Freiheit ist loslassen

In den vergangenen zwei Wochen habe ich vier Bücher (darunter zwei lange Romane) von Thomas Bernhard gelesen. Das, weil mich das erste Buch von ihm, das ich gelesen habe („Holzfällen“), derart in einen Bann gezogen hat, wie ich es bei keinem anderen Autor davor erfahren hatte.

Ich mag die Russen – besonders Turgenev – sonst am liebsten. Die schreiben über Liebe und Gefühlsschmerz so wunderschön schwärmerisch und düster melancholisch sehnend. Und ausschmückend, detailverliebt, witzig, mit stichelnd fieser Gesellschafts-Kritik, die das Gute im Menschen anregen soll und den Leser auf wahre Werte besinnen läßt. Das liegt mir und berührt mich im Herz.

Bernhard hat mich ausschließlich in Kopf und Verstand erreicht. Aber wie!
Er schreibt in harter, größtenteils verachtender, hasserfüllter, vor allem aber auch belustigender amüsanter Zynik, über seine großen Enttäuschungen und Wunden im Leben, und alles was ihn negativ umtreibt. Er spricht aus, was viele andere nur heimlich denken und nicht aufs Papier bringen (können).
In seiner unverfroren nackten Offenheit, dem schadenfrohen Humor, wenn man an die daraus resultierten Auswirkungen, bei den damaligen Adressaten innerhalb der Wiener Gesellschaft denkt, und dem ungewöhnlichen – sich andauernd wiederholenden – Schreibstil, ist er der Schriftsteller, der mich so sehr zum Lachen brachte, wie es kaum einer – vielleicht keiner – zuvor schaffte.

So arrogant, selbstgefällig und egoistisch er ist, so schonungslos hart geht er nämlich kritisch auch mit sich selbst ins Gericht. Und so etwas ist eine echte Seltenheit, zeigt Größe und war mir ein völlig ungewöhnlicher Lesegenuss, der mich sehr anregte und beschäftigte – aufwühlte – und mich tagelang mit nichts anderem, als mit ihm, seinen Werken und seiner Persönlichkeit beschäftigen ließ.
Und so etwas liebe ich: Faszination. Ein Mensch, der etwas in mir bewegt, aufreißt, tut, was ich noch nicht kannte.
Ein reflektierter Narzisst, den ich im wahren Leben nicht hätte kennenlernen wollen, da ich anhand seinen Werken – wie jeder andere auch – genau erkennen kann, welches Geistes Kind er war. Die Art Persönlichkeit, mit der ich mich nicht befreunden oder bekannt machen wollte.

Was er, außer mangelndem Herz und fehlender Charakterstärke, – was ich mir nicht zusammengereimt zu meinen habe, sondern was er in seinen Werken selbst ganz frei über sich zugibt, – noch vermissen lässt ist, dass er nicht über Mut verfügt.

Ja, er hat polarisiert und Skandale verursacht, aber ehe es dazu kam, hat er viele Jahrzehnte lang still gelitten, selbstzerstörerisch, im inneren rumort, erkrankt, und seine Verletzungen, neben denen die er in seiner Kindheit erlebt hatte, so nie verarbeiten können.
Sie sind über die Jahre zu sicherlich noch größerem Groll und einer nicht mehr zu überwindenden Verachtung angewachsen – bis er darüber schrieb – bis er ein Werk veröffentlichte – und er sich so eine Stimme verschaffte, die ihm in seinem von Wut und Boshaftigkeit überdeckten Schmerz, ein Ventil gewesen sein dürfte.
Bernhard war weder mutig, noch war er je frei. Und hat sich damit letztendlich am meisten selbst geschadet.

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Frei sein, bedeutet im Moment zu leben
Eigene Bedürfnisse zu achten und äußern
Selbstliebe, und weitere Chancen zu vergeben
Nur wenn es uns ein tatsächliches Bedürfnis ist.

Frei sein, ist alles uns Angetane zu vergeben
Um leicht und fröhlich zu werden
Nicht, um anderen dieses Geschenk zu geben
Sondern in erster Linie, es für uns selbst zu tun.

Frei sein, ist so zu entscheiden
Wie es uns entspricht
Weil keiner in uns hineinschauen kann
und alle Gründe kennt, wenn auch darauf erpicht

Erst wer mutig und frei lebt
Versteht
Wovon ich hier schreib‘
Und red‘.

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Anders kann man zumindest ein großartiger Schriftsteller – der Bernhard zweifellos ist – werden und Generationen bewegen.
Er gehört nach allem was ich von und über ihn gelesen habe, von nun an zu meinen Favoriten. Und wer hätte gedacht, dass ich – Favorit – über eine narzisstische Persönlichkeit noch jemals ein weiteres Mal sagen würde?

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(Foto & Text: Petissa Pan ((April 2018)

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PetissaPan

PetissaPan studiert interessiert & neugierig das Leben, und schafft nebenher, leidenschaftlich und fleissig Kreativität, Text & Mode. Sie geht mit offenen Augen & Sinnen durch die Welt, und saugt Inspirierendes & Bereicherndes auf. PetissaPan ist und kreiert leicht, weich, romantisch, verspielt und wunderbar verträumt. Is your world little to mainstream? PetissaPan created an own.

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