Spasibo!

Was bleibt von einem tollen Menschen, einer tollen Zeit, wenn dieser Geschichte wird – diese vorüber ist?

Mag das Schicksal einer Verbindung gegenüber nicht gut gewillt gewesen sein .. Mag man sich zwischen Zweien haben entscheiden müssen .. Mögen wir rationale Gründe für ein „nein“ gefunden haben:
Hat es nicht immer seine Gründe, dass es manche Menschen nicht in unsere Zukunft schaffen?

Und warum wünschen wir zum Abschied schlicht und nüchtern „Alles Gute“ und nicht das Wundervollste und Beste?
Denn vielleicht – sogar vermutlich – war und hatte man das ja einst einmal für- und miteinander.

Fjodor Dostojewskis „Weiße Nächte“ (1848) ist vielleicht eine der schönsten literarischen Liebesgeschichten:
Melancholisch russisch.
Altmodisch und zart verspielt.
Sehnend, hoffend.
Und natürlich – und einmal mehr – ohne ein Happy End im eigentlichen Sinne.

Stunden zwischen gefühlter Leere und der Suche, sowie dem vermeintlichen Finden und endlichen Erfüllen seines geträumten Traumes von der Liebe:
Ein junger Russe beim erkennen der Einen, als er in St. Petersburg die weinende Nastenka sieht, ihr folgt, überzeugt und sie so wieder und wieder treffen darf.

Mit ihr auf einer Parkbank sitzend, die junge Frau besser kennenlernend und in sein dann liebendes Herz schließend ..
Jeden Tag zur selben Zeit, an dem selben Ort in der Öffentlichkeit: sich gegenseitig ihre Geschichten, ihr bisheriges Leben erzählend und dabei zarte Gefühle füreinander entwickelnd.

Bis der Grund Nastenkas anfänglicher Tränen zu ihrem Lachen wird, und ein Abschied damit unumgänglich.

Eine ganz wundervolle 170 Jahre alte hochromantische Kurzgeschichte über das Gefühl des sich ineinander Verliebens, der beginnenden Vertrautheit, des Pläne Träumens & Pläne Platzens, und das Loslassen.

C’est la vie und braucht denn jede (große) Liebe ein Happy End?

„Ist eine Stunde nichts für ein ganzes Menschenleben?“
(Weiße Nächte; Fjodor Michailowitsch Dostojewski)

Nicht „Alles Gute“, sondern „das Beste“.

Nicht „Glück“, sondern „Erfolg“.

Ein fabelhaft fantastisch übervoll kunterbuntes Leben für dich und von Herzen das Allerbeste!


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Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan, die die Weißen Nächte in St. Petersburg persönlich kennt, hier jedoch in Paris am Pont Neuf ist. Die außerdem meint zu wissen, wann es genug ist .. Immerhin aber auf das Leben vertraut.

Nackte Tatsachen

„All we’ve ever wanted.
Is to look good naked.
Hope that someone can take it.“

Das ist von keinem Schriftsteller, Philosophen, oder ähnlichem. Stattdessen von einem Sänger & Texter. Immerhin. Auch einer der manchmal schreibt und schon geschrieben hat.

Robbie Williams hat’s gesungen. Als ich gerade an einem Text sass. Und es passt so toll zu diesem Foto, (m)einer leckeren Bowl, und kurbelt dabei den phantasievollen Humor ins frech Grenzenlose an.
Wunderbar!

Warum nur immer Tiefsinn – auch wenn wir ihn lieben und seltener an der Oberfläche schwimmen wollen?

Warum nicht einfach alles was wir sein und leben wollen?

Und wenn’s denn tatsächlich nur der Tiefsinn sein soll: why not?

Healthy food, healty spirit?

„All we’ve ever wanted.
Is to look good naked.
Hope that someone can take it.“

Nackte Tatsachen gibt’s sicher auch in den Büchern „Fifty Shades of grey“. Nie gelesen, den Film nie gesehen.

Sich ganz authentisch dafür zu interessieren, was uns antreibt.

Wenn wir nämlich genau definieren können, was uns begeistert, interessiert und bereichert, wird das Leben herrlich federleicht und einfach.

Wie viel Zeit sparst du dabei, weil du die deine respektierst und selbiges von anderen verlangst?

Wie frei kannst du sein?

Dankbar sein für das was ist, ohne aufhören mehr zu tun und mehr zu wollen.
Dankbar sein für das was war, ohne aufzuhören in der Gegenwart und für die Zukunft zu leben.
Dankbar sein für schöne Kleinigkeiten.
Dann klappt’s vermutlich auch mit den etwas größenwahnsinnigeren Spinnereien, und dem damit verbundenen großartigen Glücksmoment.

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Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan, die genau weiß, was sie glücklich macht (und was nicht). Diese Açaí-Bowl zum Beispiel.

You go girl!

„Wenn ich er wäre, hätte ich mich längst nicht mehr angerufen. Ich hätte seine Nummer niemals ins Adressbuch übertragen und Funkstille einkehren lassen.
Und es wäre mir an seiner Stelle völlig egal, ob ich ihn für überheblich, abgehoben oder sonst etwas halte, denn auf einen Freund wie mich, der sich nie meldet, aber beleidigt ist, wenn man ihn nicht regelmäßig anruft, könnte ich gerne verzichten. Wenn ich er wäre.
Aber er ruft mich an. Immer wieder. Immer freundlich und offen. Er ist mir ein Rätsel.“
(„Goethe ruft an“ von John von Düffel)

Vor über 15 Jahren damit beginnend: Ich denke, dass ich selten ein anderes Buch so oft gelesen habe, wie John von Düffels „Ego“, in dem es um einen narzisstischen Menschen geht, der sich nur um sich selbst, seinen fast perfekten Körper, seine eigenen egoistischen Bedürfnisse und das Verurteilen, Bewerten und Benutzen anderer dreht.

Ich mochte schon damals von Düffels Humor als Autor sehr gerne und hatte viel Freude daran und Bewunderung dafür, wie er enorm wortgewandt, witzig-bissige Sätze aufs Papier zaubern kann und damit einen ganz besonderen und klugen Humor kreiert.
Auch wenn man sich ein Interview von oder eine Talkrunde mit ihm ansieht: Ihm springen schelmisch Schalk und pure Freude aus dem Augen, dem verschmitzten Lächeln. Ein wunderbar lebensbejahender leichter Autor, wie ich finde. Und ich lese und liebe seine Bücher.

Inzwischen haben ich mit großem Genuss auch seinen Roman „Goethe ruft an“ gelesen.
Eine faszinierende Komödie mit durchweg viel satirisch gewitzter Schreibe, herrlich leicht – wunderbar amüsant.

Es geht nicht um Goethe in diesem Buch, sondern eine Art Freundschaft, die Jagd und das Haben von beruflichem Erfolg, und die damit verbundene große Kluft – was den gesellschaftlichen und sozialen Status angeht – zwischen den beiden Protagonisten.
Es geht darum, was es bedeuten kann echte Größe und Charakter zu besitzen, oder eben nicht.

Hinterlässt nicht jeder Mensch, so wir ihn hinter uns lassen, oder er uns, eine Lücke, die sich nie mehr wirklich schließen läßt, deshalb, weil wir alle anders sind und keiner und nichts diesen einen in seiner Gesamtheit ersetzen kann?

Warum soll diese Lücke überhaupt geschlossen werden?

Macht diese Lücke nicht Sinn, weil sie Platz macht für einen reiferen wie guten Blick, für viel Neues und jemanden Neuen, und dennoch den Raum läßt, für die gelebten Erinnerungen mit Betreffendem, die uns niemand jemals nehmen kann?

Sind Lücken deshalb nicht auch immer – trotz manchmal aller Melancholie vielleicht – wunderbar und eine Bereicherung, nach dem Schmerz?

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Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan, mit dem Mut zur Lücke.

Lauf Forrest!

Das Zitat über das „besser scheitern zu lernen,“ stammt vom irischen Schriftsteller Samuel Beckett.

So anders und konträr sein Leben, und das der Schriftsteller damals generell, zu denen heute. Die, die in unserer Zeit Notizen machend in sonnigen Parks und fröhlich belebten Cafés und schummrigen Hotelbars sitzen können ..
oder Zuhause friedlich schreibend, inmitten chaotischer Papierberge, tagelang die Wohnung nicht verlassend ..
und frei reisend, um sich inspirieren zu lassen.

Jo Baker, die britische Autorin, hat sich Beckett’s Lebensgeschichte angenommen und eine Biografie über ihn geschrieben, in der er nicht einmal namentlich genannt wird. Doch jeder weiß: es geht um ihn.

Darum, dass, als der zweite Weltkrieg ausbrach, Beckett von Irland nach Paris ging.
In Paris nämlich erhoffte er sich die Ruhe, die er in seiner Heimat nicht mehr finden konnte und sich für sein Leben und seine Schriftstellerei wünschte.

Er aber bleibt auch in Frankreich unfrei: bei einer neurotischen Mutter, die ihn selbst aus der Fremde stresst, und er lebt die Liebe zu Suzanne, einer Pianistin, die zunehmend an Leichtigkeit verliert, weil auch dort die Luft zum Atmen fehlt, nur Enge und Bedrängnis herrscht, erstickt.

Versuche, Umzüge .. Zuletzt war es die körperliche Betätigung die ihm gut tat, indem ihn diese sich selbst finden ließ.
Sie war Ventil und Lösung.
Auch wenn Martin Suter gegenwärtlich meint: „Leute, die schreiben, sollten keine Hanteln stemmen.“

Gehen oder bleiben, lieben und leiden?
Loslassen, fallen, dann sich selbst fangen.

„Zu dieser Tageszeit sind nicht allzu viele Menschen in der Métro. Auch gut, denn sie sind allesamt Polizeispitzel, die ihn anstarren. Nicht ohne Grund: Seine Tasche hat sich zur Größe eines Koffers aufgebläht, seine Beine sind zu lang für ihn geworden, und seine Ellbogen ragen wie Kleiderbügel heraus. Er ist eine Schnake, die einen Ziegelstein transportiert. Ein Flamingo, der einen Kleiderschrank schleppt. Wem würden da nicht die Augen aus dem Kopf fallen.“
(Jo Baker; „A country road, a tree“ (Ein Ire in Paris))

Ever failed?

Kann gutes Scheitern überhaupt als solches bezeichnet werden, oder ist es stets eine gewinnende Investition in unsere bald aufblühende Zukunft?

Ist schlechtes Gewinnen nachhaltig gewinnen, oder holt uns irgendwann die Vergangenheit dazu ein und überholt, überrollt uns – wir verlieren uns?

Try again.

„Der Füller wandert übers Papier, Tinte färbt das Blatt blau. Worte nehmen Gestalt an. Das ist er: der Beginn.“

Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan, nach frühmorgendlichem Joggen AN der schicken Dreisam, gefühlt verdient IN der kühlen Dreisam. Ohne Hanteln natürlich.

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Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan, nach frühmorgendlichem Joggen an der schicken Dreisam, gefühlt verdient in der kühlen Dreisam. Ohne Hanteln natürlich.

Hüpfende Agilität

Werde ich in meinem nächsten Leben bitte als Schweizerin im französischen Teil geboren? In Neuchâtel, wo Dürrenmatt bis zuletzt lebte, vielleicht?
Geht’s und ging’s besser? Für manchen wohl kaum.

Sicherlich eine ganz wunderbare Vorstellung. Nicht nur, weil ich die französischen Schriftsteller gerne lese und das zu gerne in Originalsprache täte. Dazu aber reicht mein Französisch sicherlich noch ganz lange nicht.

Die Franzosen eben ..
Immer ein wenig filigraner, mit charmant sämig zuckrig – dabei gekonnt luftig – verführender Süße.
Fein und fallend hingebungsvoll, wie der Genuss ein, zweier, überreifer Aprikosen an einem schwülen Sommerabend:
Das Leben lebend, unsere Gedanken darüber auf der Zunge sowieso, und den Kopf im Nacken, während man allein, zu zweit, auf warmem Holz sitzt und sehnsuchtsvoll das Abendrot, dann den kühlen Sternenhimmel betrachtet – als Pausen dazwischen, während wir lesen.

Nonchalanter!
Und Ernaux und de Vigan schreiben doch sicherlich mit tiefrotem Cremestift auf unangestrengt perfekt geschürzten Lippen, mit Weichspüler im Glas und einer Fluppe zwischen den perfekt gefrenchnailten Fingern.
Sie schreiben wohl magnifique. Beide.
Wenn sehr wohl auch grundverschieden.

Zuletzt las ich Delphine de Vigan „No & ich“:
Keine Erotik, keine amour fou und auch keine ménage à trois, quatre, cinq.

Ein zart geschriebenes Buch mit den so typischen Schnörkeln, welche wir als Frankophile lieben werden. Und damit so wenig geradlinig zur deutschsprachigen Weltliteratur, mit der man dieses Buch nun aber auch wirklich nicht vergleichen darf.

„Die anderen trödeln herum, sind neugierig. Inzwischen sehe ich auf meine Füße, meine Schnürsenkel sind offen, wie gewöhnlich. Wie kommt es, dass ich mit meinem IQ von 160 zu blöd bin, mir die Schuhe zuzubinden? … Meine Mutter verläßt die Wohnung seit Jahren nicht mehr, und mein Vater weint heimlich im Badezimmer. Das hätte ich ihm sagen sollen.“
(No & ich; Delphine de Vigan)

Es geht um Schicksale, daraus erwachende wie ans Herz wachsende Freundschaft zweier Mädchen, um Mut, eine Chance und das Anpacken in der Gesellschaft, weil wir die Welt, zumindest im Kleinen, etwas verbessern wollen weil wir das können.

Wenn reden doch Silber ist und schweigen Gold, warum ist dann tun Gold und denken Silber?

Ist es nicht so, dass jemand von Herzen gerne so und genau das wäre was er denkt und spricht, tatsächlich aber nur das Spiegelbild von dem was er tatsächlich tut ist?

Das Leben in Träumen vertrödeln?

Und was machen wir eigentlich mit der Wissenschaft über die sich bekannter Philosoph Heidegger einmal derart äußerte: „Die Wissenschaft denkt nicht.“

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Foto: PetissaPan
Text: PetissaPan, die sich mit süßen Aprikosen im Schoß wie Süßkinds „Mirabellenmädchen“ fühlt.

Klein große Welt

Meine bislang ungewöhnlichsten Reisen hatte ich wohl im Iran.

Das Leben in Teheran selbst gefiel mir nur mäßig. Ich wohnte zwar in meinem eigenen hübschen kleinen Bungalow, in einem großen bunten Garten, auf dem Residenzgelände des deutschen Botschafters in Teherans schönerem Norden: Die Botschaft selbst – meine damalige Arbeitsstätte – allerdings liegt mitten in der Stadt.

Teheran zog mir Energie, in ihrer farblosen Gräue, mit der schlechten Luft, den Dauerstaus, in denen ich täglich, für nur wenige Kilometer zur Arbeit, insgesamt sehr oft länger als drei Stunden unterwegs war, und dem kaum vorhandenen Freizeitwert, wenn man ein freies westliches Leben gewohnt ist.

Das Inspirierende in meinem knappen Jahr dort, waren meine iranischen Bekanntschaften und dass das Elburs-Gebirge, welches sozusagen „vor meiner Haustüre lag“ und wohin ich im Winter fast an jedem Wochenende zum Skifahren flüchten konnte.
Dort oben war es sauber, fröhlich, leicht. Man stand vielleicht über den Dingen – konnte prima abschalten und sich tatsächlich frei fühlen.

Im Frühling, Sommer und Herbst war ich oft und gern auf Reisen im Land unterwegs.

Ich reiste, aufgrund der großen Distanzen mit dem Flugzeug, obwohl die Deutsche Botschaft zum damaligen Zeitpunkt davon abgeraten hatte .. Auch mit dem Auto (Im Iran fahren Frauen ganz selbstverständlich.) .. Zu zweit, zu dritt, zusammen mit Botschaftsangehörigen verschiedener Nationen, mehrmals auch alleine und einmalig mit einer iranischen Reisegruppe im Bus.

Geschlafen habe ich in Hotels, auf dem nackten Fußboden oder auf alten Feldbetten in notdürftigen ländlichen Unterkünften, und im Schlafsack auf dem Dach alter Karawansereien in den Wüsten.

Der Iran ist wirklich schön! Und die Menschen sind durchweg gastfreundlich und sehr höflich interessiert. Auch alleine reisend habe ich mich immer wohl und respektiert gefühlt.
Außerhalb Teherans hatte ich zudem deutlich das Gefühl, dass man sehr viel freier sein konnte: In fast jeder Stadt die ich besuchte und auf dem Land noch etwas mehr.

So treffen sich die jüngeren Iraner an den Wochenenden gerne in den Wüsten des Landes, wo sie ihre Geländewägen auf den Sanddünen cruisen lassen und dazu laute Musik hören, dazwischen ihre Lager aufschlagen, picknicken, grillen, lachen, tanzen, etwas Spaß haben.
Undenkbar sonst woanders in diesem Land.

Ich liebe Gegensätze, sah sie im Iran jedoch mit anderen Augen.
Mit der iranischen Gruppe im Reisebus, unter der ich die einzige Ausländerin war, erlebte ich, wie die Menschen im Bus, sobald wir Teheran hinter uns gelassen hatten, eine ganz andere Seite zeigen konnten: Die Musik drehten sie auf, die Vorhänge zogen sie zu, die Frauen zogen ihre Kopftücher aus und es wurde im schmalen Gang des Busses fröhlich getanzt, gelacht, ausgelassen gefeiert.

Regelmäßig kam man an Checkpoints der nationalen Polizei. Davor drehte der Busfahrer jeweils die Musik leise und gab das über Lautsprecher bekannt. Wir Frauen zogen unsere Kopftücher an, alle die Vorhänge auf, wir hörten auf zu singen, zu lachen, setzten uns ruhig auf unseren Platz im Bus und ließen einen Polizisten einen kontrollierenden Gang durch diesen gehen.
Als wir weiterfuhren und außer Sicht- und Hörweite waren, lebte erneut die Freiheit in diesem Bus auf, über die dieses Land leider noch immer nicht verfügt.

Reisen kann uns glücklich, nachdenklich und wehmütig machen.
Es öffnet uns die Augen, wir erfahren nie Erlebtes, Unbekanntes und interagieren mit wundervollen und interessanten Menschen – am besten anderer Kulturen.
Auf jeden Fall aber ist Reisen immer dahingehend eine große Bereicherung, dass wir die Komfortzone zwar verlassen, aber uns selbst damit näher kommen, als in dieser.

Was das Reisen angeht, klettert aktuell ein hübsches Buch die deutschen Bestsellerlisten empor: „Vom Schweden, der die Welt einfing und in seinem Rucksack nach Hause brachte.“ Es ist vom Autor Per J. Andersson und hat sehr gute Rezensionen erhalten. Selbst habe ich bislang nur etwas intensiver querlesend hineingeschnuppert und kann noch nicht viel dazu sagen.
Vielleicht lese ich darin auf meiner nächsten Reise mehr.

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Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan in der Altstadt Genève, aktuell dabei, sich in die Schweiz zu verlieben.

Toleranz und so

„Heidegger, dem die Kriegs- und Nachkriegsgenerationen nachgelaufen sind und den sie mit widerwärtigen und stupiden Doktorarbeiten überhäuft haben schon zu Lebzeiten, sehe ich immer auf seiner Schwarzwaldhausbank sitzen neben seiner Frau, die ihm in ihrem perversen Strickenthusiasmus, ununterbrochen Winterstrümpfe strickt, mit der von ihr selbst von den eigenen Heideggerschafen heruntergeschorenen Wolle.“

So schreibt Thomas Bernhard, nicht tolerant einem Andersdenkenden gegenüber, doch dafür umso gelungener, in „Alte Meister“ (1985) über den Philosophen Martin Heidegger:
Seitenlang, sich ausholend auslassend, lächerliche Schimpfnamen für Heidegger findend, und rhetorisch so stark wie boshaft und merklich selbst getroffen – unter der eigenen harten rauhen Schale.

„Heute ist Heidegger noch immer nicht ganz durchschaut. Die Heideggerkuh ist zwar abgemolken, die Heideggermilch wird aber noch immer getrunken.“

Muss man selbst Intoleranz erfahren haben, um im besonderen Maße tolerant sein zu können, oder tut’s beispielsweise auch eine angeborene Naivität und damit einhergehende grundsätzliche Freude an besonders vielen Menschen, nach dem Motto: je mehr, je lieber?

„.. an diesen lächerlichen nationalsozialistischen Pumphosenspießer.“
„.. neben sich seine Frau, die ihn zeitlebens total beherrscht und alle Hauben gehäkelt und die ihm das Brot gebacken und das Bettzeug gewebt und die ihm selbst seine Sandalen geschustert hat.“
„Heidegger war ein Kitschkopf.“

Bernhard lästerte stets, griff an, traf überspitzt, originell und faszinierend, denn, dass er sich auch selbst erbarmungslos reflektierte, mit ordentlich Kritik versah, nie ausließ, machte ihn ja gerade wieder sympathisch.

So schließt sich mancher Kreis.
Und Bernhard zeigt damit auch auf, dass Boshaftigkeit und Schwarz-Weiß-Denke, möglicherweise gerade bei vorwiegend gelebter Toleranz, eine riesige Lesefreude sein mag.
Vielleicht macht frech gewagte doch gesetzestreue Intoleranz gerade deswegen Spaß, auf harmlosem Papier: Deshalb, da sie bewegt, aufweckt uns überlegen läßt und unsere Toleranz anzukitzeln vermag.

Ziehen wir bei uns selbst denn den Stachel anderer Leute Intoleranz erfolgreich?
Wer, außer uns nämlich muss meinen Kitsch, meine Entscheidungen, meine Lebenswege, gelebte Freiheiten und gesetzte Grenzen gut finden?
Doch ist es nicht wunderbar verbindend, für den der genau das tut?

Und ist Toleranz vielleicht in dem Maße menschliche Größe, wie Bildung die intellektuelle ist?

Toleranz als Eigenschaft und Inspiration, die eingeschlafene graue Gehirnzellen weckt, unser Leben kunterbunter macht und ein funkelndes Strahlen in mürrisch matte ernste Augen zaubert.
Easy, isn’t it!?

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Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan am Genfer See. Und Schwarzwälder(in), wie Heidegger.

Liebe leben

Der Satz: „Man kann im Leben nichts verpassen“ stammte vom Schriftsteller Suter, als er in einem Interview 2010, nach dem Rezept für (s)eine glückliche Ehe gefragt wurde.
Er nannte hierzu: Liebe, neugierig sein, und die Einsicht, im Leben nichts verpassen zu können.

Nicht verpasst haben sich auch Goethe und Schiller.

Der große Johann Wolfgang von Goethe und der jüngere, aufsteigende Friedrich Schiller:
„Sturm und Drang“ beim einen abgeschlossen, inzwischen von diesem gar verschmäht, und der andere mitten in dieser Rebellion drin, überzeugt und erfolgreich damit werdend:
Auf dieser Basis sahen sie sich erstmals und lernten sich Jahre später so auch kennen.

„Ankitzelnde“ Rivalität und daraus resultierende Inspiration für schöpferische Eigentümlichkeiten, und Nähe und Distanz, und sich doch nie verloren zu haben, sind vielleicht die grob zusammen gefassten Eckpfeiler dieser Männerfreundschaft.

Rüdiger Safranski hat sich in die Lebensgeschichten beider eingegraben und sein Buch „Goethe und Schiller; Geschichte einer Freundschaft“ darüber geschrieben, in dem einem bewusst werden kann, welche große Faszination die Verbindung dieser beiden Genies in sich trug und heute noch trägt.

„Schiller lebt sich in Weimar ein. „Mein Leben geht jetzt einen höchst ruhigen, aber dabei sehr tätigen Gang“, schreibt er am 19. Dezember 1787. „Ich habe weniger Zeit, als gute Freunde, und dieses Verhältnis hat ungemein viel Reiz.“
Er bleibt, und wie die anderen Weimaraner wartet er auf Goethes Rückkehr.“
(R. Safranski „Goethe und Schiller“ (2011))

Goethe wurde 82 Jahre alt, Schiller gerade einmal 45. Und Goethe sagte Monate nach dessen frühen Tod einmal:
„Ich kann, ich kann ihn nicht vergessen!“

Ist – war – das nicht schon Liebe?

Wie definiere ich selbst überhaupt die Liebe:
Geben, ohne zu verlangen und nehmen, ohne zu besitzen?

Und nehme ich schon länger womöglich deutlich mehr, als ich gebe und raube damit vielleicht die Balance der Beziehung, des anderen Glück und unsere Perspektive?

Wer hält das Uns zusammen:
Wer gönnt und pusht, wünscht, unterstützt, reißt Mauern nieder, kittet, heilt, hält, läßt frei – aus Liebe?
Wer plant qualitative Zweisamkeit und Spaß, und setzt das auch um? Unterstreicht Wörter mit Taten?
Wer hört dem anderen aktiv zu, ist stets unterstützend, für ihn da?
Respektiere ich Zeit, und damit Absprachen, Träume, Pläne und halte mich an mein Wort?
Interessiere ich mich in Tiefe für mein Gegenüber, meinen Partner?
Wer bringt Frühstück ans Bett und zaubert, egal zu welcher Uhrzeit, sonst was Leckeres?
Wer tut viel und wartete dabei zu lange auf das Umsetzen seiner Herzenswünsche und Bedürfnisse .. vergebens .. verhungert auf Distanz, am langen Arm, oder wo auch immer ..
Ich, oder immer wieder nur der andere?

Und kann mich & uns dann noch Neugier retten: oder nur noch den anderen, der mit seiner über alle Berge ist, da er gemerkt hat, so wenig zu bekommen, dass er nicht noch mehr verpassen will?

Das „Rezept“ Martin Suters vielleicht zur Liebe, und der Wille, es heute besser zu machen als gestern – und morgen als heute ..

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Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan aktuell zwischen den Bergen: Am Lac Léman, im schönen Genève, Hier-werde-ich-auch-noch-irgendwann-wohnen, Genf.

 

Petri Heil!

Mit von der Sonne und dem Salzwasser ledern gegerbter, brüchiger Haut, und auch sonst als ein vom Leben gezeichneter alter Mann, braucht Santiago, Fischer vor Kuba, nicht viel.
 
Sein Körper ist in den Jahren schwach geworden, einzig seine blauen Augen, die die Farbe der See haben, sind lebendig und wach und strahlen wie eh und je.
Aber Santiago hat großes Pech und bleibt viele Wochen ohne einen dringend benötigten Fang.
 
Und da zieht er wieder alleine los, mit seinem kleinen Fischerboot und macht den Fang seines Lebens – überhaupt: seiner kühnsten Träume. Von welchem, zurück an den Hafen gekehrt, nur nichts mehr übrig geblieben ist, außer dem Skelett, da immer wieder die verschiedensten Haie, auf dem langen Heimweg, große Fleischstücke aus dem erlegten riesigen Marlin rissen.
 
Selig ist Santiago dennoch.
Selig und glücklich.
 
Dies ist meine kurze Zusammenfassung von „Der alte Mann und das Meer“ (1952) von Ernest Hemingway.
 
Es geht in dieser Kurzgeschichte um verlorene Anerkennung und Versagen, die Zeit und was sie mit uns macht .. darum, milde belächelt zu werden, doch im Kopf voll Kampfgeist und Stolz zu sein und bleiben. Viel mehr, als darum, ein gutes Leben, im Sinne von anderen, leben zu können.
„Ein Mann kann zerstört werden, nicht aber besiegt.“ (Ernest Hemingway)
 
Santiago hatte 84 schmerzlich lange Fischer-Tage auf seinen Fang warten müssen. Was er aktiv, nicht passiv tat. Wie lange „warten“ wir?
 
Was meinte Marc Twain mit „wenig“:
wenig Besitz, wenig Zeit, wenig Abwechslung, wenig Stabilität oder wenig Sicherheit?
 
Ist es denn Qualität oder Quantität für uns?
Und kommt es nicht einzig darauf an, glücklich zu sein?
 
Auf dass wir das Strahlen in unseren Augen niemals verlieren!
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Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan am Universitätsgebäude der Geisteswissenschaften in Freiburg; Gewohnt gleichermaßen glücklich in fleißigem Verzicht und faulem Luxus – dazwischen dafür nicht.

Reise reise

„Die ersten Sterne waren in den Fenstern zu ahnen, und die Haushälterin zündete drei große schwere Leuchter an, die das Schattenbild der Tafelrunde wie den wunderbaren Blütenkelch einer phantastischen Blume an die Wände malten. .. „Wie im Märchen“, staunte Traps“

Und wer hier so märchenhaft fabelhaft Wörter aufs Papier zaubert, mehr noch aus seinem Ärmel schütteln konnte, ist Friedrich Dürrenmatt.
Besonders verschmitzt, verführerisch verspielt, gerne und deutlich sinnlicher als so manch anderer, und herausragend originell immer in seinem Stil, – wie ich ihn wahrnehme.
Zitiert aus seinem Buch „Die Panne. Eine noch mögliche Geschichte,“ aus dem Jahr 1956:

Ein Mann mittleren Alters, Traps, bleibt mit seinem Auto in der Ferne liegen und findet ein Nachtquartier bei einem sehr alten Fremden, der seine ziemlich gleich alten Freunde dazu eingeladen hat, Gericht zu spielen.
Das, weil sie allesamt früher der Judikativen und Legislativen angehörten. Und dem Gast wird folglich die Rolle des Angeklagten zuteil.
Ihm wird nun, an diesem einen Abend, während einem opulenten, gefühlten 10-Gänge-Menü, ein Prozess gemacht: in aller üppig dekadenten Pracht, einer sich annähernden und befreundenden Schmuserei die zu einem Rausch wird, und bis der Vorhang fällt.

Wann verschwimmt die Realität mit dem Fiktiven: erst nach dem 5. Glas Château Pavie 1921?

Wie sicher können wir stehen, wenn andere an unserer Persönlichkeit und Wahrheit rütteln, sie kneifen, greifen?

Ist Dürrenmatts „Panne“ womöglich bildschöner und unterhaltsamer gleich sowieso, als Kafkas „Prozeß“?

Auch auf die Gefahr hin, dass wir bei einer unserer Reisen einmal mit dem Wagen liegen bleiben und uns eine solche Runde aufnimmt, wie in Traps Fall:
Was ist die Alternative dazu: Zuhause bleiben?

„Die Welt ist (doch) ein Buch. Wer nie reist sieht nur eine Seite davon.“
– Auch so ein fröhlich motivierendes Zitat, welches wir uns zu Herzen nehmen können, wenn wir denn gerne wollen, um die Beine in die Hand zu nehmen und das nächste Ticket ins Wunderland zu buchen, weil Genève, Gansbaai und Ganzwoanders uns rufen.

„Die Weltkugel liegt vor ihm offen.“ (Friedrich von Schiller)

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Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan; Yasmina in der Maranjab Wüste im Iran, wo ich in den Jahren 2012/2013 lebte und reiste, da arbeitete.