Pro Passung

„Die Menschen sind nie zufrieden. Haben sie wenig, wollen sie viel. Haben sie viel, wollen sie noch mehr. Haben sie das schließlich auch bekommen, wollen sie mit wenig glücklich sein, aber aufgeben wollen sie dafür auch nichts.“

Dies ist eine der wenigen mit Lebenserfahrung getränkten Textstelle aus Paulo Coelhos Buch: Der Sieger bleibt allein.

Ein untypisches Buch für diesen Autor, der ansonsten mit viel mehr Tiefe, einfühlsamer Nähe, Weichheit und Wärme und bei anzunehmenden Schicksalen verstehend punktet. Hier fährt er eine distanziert erzählende sachlich kühlere Linie:
Eine Kriminalgeschichte nämlich, in der ein kalt gewordener Mensch seine innere Leere mit Morden an der fröhlichen Upper-Class zu füllen versucht.

Coelho schreibt von üppigem Luxus. Und Rousseau beruft sich in seinem Zitat darauf, sich gekonnt vortrefflich in Einfachheit zu verbinden, so zu berühren: Frei interpretiert vom mir hier und ich werde es in einen noch anderen Kontext setzen:

Ich bin viele Jahre lang geritten. Englisch. Nicht Western.

Die Kunst bei diesen zwei völlig konträren Reitstilen liegt darin, zu verstehen, dass ein rein western-ausgebildetes Pferd keinen treuen Verfechter der englischen Reitkunst glücklich machen kann und umgekehrt.

Der EnglischReiter nämlich treibt mit seinem Schenkel aktiv und unablässig jeden einzelnen Schritt aus seinem, eigens dafür, ausgebildeten Sportpferd – dem, ich nenne es hier so: „Englischpferd“.

Der WesternReiter hingegen gibt seine Aufforderung in einer einmaligen Hilfestellung an sein Westernpferd, der dieses dann so lange nachkommt, bis der Reiter eine neue, andere, Aufforderung gibt.

Ein EnglischReiter würde ein Westernpferd vollkommen konfus machen, indem er permanent Befehle mit seinem hyperaktiven Schenkel gibt und das Pferd unablässig reizüberflutet.
Das Westernpferd möchte nämlich nur einmal „gebeten“ werden und mutiert danach zum stoischen Selbstläufer.

Das Englischpferd wiederum wird mit der einen Hilfe, die der WesternReiter an das Pferd gibt, genau den einen Schritt gehen dem diesem damit entlockt wurde und sich danach keinen Millimeter mehr vor oder zurück bewegen. Bei einer zweiten Hilfe folgt ein zweiter Schritt, bei einer dritten ein dritter.

Wer also viel gewohnt ist, weiß mit wenig nichts anzufangen? (Englischpferd unter WesternReiter)
Wer wenig Aktion bringt, wird Anspruchsvolles nicht bewegen können? (WesternReiter auf Englischpferd)
Wer wenig gewohnt ist, fühlt sich mit mehr schnell überfordert? (Westernpferd unter EnglischReiter)
Wer viel Aktion bringt, kann in gemütlichen Kreisen für Chaos sorgen? (EnglischReiter auf Westernpferd)

Wir sehen: Passung ist schon essentiell!
Ein Glücksfall jedoch ist, dass wir dazulernen und uns auf Lebewesen und Lebensumstände individuell einstellen können. Dann nämlich wird – wovon Rousseau auch sprach – alles einfach. Und das ist die Kunst: die durchaus frech, blankgezogen, grenzüberschreitend sein darf und sollte. Gelebte Grenzen und sowieso Geschmack sind bekanntlich persönliche Vorlieben. Und das Leben ist zum Glück(!) kein Pferde- oder Ponyhof.

Von wenig zu mehr ist aber auf jeden Fall immer einfacher als andersherum. Diese Erfahrung machte nicht nur Mörder Igor, der trotz Sieg – da Richter über Leben & Tod – am Ende allein bleibt.

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Text: PetissaPan
Foto: PetissaPans Foto eines Fotodrucks eines bekannten Gemäldes im Lieblingsbuchladen am Platz.

Veröffentlicht von

PetissaPan

PetissaPan studiert interessiert & neugierig das Leben, und schafft nebenher, leidenschaftlich und fleissig Kreativität, Text & Mode. Sie geht mit offenen Augen & Sinnen durch die Welt, und saugt Inspirierendes & Bereicherndes auf. PetissaPan ist und kreiert leicht, weich, romantisch, verspielt und wunderbar verträumt. Is your world little to mainstream? PetissaPan created an own.

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