Live life!

Aus gegebenem Anlass:

Vor sieben Jahren, als ich für ein Jahr auf der Deutschen Botschaft in Moskau gearbeitet hatte, fing ich dort, vier Monate vor seiner, fünf Monate vor meiner Abreise, an mich mit einem amerikanischen Diplomaten zu verabreden.
Wir hatten uns im Winter bei einer „Art Eishockey“ kennengelernt, die wir beide aktiv ausübten.
Diese Spiele wurden in jeder Woche mit Beginn des frühen Winters dort, auf dem deutschen Botschaftsgelände ausgetragen und es traten die Botschaftsangehörigen der verschiedensten Nationen gegeneinander an. Eine tolle Möglichkeit mit den verschiedensten Menschen unterschiedlichster Nationalitäten, bei dem anschließenden Umtrunk und Barbecue bei bis zu minus 40°C ins Gespräch zu kommen.
Auch das: eine großartige Zeit und Erinnerung!

„Mein“ Diplomat war ein paar Jahre jünger als ich – zwischen Mitte und Ende 20 – und verfügte damals doch schon mindestens über die selbe Lebenserfahrung und eine viel bessere Bildung. Er kommt aus einer Diplomatenfamilie, bei der beide Elternteile Botschafter waren/sind und er war zielstrebig dabei nachzueifern. Seit seiner Kindheit ist er es gewohnt, dass er nie länger als ein paar wenige Jahre an einem Fleck Erde wohnt. Je nachdem wo seine Eltern für ein paar Jahre im diplomatischen Dienst arbeiteten. Und seit er erwachsen ist geht er gewollt denselben Weg.
Das hatten wir durchaus gemeinsam:
Häufige Abschiede. Entwurzelung. Keine Wurzeln. Loslassen müssen. Neuanfänge.

Nur wenige Tage vor unserem Abschied, bei einem unserer letzten Treffen sagte er mir etwas sehr Schönes – zugleich auch Trauriges.
Es war auf seiner Abschiedsfeier, die über den Dächern Moskaus, in einem von ihm an diesem Abend, privat zur geschlossenen Gesellschaft angemieteten Club, stattfand.
Auf der dortigen Dachterasse nebeneinander an der Railing stehend, unsere Blicke auf den pfirsichfarbenen Himmel gerichtet, den die soeben untergegangene Sonne hinterlassen hatte, sagte er, dass sein Vater, ihm einmal folgende Worte gesagt hätte:
„Immer wenn wir irgendwo gehen müssen, werden wir kurz zuvor noch eine Person kennenlernen, die besonders für uns sein und bleiben wird.“

Wir wussten damals nicht sicher, dass es ein Abschied für immer sein würde. Wir hofften darauf, dass ich ein knappes Jahr später einen Posten auf der Botschaft in Washington bekommen könnte. Wir hätten uns dann für ein halbes Jahr lang dort sehen können.
Für mich wurde es allerdings zwei Monate nachdem ich bereits die Zusage für Washington erhalten hatte, das Jahr im Iran. Er ging ein halbes Jahr nachdem ich nach Teheran gegangen war für ein Jahr nach Kabul.
Wir haben uns nie mehr wieder gesehen, schon lange keinen Kontakt mehr und doch klingen seine Worte nach und behalten ihren Sinn.

Erfahrungen und Erlebnisse sind so oft so viel wichtiger als, und immer mindestens gleich wichtig wie, das was wir aus Büchern erlernen können. Erinnerungen, die unsere Herzen berührten, die niemals verloren gehen und das Leben sind.

Und ich war, so schmerzvoll der Abschied damals war, immer so dankbar und glücklich über die tollen Erlebnisse, die wir zusammen hatten. Wir waren im Winter im Gorki Park auf den dortigen gefluteten Wegen, die eine Eisfläche gebildet hatten, Schlittschuhlaufen … Wir kannten sämtliche Parks der Stadt Moskau, auf dessen Wiesen wir Barbecue aßen und Bier dazu tranken, Karussel fuhren, uns einfach nur unterhielten.
Freuden, die wir in keinem Buch der Welt kennenlernen können. Erinnerungen, die wir nicht kennenlernen, wenn wir unseren Standort nicht wechseln. Erinnerungen, die uns niemand nehmen kann und Gespräche und Inspiration, die wir auf ewig in uns tragen werden.

Nicht jede Liebe – sei sie platonisch oder auf körperlicher Ebene – braucht ein Happy End. Das „happy“ dabei – also das was uns glücklich und erfüllt machen wird – ist allein schon das Wissen darum, dass wir mit einem ganz speziellen Menschen, der uns tief berührt hat, weil er tief in uns was berührt hat, eine Zeit lang gehen durften.

Diese Inspiration bleibt und die Lücke die dieser Mensch hinterläßt macht Raum, damit andere Menschen in unser Leben treten können. Auch welche, bei denen Inspiration und Liebe dauerhaft(er) sein kann.

Ich glaube daran, dass wir jeden, ob Mann oder Frau, sein Potential ausleben lassen müssen. Wir dürfen nichts erzwingen und aus Egoismus heraus wollen. Wenn nämlich jemand dazu bestimmt ist in unserem Leben zu bleiben, werden sich unsere Wege ein zweites Mal, ein drittes Mal, immer wieder kreuzen und es wird kommen was sein soll. Ganz von allein.

Alles andere waren und sind vorübergehende Lichtblicke, vorübergehende Lieben, damit vorübergehende Lehrer, und bleiben dennoch eine dauerhafte Inspiration auf unserem weiteren Weg.

Und so können wir das mit all unseren Begegnungen ansehen.
Auch mit Berufen, Tätigkeiten und Beschäftigungen.
Nicht nur einer Tätigkeit nachgehen: Ausprobieren!
Mit Wohnorten.
Nicht nur an einem Platz wohnen bleiben: Mindestens intensiv reisen!
Mit großem Glück, Schicksalsschlägen und Scheitern.
Fallen und aufstehen!
Weil alles endlich ist und letztendlich unser Weg das Ziel – und so oft viel bedeutender als das eigentliche.

Hier spricht schon eine etwas weisere Optimistin aus mir, als die, die noch vor einem Jahr gesprochen hätte. Und ich höre gerade Tchaikovsky.

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(Text & Foto: Petissa Pan; April 2018 / Oktober 2016)

Veröffentlicht von

PetissaPan

PetissaPan studiert interessiert & neugierig das Leben, und schafft nebenher, leidenschaftlich und fleissig Kreativität, Text & Mode. Sie geht mit offenen Augen & Sinnen durch die Welt, und saugt Inspirierendes & Bereicherndes auf. PetissaPan ist und kreiert leicht, weich, romantisch, verspielt und wunderbar verträumt. Is your world little to mainstream? PetissaPan created an own.

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