Lust for life

Beim ersten Ton des Weckers springt sie aus dem Bett. Fenster auf, den Frühling hereinbittend, welcher sogleich mit grüner Frische, frischer Grüne, über den seidigen Stoff auf ihrem Bett und den ihres Negligés weht. In freudiger Erwartung, die alte Kirsche im Garten, die, wie mit sehnsüchtigen Armen, ihre schlanken langen Äste – mit zartgrünen Blättchen und marzipanweissen Blüten – nach Drinnen zu ihr reckt.

Ein frecher Blick über die Schulter zugeworfen, und in katzenhafter Geschmeidigkeit, auf leisen Ballen bis zur sanft touchierenden Ferse, in die Küche trabend. Auf dem Weg dorthin die Musikanlage auf „On“ geschalten, Teewasser aufgesetzt.

Beschwingt klingt es da in noch gemäßigt akzeptabler Stärke. Die Nachbarn sagen gewohnt „danke“. Kurz nur, denn schon schlüpft sie in ein Paar ihrer High Heels: Schuhe bis zum Boden, welche sogleich mit spitzem Absatz und Plateau das alte Parkett, den vielleicht heuchelnden Laminat und die bleichen Fliesen zum Takt knutschen, bis diese fast erröten.

Vor dem beinahe deckenhohen und raumbreiten Spiegel in der Diele, wippt ihre Hüfte in feschem Elan nach links und rechts, aktiv vor und zurück, wenn sie den aufreizenden Gang eines echten Topmodels übt. Feminin bestimmt, erfrischende Energie und sicher würde es den Nachbarn auch gefallen, so diese nicht nur das hämmernde Klopfen von Boden bis Decke vernehmen würden. Dann nämlich immer, bevor sie auf dem Sprung raus in die Welt ist, oder von eben dieser nach Hause kommt.

Verträumter Blick der schnell wacher wird, fliegende Arme, Pirouette und Eleganz bis in die Spitzen der gewusst-wie gespreizten Finger. Getanztes Hohlkreuz und Haare wild im und aus dem Gesicht. Breites Grinsen nun und der Griff mit einer Hand ins Regal, den pinken Lippenstift geschnappt, Liedwechsel, aufgetragen, und die Schuhe getauscht. Feine Riemchen um die mädchenhaft feinen Fesseln. Frei!

Das flamingofarbige Nachtkleidchen schnell wie geübt über den Kopf gezogen. Für Sekunden jetzt: schlicht in ihrer Üppigkeit wie Gott und Tanz sie schufen – zufrieden doch gerade nicht gewollt – bevor sie in das lagunengrüne Midikleid schlüpft, welches sie heute Abend tragen wird. Vorfreude und das Fühlen des Spasses des ausgereizten Vorabends. Romantische Romanze, wie der Blick in einen nächtlichen Sommergarten, einen nervösen Dschungel voll verbotener Früchte. Und die zum Dress dazu gedachten Schuhe hat sie nun an. Gedanklich irgendwo zwischen Broadway und L.A.

Lied Nummer vier, die Haare gerade zum lockeren Knoten gezwirbelt. Eine Liedlänge lang mag der mit etwas Glück auch halten. Der Lipstick ist inzwischen leckere Aprikose, war auch schon reif und dunkelrot, und die Lippen stets lasziv geschürzt. Munter wippende Brüste zu den Bee Gee’s und, leicht außer Atem fast, staying alive, Lebenslust und pure frühmorgendliche Freude.

Ein Schluck heisser Detox, ein wenig lauter die Musik, ein wenig Salsa jetzt, die Prise 80er und erneut eine Reise in das lustvolle Jahrzehnt davor. Geschmeidig weich verführerisch und polternd geladen. Und wenn die Lautstärke nicht ausreicht, steigt sie auf Kopfhörer um. Und die neuen roten Sandalen, mit denen sie so manchen Mann überrangt, sind auch fast eingehüpft.

Ein leichtes Kribbeln wegen der am Stoff der Kleider reibenden empfindsamen nackten Nippel läßt sie kurz aufhorchen. Und die Kirsche raschelt vor dem Fenster, als wenn sie amüsiert darüber kicherte. Das scheue Rotkehlchen berührt den schweinchenrosa Kakadu, wie Hubert Kahs Mond die Sonne, und Laetitia bei „Te Amo“ Rihanna.

Der Wecker klingelt ein zweites Mal. Sechs oder sieben Lieder durchgetanzt. Der halbe Schrank liegt mannigfaltig auf Bett und Boden verteilt. Ein süßer Rest des lauwarmen ungezuckerten Tees, und die Vielzahl verschiedenster Nuancen an Lippenstiften und Gloss am Tassenrand. Glückliche Augen, doch die Dusche ruft und mahnt zur Contenance.

Eine dreiviertel Stunde später schlüpft sie in schneeweiße Wäsche, das graue Kostüm mit der Bluse in Champagner: hochgeknöpft. Hauchfeine und puderfarbene Strümpfe, perfekt manikürte Füße darin, die sie geschwind in Pumps in Nude á fünf Zentimeter steckt, und darin grazil oder distanziert stillsteht .. Oder in die Uniform und Springerstiefel, die sie zur Polizistin oder Soldatin machen .. In die weiße Jeans, über die sie in der Klinik den Arztkittel ziehen wird ..

Ein geordneter Dutt und die Brille welche ihr gewünschte Strenge und Ernsthaftigkeit verleihen: Für eine Rolle die sie die nächsten acht Stunden souverän spielen wird.

Das Leben ist bunt, vielseitig und, wenn man so will: pure Lust!

Nicht immer so einfach, dafür umso mehr Spaß, die „drei Ichs“ im Zaum zu halten und ausgeglichen, im eigenen Interesse vor allem, zu leben.

Text & Foto: PetissaPan

Veröffentlicht von

PetissaPan

PetissaPan studiert interessiert & neugierig das Leben, und schafft nebenher, leidenschaftlich und fleissig Kreativität, Text & Mode. Sie geht mit offenen Augen & Sinnen durch die Welt, und saugt Inspirierendes & Bereicherndes auf. PetissaPan ist und kreiert leicht, weich, romantisch, verspielt und wunderbar verträumt. Is your world little to mainstream? PetissaPan created an own.

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