Unverhofft kommt oft

Wie gern wär‘ ich in meinen 20ern ein Mensch männlichen Geschlechts gewesen. Wie oft gleich hatte ich mir das gedacht und wünschend schön dabei herbei geredet …
Nur nicht besonders lang, da ich alsbald realisierte, dass die Jungs in ihren 20ern keine perfekte Zeit erlebten:

Die schönsten Körper, die meiste Energie, etwas pickelig vielleicht, ja gut. Doch vielfach schlimm gekränkt durch versagte Lust:
Frust also, der jungen Männer, die da so sehr wollten, hätten auch können, doch nicht konnten, da die Mädels das Zepter in der Hand hielten:

Das Zepter des vielfachen Ablehnens, da diese sich vor Angeboten kaum retten konnten. Und gestandene Männer, mit weltmännischem Blick, Manieren, Portmonee, ja ach, für so viel reizvoller befanden.

Für Borchardt sah’s vielleicht doch anders aus:

„„Meine Hände sind vereist““, und sie waren unter meinem Hemde um meine nackten Hüften. Ich umschlang sie und sie warf sich über mich, ohne auf die anderen zu achten. Aber Agnes schob sich zwischen uns und fing ihr meinen Mund weg, die Mädchen rangen lachend, mit einem kleinen eifersüchtigen Tone, der ihnen aufreizend reizend stand.“
(Rudolf Borchardt mit Weltpuff Berlin.
Nachlass gefundener Manuskripte dieses Schriftstellers: 70 Jahre nach seinem Tod.
So einige hatten angeblich vermutet, dass er immer der war, der sich nun zu bestätigen scheint. Doch damals spielte er recht erfolgreich den Saubermann von Welt.
Muss Mann auch können.)

Als Mädel hat Frau schön die Qual der Wahl, und denkt sich nie und nicht „Und wenn nicht der, dann keinen“.
Prinzessin auf der Erbse ..
auf dem Kirmes ..
in der Disco ..
tief im Wald ..
– so schließ die Augen, munter dreh’ dich, und zeig’ mit dem Finger auf einen den du wollen könntest. Vielleicht. Denn den Richtigen treffen wirst du allemal. Vielleicht.

Köstlich freie frühere Zeit ohne Handybeweise und das ganze Tri-tra-trallalla der Kontrollwütigen heute. Wie sie sie wollen und suchen und fordern: die sensationsgeilen Beweise, gehoffte Sicherheit. Verbohrt festgenagelt in verrucht verfluchter Keuschheit.

Und früher? Nur ich und du, und Müllers Kuh. Undokumentiert!

““Jetzt sterben süßer Junge“ sagte sie lächelnd an meiner Brust. „Und dabei muss ich bald weg. Noch Minuten. Noch zehn.““
(Rudolf Borchardt; Weltpuff Berlin)

Stille Wasser sind tief.
Vermeintlich phlegmatischer Spießbürger, der sich seinem selbst aufgezwungenen Zwang knechtet, und den von der Gesellschaft diktierten moralischen Ansprüchen fügen muss, um neidisch schielend, auf die ungezügelte Lust der anderen blickt, so wie es der kleine Paul auf Peters Kugel Vanille-Eiscreme tut, die Paul nämlich versagt wird, weil der Papi Arzt ist, und Wert auf zuckerfreie Kost, genauso, wie auf Kontrolle von Ehefrau und Kind, in der Familie legt.

Mut mag mit einem spannenden und erfüllten Leben belohnt werden. Gesellschaftliche Ächtung sei dann eins.
Den gesellschaftlichen Stempel aufdrücken zu lassen, oder mit den späteren sehnsüchtigen Gedanken um „hätte, sollte, könnte“ konfrontiert werden wollen?

„Unten war die Gesellschaft aufgestanden und Recha brachte den Mokka und den Cointreau in das Gartenzimmer mit der Glastür, dessen ich mich vom vorigen Male so gut entsann. Es war durch Wandschirme in Kojen aufgeteilt. Im Kabinett brannte eine rote Lampe wie in einem Puff, und waren Matratzen gelegt.
Im anstossenden Salon klimperte Meier Schlager auf dem Klavier. … Finche bot mir frech Brüderschaft an und küsste mich beim Bruderkuss lasziv.“
(Rudolf Borchard; Weltpuff Berlin)

Wie war nun Borchard?
Der, der er im Buch sein will und kann, oder ein neugierig genußvoller Beobachter, Zuhörer, und Storyteller, der, 70 Jahre nach seinem Tod, einmal mehr die Kritiker, Neider oder Hoffenden an der Nase herumzuführen weiß?

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Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan; Null Interesse an den „50 Shades of langweilig“. Vielmehr dafür an rosaroter Melancholie, oranger werdenden Herbsttagen und Borchards unerwartetem literarischen (Feuer)Werk.

Veröffentlicht von

PetissaPan

PetissaPan studiert interessiert & neugierig das Leben, und schafft nebenher, leidenschaftlich und fleissig Kreativität, Text & Mode. Sie geht mit offenen Augen & Sinnen durch die Welt, und saugt Inspirierendes & Bereicherndes auf. PetissaPan ist und kreiert leicht, weich, romantisch, verspielt und wunderbar verträumt. Is your world little to mainstream? PetissaPan created an own.

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