L I E B E – R T E

Es ist aktuell ganz einfach, die Regenbogenfahne zu hissen.

Es war auch ganz leicht, als das Theater in Baden-Baden mit orangefarbigem Licht vor circa einem halben Jahr gegen Gewalt an Frauen demonstrierte, diese Fotos munter zu teilen und sich dagegen auszusprechen. Was aber, wenn man tiefer blickt? So ein Bild ist schnell geteilt und Solidarität ruft Bewunderung und Akzeptanz innerhalb der Gesellschaft hervor. „Ja, genau, wie sind alle gegen Intoleranz und gegen Gewalt an Frauen!!“ Was aber, wenn wir tatsächlich damit konfrontiert werden? Sind wir offen und neugierig genug uns darauf einzulassen, in direkten Kontakt treten zu wollen?

19 – 24-jährig habe ich in Rosenheim in der Kaserne gewohnt. In einem Viererbett-Zimmer mit drei anderen Mädels in meinem Alter, wovon zwei lesbisch waren. Das war damals ganz typisch innerhalb der Bundespolizei. Ich kannte zahlreiche lesbische Frauen; würde sagen, dass zwischen 1995 und 2003 – also zu Beginn meiner Ausbildung und in den Jahren im Einsatzzug danach, zeitweise die gute Hälfte der Mädels lesbisch oder mindestens bisexuell war.

Ich war an zahlreichen Wochenenden, wenn nicht gerade berufliche Einsätze anstanden, in München in der „Szene“ unterwegs. Mit den beiden Kolleginnen, die wir zusammen das Kasernenzimmer teilten. Neugierig offen habe ich mir alles angesehen, mich mit vielen Frauen dort unterhalten, gefragt, gestaunt, diese surreale Nebenwelt lebenshungrig in mir aufgesogen. Und wenn ich einmal zu sehr beflirtet und bezirzt wurde, standen mir die Kolleginnen schützend zur Seite. Dafür bin ich gefahren: Gegen Mitternacht in die Bayern-Metropole hoch – und in den frühen Morgenstunden zurück. Den Jungs hatten wir am Folgetag immer viel zu berichten. Wir hatten eine richtig geile Zeit!

Was Schwule anging, wusste ich zu meiner Kasernenzeit von einem einzigen Fall. Und der hatte es „weiß Gott“ nicht so leicht. Ein Außenseiter unter Hunderten. Die Mädels haben dahingehend auch ganz offen mal geknutscht: Vor Polizeikollegen-Augen natürlich und nicht und niemals für die Öffentlichkeit. Wir waren D I E Gemeinschaft und viel toleranter & entspannter in vielem als man denkt.

Als ich in Moskau auf der deutschen Botschaft arbeitete, bekam ich in diesem Jahr mit, wie schwer es homosexuelle Paare in dieser pulsierenden Metropole hatten und sich versteckten. Ich war regelmäßig mit den Amerikanern in den hippsten Techno-Clubs der Stadt unterwegs gewesen und habe gesehen, beobachtet, nachgedacht. Ich sah dort nie ein gleichgeschlechtliches Paar sich an den Händen halten – geschweige denn sich küssen – aber die sexuelle Spannung und Liebe war spürbar; lag vernebelnd in der russischen Luft.

Im Iran war es genau anders herum. Auch dort lebte ich für fast ein Jahr, bin viel gereist – auch allein – und habe die Gesellschaft beobachtet. In den „kleineren“ Städten; – nicht in Teheran, war es so, dass permanent händchenhaltende junge Frauen meinen Weg genauso kreuzten, wie es Paare händchenhaltender junger Männer taten. Im Gebirge und in der Wüste gingen diese Zärtlichkeiten noch weit weiter. Ohne dabei unter den Augen der Regierung sein zu müssen, intim, unter Augen nur weniger Zeugen. Heterosexuelles Händchenhalten gab es hingegen nicht und niemals.

Was sich amüsant lesen mag, ist eigentlich mehr als nur traurig: Nämlich irgendwie verwerflich.

Dabei ist Toleranz und Akzeptanz für andere so bereichernd und wunderschön, da spannend und erfrischend anders! Ich habe das immer geliebt und liebe es es zu leben. Nicht, dass ich lesbisch wäre, aber ich hatte niemals Berührungsängste damit – nur eine riesige Portion Offenheit und Freude daran, sowie zahlreiche Fragen, – für mich selbst und zahlreiche andere. 

Dass ich erkenne, was die Welt

im Innersten zusammenhält

(Goethes Faust)

Wie reagieren wir aber nun tatsächlich auf ein gleichgeschlechtliches Paar? Wie reden wir darüber, hinter der Fassade, wo wir lächelnd die Regenbogenflagge schwingen?

Wie reagieren wir bei tatsächlicher Gewalt gegenüber Frauen: Sei es häusliche Gewalt, Stalking, erlebte körperliche Misshandlungen und sexueller Missbrauch in der Kindheit, oder anderes. Da wird es bekanntlich ganz schnell ganz still: Wenn es eben nicht nur darum geht, sich öffentlich solidarisch zu zeigen, sondern Eier in der Hose zu haben. – Das schreibe ich, dabei kann ich Umgangssprache nicht wirklich viel abgewinnen.

Wie reagieren wir, wenn Menschen ausgegrenzt werden? Wie reagieren wir auf Menschen, die Dinge erlebt haben, die für andere unvorstellbar sind? Werden wir uns abwenden? Werden wir verstehen wollen und Hände reichen? Oder werden wir auf Social Media schön – im Sinne von en vogue – tun, den Mund aufreißen und persönlich gar nicht aktiv?

Des Pudels Kern ist der der für mich zählt. Wie bereichernd sind so viele Menschen! Wie viel Wundervolles entgeht uns, wenn wir nur an einer Oberfläche kratzen, uns von Andersartigkeit abschrecken lassen, Eintagsfliegenbrei leben.

Wir haben ein einziges wundervolles Leben; dieses so bunt und wunderschön offen und neugierig zu gestalten wie nur möglich. Genug Lebenszeit, sich den gesellschaftlichen Ketten zu erledigen und für das Gute, Echte und bereichernd Andere einzustehen; wenn wir wollen. Wunderbares zieht nämlich Wunderbares an! Und, um noch einmal bei Faust zu bleiben: Die eigene Seele an den Teufel zu verkaufen, mag nicht die beste Idee sein.

Veröffentlicht von

PetissaPan

PetissaPan studiert interessiert & neugierig das Leben, und schafft nebenher, leidenschaftlich und fleissig Kreativität, Text & Mode. Sie geht mit offenen Augen & Sinnen durch die Welt, und saugt Inspirierendes & Bereicherndes auf. PetissaPan ist und kreiert leicht, weich, romantisch, verspielt und wunderbar verträumt. Is your world little to mainstream? PetissaPan created an own.

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