen mag.

Dass unsere Lachfalten alle anderen Fältchen in den Schatten stellen. Das ganze Faltennest Camus‘.

Ich glaube daran, dass wir unsere Träume niemals sterben lassen müssen.

Ich hoffe für uns, dass wir interessiert sind und immer so interessiert bleiben können.

Neben allem, was wir tagtäglich mit Kopf und Händen leisten und tun, bedarf es doch nichts so sehr, wie eines guten Herzen und eines Kindes voll Schabernack darin. Denke ich.

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(Text & Foto: Petissa Pan; beides April 2018)

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PetissaPan

PetissaPan studiert interessiert & neugierig das Leben, und schafft nebenher, leidenschaftlich und fleissig Kreativität, Text & Mode. Sie geht mit offenen Augen & Sinnen durch die Welt, und saugt Inspirierendes & Bereicherndes auf. PetissaPan ist und kreiert leicht, weich, romantisch, verspielt und wunderbar verträumt. Is your world little to mainstream? PetissaPan created an own.

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