Love or leave

„Der erste Eindruck von Judith: warum konnte ich ihn nicht mehr zurückrufen? Ich versuchte es: eine süße Zuneigung, die mich aufhob und federleicht machte. War das nicht das Maß, mit dem wir immer miteinander hätten umgehen müssen?
Ich hatte es vergessen, wir konnten einander nur noch mit verzerrten Gesichtern betrachten.“
(Peter Handke; „Der kurze Brief zum langen Abschied“)

Ein Buch, erstveröffentlicht 1972, in dem ein getrennter Österreicher in den USA weilt und in seinem Hotel einen Zettel mit nur wenigen – mysteriös drohenden – Worten seiner Frau erhält.
Beide hatten es nie geschafft sich ganz loszulassen und die Nachricht ist für ihn damit beruhigend und beunruhigend zugleich.
Er schwankt ambivalent, gänzlich ohne Stabilität, zwischen der Suche nach, und der Flucht vor ihr. Er reist im Land, reflektiert erstmals und versteht. Und er findet so, als er schließlich auf sie trifft, mit ihr zum längst überfälligen Frieden.

Wieso lieben wir nicht mutig, stolz und mit ganzem Herzen, und wenn wir das genau so nicht mehr tun, gehen: aufrecht, mutig, konsequent?

Warum auch verzetteln wir uns bei: „love it, leave it, or change it“, mit dem „change it“, wenn wir das – rational und ganz logisch gedacht – nur von uns selbst verlangen dürfen?

Warum verharren wir in Berufen, in Konstellationen, an Orten und in allen möglichen Beziehungen zu anderen Menschen, deren Liebe es nicht mehr gibt, nie gab, oder die ganze Situation uns gähnend langweilt und nur mehr nervt?

Irgendwo anders, oder mit jemandem anderen, könnte unser Herz Luftsprünge machen und Salti schlagen, das Glück Hand in Hand gehen, und sowieso alles ganz spielend leicht von dieser.

Trennen wir uns nicht viel(leicht) zu selten?
Was denkst du, wie viele Leben du hast?

Zuletzt glücklich getrennt habe ich mich von der für mich völlig falschen Stadt, und bin dahin zurückgezogen, wo ich stets glücklich war und heute wieder bin.
Die Stadt, die mich unglücklich, doch reifen ließ, mag jemandem – wegen mir auch jedem – anderen Glück bringen!

„Erzählt nun eure Geschichte!“ sagte John Ford.
Und Judith erzählte, wie wir hierher nach Amerika gekommen waren, wie sie mich verfolgt hatte, wie sie mich beraubt hatte und mich umbringen wollte, und wie wir nun endlich bereit waren, friedlich auseinanderzugehen.
Als sie mit unserer Geschichte fertig war, lachte John Ford still, übers ganz Gesicht. „Ach Gott!“ sagte er auf deutsch. Er wurde ernst und drehte sich zu Judith hin. „Und das ist alles wahr?“
(Peter Handke; „Der kurze Brief zum langen Abschied“)

Wenn wir Contenance bewahren und schöne Worte finden können: gut.
Doch vielleicht geht es darum auch überhaupt nicht. Vielmehr womöglich stattdessen darum, dass uns ehrliches Lieben zu verändern vermag.

Und die Gedanken sind sowieso frei.

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Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan – in der märchenhaft schönen Gönneranlage im bezaubernden Baden-Baden – die der Meinung ist, dass lieblich reden alleine „leider“ (lieblich gesprochen) gar nichts wert ist, wenn nicht Wahrheit dahinter steckt und keine Taten folgen.

Veröffentlicht von

PetissaPan

PetissaPan studiert interessiert & neugierig das Leben, und schafft nebenher, leidenschaftlich und fleissig Kreativität, Text & Mode. Sie geht mit offenen Augen & Sinnen durch die Welt, und saugt Inspirierendes & Bereicherndes auf. PetissaPan ist und kreiert leicht, weich, romantisch, verspielt und wunderbar verträumt. Is your world little to mainstream? PetissaPan created an own.

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