Plüsch & Kristall

Der bitterböse Bernhard hat mir einmal mehr und gut und gern den Tag versüßt: Die österreichischen Geißlein und der große einsame Wolf!

Nur wie heißt es so gewußt:

„If you can’t face the wolf, don’t go to the forest“.

Tja, dass es im Wald und Dickicht gefährlich ist, lernen wir dank Rotkäppchen spätestens in der Vorschule und selbst ich, die im düsteren Schwarzwald aufgewachsen ist und heute am allerliebsten an dessen Rand wohnt, jogge selten dort allein und führe mir lieber die Bücher eines österreichischen Eigenbrötlers zu Gemüt, während ich mitten unter freundlichen Menschen sitze und mir Mühe gebe selbst einer davon zu sein.

Zugegeben, das Böse hat manchmal eine Faszination, der sich so mancher, zumindest lesend, nicht entziehen mag und mir geht es auch so. Lest Thriller, lest Krimis, ich las von Dienst wegen die Berichte der Verbrechen auf den BKA-Blättern und heute – und dies mit Begeisterung – Bernhard.
Vergnüglich und mit großer Eigenwilligkeit was seine Sprache und den Ausdruck angeht: Denn kratzen mich die offensichtlich gekonnt verschachtelten Sätze bei Kafkas Werken, streicheln mich die endlosen Atemzüge ohne Punkt eines Bernhard.

„Das Wahrscheinliche, das Unwahrscheinliche, ja das Unglaubliche, das Unglaublichste wird ihm (Dem Gerichtssaalberichterstatter), der damit, dass er über tatsächliche oder über nur angenommene, aber naturgemäß immer beschämende Verbrechen berichtet, sein Brot verdient, an jedem Tag im Gericht vorgeführt und er ist naturgemäß bald von überhaupt nichts mehr überrascht.“ (Auszug aus „Exempel“; Thomas Bernhard)

1.) Wir stumpfen klar ab, wenn wir nicht aktiv dagegen arbeiten, um weich bleiben zu können. Minus!
2.) Wir gewöhnen uns an Schachtelsätze, wenn wir offen sind. Plus!

Ich bin (noch) kein Wissenschaftler was die deutsche Sprache und Literatur angeht, sondern habe bislang einfach nur ganz großen Spaß daran und Biss dafür. Ich interpretiere hier frei, subjektiv wie eigentlich „manch jeder“ und beschäftige mich selbst in regelmäßig schlaflosen Nächten damit, weil Literatur was Wunderbares ist.
Und Wissenschaft? Sicher, nur noch bin ich nicht drin und zu viel Korsett und wissenschaftlicher Gedanke machen vielleicht den Freigeist ohnehin etwas kaputt, und so genieße ich gerade ein freches Zupfen an der langen Leine.

Eines samstagmittags – heute – sitze ich also im Sonntagskleid auf einer grünen Wiese, im grünen Freiburg, am Platz der alten Synagoge und verirre mich erneut in der Gedankenwelt eines ganz großen Prosaisten, während die Sonne den bleichen Teint küsst und rötet und der kunterbunte CSD seine Aufstellung direkt vor mir findet.
Tatsächlich bin ich amüsiert: Zugegebenermaßen in doppelter Dosis, da mich sowohl der Umzug belustigt, an dessen, gerne und gut halbnackten Teilnehmern, meine Blicke immer wieder fasziniert-irritiert festhängen, bevor ich zurück in Stille und eine andere Welt sinke: Die der Häme, der Hinterhältigkeit, der Schadenfreude, des Zynismus und der ungezügelten Boshaftigkeit nämlich. Und alles so gekonnt, dass es schlecht niemals sein kann. Offen und frei vielmehr.

Was ich, bei all dem Lesegenuss gerne auch sagen möchte, ist, dass ich gerade in den vergangenen Jahren die Erfahrung gemacht habe, dass die Menschen die Räuber, einsame Wölfe und sonstige Täter und Attackierende sind, unsere Liebe am meisten brauchen. Kein Geheimnis, ich weiß: Wissen wir das doch fast alle. Gesund nur und aus der Distanz .. oder wir lassen sie einfach verdammt gute Bücher schreiben.

Alt und neu. Stille und Trubel. Gut und böse. Das sind halt Gegensätze die uns in Extremen bereichern können, wenn wir mögen.
Bernhard geht eigentlich immer. – Sage ich heute, die ihn, bis vor einem Jahr noch nicht einmal kannte. Und als besonderes Schmankerl empfehle ich heute seine Bücher als Hörbücher, wenn sie von Thomas Holtzmann gesprochen sind. Erste Sahne finde ich .. „Wiener Melange“, auch wenn er gern und gut in Gmunden daheim war.
Bernhard und „Der Stimmenimitator“.

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Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan (Lektüre: Bernhard; Postkarte: Scarlett Johansson als Jan Vermeers Griet in „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“)

Veröffentlicht von

PetissaPan

PetissaPan studiert interessiert & neugierig das Leben, und schafft nebenher, leidenschaftlich und fleissig Kreativität, Text & Mode. Sie geht mit offenen Augen & Sinnen durch die Welt, und saugt Inspirierendes & Bereicherndes auf. PetissaPan ist und kreiert leicht, weich, romantisch, verspielt und wunderbar verträumt. Is your world little to mainstream? PetissaPan created an own.

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