Toleranz und so

„Heidegger, dem die Kriegs- und Nachkriegsgenerationen nachgelaufen sind und den sie mit widerwärtigen und stupiden Doktorarbeiten überhäuft haben schon zu Lebzeiten, sehe ich immer auf seiner Schwarzwaldhausbank sitzen neben seiner Frau, die ihm in ihrem perversen Strickenthusiasmus, ununterbrochen Winterstrümpfe strickt, mit der von ihr selbst von den eigenen Heideggerschafen heruntergeschorenen Wolle.“

So schreibt Thomas Bernhard, nicht tolerant einem Andersdenkenden gegenüber, doch dafür umso gelungener, in „Alte Meister“ (1985) über den Philosophen Martin Heidegger:
Seitenlang, sich ausholend auslassend, lächerliche Schimpfnamen für Heidegger findend, und rhetorisch so stark wie boshaft und merklich selbst getroffen – unter der eigenen harten rauhen Schale.

„Heute ist Heidegger noch immer nicht ganz durchschaut. Die Heideggerkuh ist zwar abgemolken, die Heideggermilch wird aber noch immer getrunken.“

Muss man selbst Intoleranz erfahren haben, um im besonderen Maße tolerant sein zu können, oder tut’s beispielsweise auch eine angeborene Naivität und damit einhergehende grundsätzliche Freude an besonders vielen Menschen, nach dem Motto: je mehr, je lieber?

„.. an diesen lächerlichen nationalsozialistischen Pumphosenspießer.“
„.. neben sich seine Frau, die ihn zeitlebens total beherrscht und alle Hauben gehäkelt und die ihm das Brot gebacken und das Bettzeug gewebt und die ihm selbst seine Sandalen geschustert hat.“
„Heidegger war ein Kitschkopf.“

Bernhard lästerte stets, griff an, traf überspitzt, originell und faszinierend, denn, dass er sich auch selbst erbarmungslos reflektierte, mit ordentlich Kritik versah, nie ausließ, machte ihn ja gerade wieder sympathisch.

So schließt sich mancher Kreis.
Und Bernhard zeigt damit auch auf, dass Boshaftigkeit und Schwarz-Weiß-Denke, möglicherweise gerade bei vorwiegend gelebter Toleranz, eine riesige Lesefreude sein mag.
Vielleicht macht frech gewagte doch gesetzestreue Intoleranz gerade deswegen Spaß, auf harmlosem Papier: Deshalb, da sie bewegt, aufweckt uns überlegen läßt und unsere Toleranz anzukitzeln vermag.

Ziehen wir bei uns selbst denn den Stachel anderer Leute Intoleranz erfolgreich?
Wer, außer uns nämlich muss meinen Kitsch, meine Entscheidungen, meine Lebenswege, gelebte Freiheiten und gesetzte Grenzen gut finden?
Doch ist es nicht wunderbar verbindend, für den der genau das tut?

Und ist Toleranz vielleicht in dem Maße menschliche Größe, wie Bildung die intellektuelle ist?

Toleranz als Eigenschaft und Inspiration, die eingeschlafene graue Gehirnzellen weckt, unser Leben kunterbunter macht und ein funkelndes Strahlen in mürrisch matte ernste Augen zaubert.
Easy, isn’t it!?

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Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan am Genfer See. Und Schwarzwälder(in), wie Heidegger.

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PetissaPan

PetissaPan studiert interessiert & neugierig das Leben, und schafft nebenher, leidenschaftlich und fleissig Kreativität, Text & Mode. Sie geht mit offenen Augen & Sinnen durch die Welt, und saugt Inspirierendes & Bereicherndes auf. PetissaPan ist und kreiert leicht, weich, romantisch, verspielt und wunderbar verträumt. Is your world little to mainstream? PetissaPan created an own.

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