Leben ist erleben

Willemsens Zitat ist eines das ich selbst gern gesagt hätte, da ich genau so über das Leben denke:

Vollpacken, erleben, erfühlen, erfahren, anstatt sich passiv berieseln, Chancen verstreichen, uns leben zu lassen.
Selbst in die Hand zu nehmen – sehen, entscheiden, für eine oder von einer Sache gehen!

Um möglichst viel von seinem Menschenleben gehabt zu haben, kann es – neben vielleicht Glück – dafür zwei Möglichkeiten geben:

Die eine dieser ist, dass wir uns auf ein zwei Spezialgebiete konzentrieren, in die wir sehr tief, strebsam und intensiv eintauchen und forschen, folgern, fokussieren.

Die andere die, dass wir uns von der breiten Vielfalt die das Leben zu bieten hat inspirieren lassen, eintauchen und aufsaugen wie ein Schwamm in Weltmeeren und Pfützen. Uns so breit gefächertes und vielseitiges Wissen aneignen und so wahrscheinlich Lebensfreude pur erfahren werden.

Wie sagte Oscar Wilde so keck: „I like men who have a future and women who have a past.“ Genussmensch! etwas selbstzerstörerisch und selbstverliebt vielleicht und einer mit dem ich zu gerne einen Abend lang einen Gin Tonic getrunken hätte.

Verdichten steht für mich für Intensität: Es ist große Neugier und energiegeladene Aktivität in einem.
Welche Art von Intensität wir aber für uns wählen wollen, ist unsere Wahl, typabhängig und auch – fairerweise – nicht für andere zu bewerten.

Gerade habe ich Robert Seethalers aktuelles Buch gelesen.
Er schreibt über Menschen, die unterschiedlicher nicht hätten sein können in dem wie sie gelebt haben und nun vom Jenseits aus reflektieren und ihr Leben rückblickend beleuchten:

Da ist der liebende Vater,
dort die treu ergebene Ehefrau, die vor ihrem Mann gehen musste …
Der Musterknabe, dem eine freche goldene Zukunft prophezeit wurde bis …
Und der Pfarrer, und der Gemüsehändler mit Migration-Hintergrund, die sich kannten.
Andere auch & andere auch: Zu Lebzeiten verbunden und noch mehr Leben im Buch.

„Fünfzig Jahre später hieltest du immer noch meine Hand. Es kam mir vor, als hättest du sie nie losgelassen, und das sagte ich dir auch. Du lachtest und meintest, das stimmt, hab ich auch nicht!“
(Robert Seethaler; „Das Feld“)

Ich habe mich ganz verliebt in diesen und verloren in diesem einfühlsamen und tief berührenden Schreibstil, dieses doch noch jungen österreichischen Autors, von dem ich hiermit mein erstes seiner Bücher las.
Wie und wo stehen wir eigentlich heute
Und was von dem was wir bisher getan oder nicht getan haben, bereuen wir? Was würden wir tatsächlich rückgängig machen, so wir es könnten?

Nur, und so sehe ich das Leben im Hinblick auf diese Frage: wir würden dann nie erfahren können wie unser Leben mit unseren bislang getroffenen Entscheidungen genau so weiter geht, wie es aktuell da steht. Und ist diese Aussicht nicht viel interessanter als die Zeit zurückdrehen zu können, nur um dann aktuell wo ganz anders zu stehen?

Und unser Morgen – auf jeden Fall – können wir ganz entscheidend selbst mit beeinflussen!

Hätte, könnte, sollte.
Hier bin ich Realist und rational.
Und das spannendste Leben ist doch immer unser eigenes!

image-34

Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan, sehr gerne gerade in Freiburg.

Auf mich!

Helden sind nett anzusehen – in Filmen. Beispielsweise und vielleicht. Denn ich bin nicht versiert darin, diese Art Filme beurteilen zu können und reime mir das gerade nur so zusammen, aus dem, was ich von anderen schwärmerisch hör(t)e.
Helden in der Wissenschaft, in Ausnahmezuständen, beim Sport, ach – überall!

Helden bereichern. Sie können Hoffnung, eine Art Anker, ein Ideal für uns sein.
Doch wie ist das mit Idealisierten und Idealisiertem? Hoch gehoben fällt nach Enttäuschung besonders tief! Und was aus wem anderen wird oder werden soll – völlig gewollt oder ungewollt von ihm selbst – das liegt nun einmal nicht in unserer Hand.

Wir sind nur der Steuermann unseres eigenen Lebens und unserer eigenen Entscheidungen, Wege, Visionen.

Brechts Buch „Leben des Galilei“, ist mir sein liebstes und wird hier frei von mir wie folgt kurzinterpretiert:

Ein gutherziger, wissbegierig eifriger, wie sehr kluger Wissenschaftler, Menschenfreund und Freund harmloser Genüsse und friedlicher Werte, verliert, im sanften, immer schwerer werdenden Kampf gegen eine ausbremsende Instanz, welche ihren goldenen Thron nicht räumen will und deshalb die Wahrheit verleugnet um – um es mit meinen Worten zu sagen – „ihre verwöhnten Nasen im Trog halten zu können.“
Trotz aller Tragik gewinnt er letztendlich doch. Nicht als Held, wie ihn viele gerne gesehen hätten, sondern einfach damit, dass er sein Wissen der Welt doch noch und gegen alle Widerstände zu vermitteln versteht.

*Andrea: „Unglücklich das Land, das keine Helden hat!“

Galilei: „Nein. Unglücklich das Land, das Helden nötig hat.“*
(Bertolt Brecht in „Leben des Galilei“)

Wozu brauchen wir Helden, wenn jeder einzelne von uns seinen ganz eigenen Beitrag in der Welt leisten kann?

Ohne Frage: Manche Menschen können uns eine großartige Bereicherung sein: Gute Mentoren sind ein so wunderbares wie seltenes Geschenk! Und jeder Mensch, den wir im Laufe unseres Lebens kennenlernen, inspiriert uns auf seine ganz eigene Art und Weise irgendwie und bewegt.

Aber Helden? Und brauchen?

Warum erfüllen wir uns nicht selbst die Träume, die uns bewegen, bekommen den Hintern hoch, oder – wahlweise – setzen uns darauf und arbeiten so? Dann brauchen wir unser Unglück nicht im Versagen derer zu suchen, auf die wir alles hielten und an die wir glauben wollten.

Wir können selbst Held im kleinen oder großen sein und locker-flockig leger sagen:
„My call is to serve!“ – Und nicht, dass andere das für uns leisten müssten.

Erwartungen und Enttäuschungen machen wir am besten mit uns selbst aus, weil wir weder in einen anderen Menschen hineinsehen können, noch das Recht haben, ihm unseren Stempel und unsere Wünsche aufdrücken zu dürfen!

Den Spruch mit dem „my call“ und „to serve“ habe ich übrigens von wem ganz Inspirierenden immer wieder gern gehört. Er klingt noch heute motivierend in meinen Ohren, wenn ich mich über andere echauffieren möchte und dabei selbst stillstehe.
Immer wieder gut!

image-31

Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan vor dem Theater in Freiburg)

Energiecocktail

Liebe hat so viel Kraft!
Ich erinnere mich daran, was mein erster Freund zu mir sagte, und vor allem was er für eine Energie für uns aufbrachte, nachdem ich unsere Beziehung in Frage gestellt und ihm das offen gegenüber kommuniziert hatte.

„Manchmal weiß man erst zu was man fähig ist und was man leisten kann und will, wenn es um alles oder nichts geht,“ sagte er.
Ich war damals sein Alles und das hatte er über längere Zeit versäumt gehabt mir zu zeigen.

Ob nun das Gegenteil von Liebe, Hass oder Gleichgültigkeit ist, sei einmal dahingestellt. Ratgeber und Expertenmeinungen gibt es ja unzählige dazu und zu all diesem „Schwarz-Weiß-Kontrast“ der „Hoch- und Tief-Gefühle“. Gefühle – von märchenhaft bildschön bis abgrundtief verwegen und verdorben.

In der Literatur hat, neben ebenfalls zahlreich vorhandenen Büchern zu Liebe und Rache, Dürrenmatt ein bewegend phantasievolles und herzhaft bittersüßes Drama geschrieben, welches als eines der besten Dramen ever gilt:
Der Besuch der alten Dame.

Eine Jugendliebe in der SIE liebt, ihr Herz gibt, eine Zukunft erträumt; ER nur nimmt und leichtfüßig unverbindlich, mit vermutlich zuckersüßen Gesten und Worten bleibt.
Jahrelang vergisst Claire dies und ihr daraus resultiertes Schicksal nicht. Ein gefallenes Mädchen das hasst und rächt in Gedanken, welche sie Jahrzehnte später erst, in einem ganz besonders delikaten Spiel, in die Realität umsetzt.

Es geht um zwei Menschenleben, die Fragilität der Wahrheit und Werte, geschlossene Augen und die Käuflichkeit der Gesellschaft. So sehe ich dieses Buch.

Und der verfassende Dramatiker sagte einst:
„Die Liebe ist ein Wunder, das immer wieder möglich,
das Böse eine Tatsache, die immer vorhanden ist.“
(Friedrich Dürrenmatt; Schweizer Schriftsteller, Dramatiker und Maler)

Der Besuch der alten Dame ist amüsant! Das auch aufgrund Dürrenmatts Können das Surreale mit dem Realen, und hier der Tragik, überraschend, humorvoll, frech und stets erfrischend originell verbinden zu können.

Gleichgültigkeit, Desinteresse und Halbherzigkeit sind wie ein Auto mit angezogener Handbremse zu fahren. Und dafür ist das Leben zu schade finde ich! Mit Liebe und Leidenschaft aber, so weiß ich, wachsen wir über uns hinaus.
Hass hingegen macht unfrei. Und Dürrenmatts wirklich geniales Stück ist ja „nur“ auf Papier.

Dürrenmatt war einer der wenigen Autoren, die nicht autobiografisch schreiben. Neben Max Frisch mag ich ihn als Menschen besonders gern. So weit man das eben über jemanden sagen kann, den man nie persönlich kannte.
Vielleicht habe ich einfach nur eine große Schwäche für die Schweizer …

image-30

Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan (Wenn Frauen sich die langen Haare abschneiden hat das häufig mit Veränderung zu tun .. und manch‘ Männerauge bleibt nicht trocken.)

Schall & Rauch

Turgenev erneut, weil es so schön war:

Als ich in den Jahren 2010 und 2011 für eines in Moskau wohnte, fiel mir auf, wie jeder Russe mit dem ich dort ins Gespräch kam, meinen Wohnort Baden-Baden kannte.

Nun ist Baden-Baden, gerade in meinen Augen, zwar besonders schön, aber doch an Größe, Einfluss und Bedeutung nicht mit vielen größeren Städten Deutschlands zu vergleichen. Verschwindend klein ist es, mit Luxus, der immer noch bescheiden punktet und den Stadtpuls mit viel Herz schlägt – ihn durchaus auch über die Landesgrenzen hinaus trägt.

Die Popularität dieser badischen Kleinstadt ist allerdings unter anderem – neben Thermen und Casino nämlich – vor allem Schriftstellern wie Turgenev und auch Dostojevski zu verdanken.
Turgenev lebte dort für einige Jahre.
Sein Roman „Rauch“ ist Schullektüre, so wie die deutschen Teenager Goethe und Kafka vertieft lesen, locker überfliegen, genervt wiederkäuen, innig lieben oder sich mit einem geistigen Kraftakt hindurch quälen müssen.

In „Rauch“ geht es mal wieder um die unerfüllte Liebe, der sich die alten russischen Schreiber so gerne wie gekonnt hingeben und sie liebe- wie schmerzvoll verkünstelt, wie auf rosarote Wolken schreibend, auf ganz gewöhnliches Papier bringen. Damit Stunden versüßend, – wie mit Kirschmarmelade gesüßter schwarzer russischer Tee.

„Laß doch dieses abscheuliche Baden-Baden und reise mit uns ab, befrei dich von dieser Verzauberung, vor allem aber: Hab Mitleid, hab Erbarmen.“
(Ivan Turgenev; „Rauch“ (1867))

Plätze, die, wenn wir sie kennen, hier lesend mit Leichtigkeit erkennen.
Personenbeschreibungen, die immer detailverliebt und oft humorvoll gewitzt daherkommen, bei ihm: Turgenev.
Die große Liebe über Stände: rasch, atemlos, wollend, – die die kleinere, vermeintlich gewöhnliche zerstört .. Welche jedoch still und stolz überdauert, hält, am Ende dann doch Bestand hat und sich erfüllend findet, fügt.

Ein Buch voll Sympathie und Antipathie für Menschen, und einer Liebe für einen besonderen Ort.
Wie Canetti meint, dass wir bei Menschen immer nur über ein paar wenige reden, sprechen, sinnieren vielleicht, so geht es mir selbst mit Städten:

An 20 oder 21 verschiedenen Plätzen, im In- und Ausland gewohnt, und spreche doch fast immer nur von einem: Baden-Baden.

image-29

Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan (Meer aus Fahrrädern vor der Universitätsbibliothek Freiburg)

Feine Liebe

Wir alle haben sie: Unsere erste wundervolle Liebe. Ob mit emotionalem Happy End, rationalem Vernunfts-Ende, Herzschmerz mit schachtelweisem Pralinen-Konsum, nachdem schließlich alles in einer Tragödie endete: Egal, sie war und musste gelebt werden! Ein scheues und gewitzt neugieriges Tasten in eine unbekannte Welt der Seele und Körper.

Ivan Turgenev hat darüber ein ganz hübsches Buch geschrieben. Mehr als 150 Jahre alt inzwischen und herrlich sehnend, wehmütig, mit Herzensschwere und natürlich ohne Happy End, wie es die Russen – mindestens die alten bekannten Schriftsteller – in ihrer gelebten Melancholie eben liebten, taten, gern umschrieben.
Schwelgen im Schmerz. Und mein Vanille-Eis schmilzt in der Sonne, tropft auf’s 60er-Jahre Dress.

Meine erste Liebe ist schon so einige Jahre her, und dennoch: manchmal denke ich noch an sie. Und immer gern, wie wirklich jeder den ich kenne. So unschuldig, vorsichtig, neu und entfesselt frei nämlich, wie „manch jeder“ sich wünschte heute noch einmal an eine Sache herangehen zu können.
Ich kann sagen, dass ich mir das Unbeschwerte erhalte, solange alles entweder schwarz oder weiß ist und ich nur bei schwammigen Grauzonen anfange zu schwimmen, mich schnell und deutlich beginne unwohl zu fühlen und mich eher früher – selten später ziere, winde, zurückziehe, da die Leichtigkeit geht und fehlt. Die, mit der alles steht und fällt eben.

So wie uns manch einer versucht diese Leichtigkeit mit Absicht zu nehmen.
So das Zitat Turgenevs und von Leichtigkeit schreibt er in „Erste Liebe“ auch besonders fein:

„Ich war ein Verliebter. Ich sagte, dass seit jenem Tage meine Leidenschaft angehoben habe; ich könnte indes hinzufügen, dass mit dem gleichen Tage auch mein Leiden begonnen hatte.“
(„Erste Liebe“ von Ivan Turgenev (1860))

Vladimir, süße 16, verliebt sich in die fünf Jahre ältere Nachbarin Prinzessin Zasjekina, die er, von unbekannten Gefühlen übermannt, naiv, unerfahren und sanft zu umwerben versucht.
Für Zasjekina aber ist und bleibt er damit und wer er ist ein Kind.
Sie läßt sich etwas schmeicheln, spielt mit ihm, formt ihn sich und hält ihn zum Narren wie sie ihn braucht, bis sie seiner schnell überdrüssig wird und ihr Interesse Vladimirs Vater und später einem reichen Monsieur gilt, mit dem das ganze Drama auf die Spitze getrieben ein unschönes Ende findet.

Die erste Liebe mag viele Jahre her sein, doch sicher sind wir alle sehr viel selbstbewusster, bewusster und sicherer im Umgang mit ihr im Allgemeinen geworden. Auch darin, auf die Meinung eines anderen nicht mehr Wert zu legen, wenn es sich dabei lediglich um einen Narren handelt, der unserem Glück, unserem Leben, unseren Plänen und unserer Liebe schlicht im Weg steht.

Das wünsch ich uns allen: Liebe zu leben, wie beim allerersten Mal!
Und Dummköpfe auszubremsen oder einfach unbeachtet im Dunkeln lachen zu lassen und für uns dort zu belassen.
Und Turgenev tat das sicherlich genauso.

image-26

Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan (Turgenevs Kurzprosa lesend – im Gras vor dem Theater in Freiburg im Breisgau)

Heaven

Max Frisch, Schweizer und ist einer meiner Schriftsteller-Lieblinge, hatte einmal in einem Interview, welche er übrigens nicht mochte und welche für ihn immer als eine Art Spielerei aufgezogen werden sollten, gesagt, dass das Leben schwer auszuhalten sei ohne sich auszudrücken.

Dies mag der Grund vieler Schreiber sein.

Wer sich schreibend besser ausdrückt, kann vielleicht heimlich schwer atmen wenn er im Leben unsanft bedrängt und von seinen Gefühlen überlagert wird, und nicht weiß, wie sich dann bestens verständlich zu machen.
Schreiben als Weg der Kommunikation und zu verstehen vielleicht. Wir schreiben Liebesbriefe, Gedichte, Blogs, Kolumnen, manche Bücher. Und so wie Hemingway sagte: “Write until you surprise yourself.”
Fakt: Der Himmel reißt nicht selten auf, wenn andere sich die Mühe machen, zwischen den Zeilen lesen zu wollen.

Was mich und viele andere auch und schon immer antreibt ist Schönheit.
Ich mag Menschen die innen, tief drinnen, unfassbar schön, weil gut zu und für mich sind, und denen ich mich genau aus diesem Grund öffnen möchte.
Für jeden – auch mich – sind doch genau diese die Menschen, bei denen wir uns wohlfühlen, denen gegenüber wir zugewandt sind, offen bleiben, unsere Hand reichend vertrauen, an deren Seite wir leicht gehen, hüpfen, springen, lachen, uns entfesseln, Mauern einreißen lassen, genießen.

Imagine there’s no heaven: Solche Menschen aber sind der Himmel voll Sterne für uns und nicht selten ein Leben lang unser Universum, um die sich bitte alles drehen darf und soll.

Vielleicht mögen wir nicht einmal nur Menschen, sondern auch Dinge die wirklich schön sind. Ästhetik, ein Auge für Schönheiten, und ein Gefühl, eine Schwäche für Besonderes.
Vielleicht haben wir als Kind in irgendwelchen Katalogen geblättert und, ohne auf den Preis zu schauen, auf jeder Katalogseite ein Kleidungsstück oder ein technisches Gerät herausgesucht. Das, welches uns jeweils am besten gefiel. Als Spiel und als Zeitvertreib. Und vielleicht war es immer das teuerste Stück.
Wir entwickeln unsere Vorliebe für Stil und Schönes immer weiter. So, wie auch ein jeder von uns seine ganz private Vorstellung von „Himmelhochjauzend“ und seinen himmlischen Träumen und Visionen hat.

Imagine there’s no heaven ..
Woran sollten wir glauben, wenn wir unseren Blick für das Gute verloren haben? Unseren Blick für das, was uns bedeutet, wofür wir stehen? Woran sollten wir glauben, wenn wir wahre Schönheit, Liebe, Qualität, Werte und Genuss nicht mehr erkennen?

“Der Himmel” – unser ganz privater – unsere ganz intime Vorstellung davon – kann so vieles für uns sein. Und der siebte Himmel ist immer wieder einer der liebsten, weil schönsten: Er ist rosarot, hängt voller Geigen und fühlt sich, mit marzipanfarbenen zuckerwattesüßen Wolken, so weich und wohlig an, dass wir uns besinnungslos und hingebungsvoll in diese fluffige Weiche fallen lassen wollen und können.
Vorübergehend “nur”?
Für immer?
Stürmisch, Strohfeuer, sanft, bedächtig, Seele, Körper, stille Abschiede, entgleiten, spätere Freundschaft, Points-of-no-return.

Wir können jedem der Menschen, vor allem aber jeder unserer Lieben, die wir auf unserem bisherigen Lebensweg erfahren durften danken.
Welche, die uns den Himmel auf Erden beschert haben ..
Welche, die uns unsanft von Wolke 7 oder “nur Wolke 4” unsanft abstürzen ließen. Imagine there’s no heaven .. Und keine samtig-sahnigen cremeweiße Wolken, sondern nur böses Erwachen, indem wir unsanft auf dem harten Boden aufschlagen.

Glauben an Liebe und Schönheit und das Gute sollte uns niemand nehmen.
Und so soll es für jeden sein und weitergehen.

Imagine there’s no heaven ..
Um festzstellen, dass es sehr wohl einen gibt!
In den unterschiedlichsten Ausführungen, die jeder ganz allein für sich definieren mag und soll.
Das kann Schönheit, Liebe, Freiheit sein.
Heaven!

Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan

image-21

Text: PetissaPan

Foto: PetissaPan

Märchenstunde

“Voglio vivere una favola”, ist die anonyme Inschrift einer Basilika in Florenz.
“Ich will ein Märchen erleben”: Auf italienisch nicht nur ein schöner Gedanke, sondern auch so sehr viel mehr klangvoller, als es die deutsche Sprache je her gäbe.

Ein Märchen erleben – wollen wir das nicht irgendwie alle? Wenn auch ein jeder seine ganz eigene Art hat dies zu kommunizieren, sich zu denken und heimlich oder offen darin zu schwelgen.

Eines meiner Lieblingsbücher ist “Sich verlieren” von Annie Ernaux, und genau dieses Buch beginnt mit diesem verträumten Zitat.
Ich weiß noch, dass ich es anhand dem interessanten Titel, vor 16 Jahren, in einem Buchladen gegriffen hatte und nur die vier Wörter las, die mich sofort begeistert und berührt haben. Manchmal geht es so schnell und wir sind entflammt. Deshalb, weil es, zumindest anfangs, perfekt passt. Das mag im realen Leben und in der Liebe genauso sein, wie bei Geschichten anderer, die wir verschlingen, weil sie uns und etwas in uns bewegen.

Entflammt, dafür brennen, gebrannt, und so bleibt es für mich mit diesem Buch. Ein Dutzend mal gelesen. Verträumt, sehnend und romantisch läuft bei mir eben immer. So war ich mit 20, so bin ich heute, und so werde ich mit 60 und mit 80 sein. So es so sein soll, dass ich dann noch bin.
Wer Romantik mag, wird sie nie aufgeben und geht auf, bei einer solch schmerzvoll verzehrenden, wie lustvollen Schreibe, deren Autorin sich in der Sehnsucht und Begierde einer wahren Begebenheit suhlt.

Annie Ernaux schreibt autobiografisch, so auch hier, und umso interessanter empfinde ich “Sich verlieren”. Sie beschreibt ihre einseitig mental gefühlte Liebe zu einem verheirateten russischen Diplomaten in Paris, der sich beide physisch hungrig hingaben.
Tagebuch-Stil, nah, und sehr bald durchblicken lassend, dass dies kein Märchen mit Happy End wird.

Dramatische Lieben schreiben mit die besten Geschichten.
Ein Weg ist es, so spannend zu leben, dass man Bücher darüber schreiben kann, – was zweifellos ein anstrengendes und kunterbuntes Leben ist und mit jedem Lebensjahr noch ein klein wenig anstrengender wird. Manchmal habe ich darauf keine Lust mehr und gehe trotzdem immer weiter, weil ich es eben doch so will.
Der andere Weg ist solche Bücher zu lesen und selbst in gesunder Mitte und auf ruhiger See zu schippern. Letzteres wollte ich nie, bis zuletzt vielleicht. Und doch kommt es so oft anders als man denkt, und hofft, und es sich ausgemalt hat.

Turgenev sagte einst einmal, dass es für einen Künstler nicht ratsam sei zu heiraten: Eine schlechte Ehe könne zwar etwas zur Entwicklung dessen Talents beitragen, eine gute Ehe sei jedoch fehl am Platz.
Ich denke, dass man das nicht pauschalisieren kann, merke jedoch an mir sehr wohl und deutlich, dass ich völlig verschieden schreibe, je nachdem wie es mir geht und welche Gefühle mich gerade umtreiben. Ich schreibe tiefer und mutiger, wenn ich Schmerz fühle. Und aus diesem Grund immer an mindestens zwei völlig verschiedenen Themen, Werken.
So wie jemand an manchen Tagen lieber tanzt, malt, lacht oder schweigt.
Wir sind so oft viel produktiver, wenn wir unten sind: Das ist wohl der Lebenshunger.
Wir werden gemütlich und bequem, wenn wir oben sind: Das ist vielleicht dekadente Übersättigung, nur die Erschöpfung, vielleicht aber auch die Dankbarkeit es geschafft zu haben.
Die Frage ist: was wollen wir und in welchem Maß und wann?

Vielleicht begegnen wir manchen Menschen schlicht zum falschen Zeitpunkt. Vielleicht hat manches einfach nur eine kurzfristige Bereicherung sollen sein. Vielleicht braucht manches Zeit.
You can’t always get what you want, und ist es manchmal besser nichts zu haben, als das nicht märchenhaft Passende?
Sind vielleicht ohnehin all unsere Träume und Luftschlösser nur Erinnerungen? Und vielleicht muss man an Märchen glauben, um überhaupt eines leben zu können.
Märchen leben? Ja, ich will! Aber, Hand auf’s Herz: wer will das nicht?

image-18

Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan

Run free

.. You can do whatever you really love to do,
no matter what it is.“

Ich habe mir gerade ein Fahrrad gekauft. Annonciert hatte ich in einem kostenlosen Stadtblatt, dass ich ein „altmodisches Citybike“ suchen würde. Und nun habe ich es.
Es ist alt für ein Fahrrad: 59 Jahre – aus dem Jahr 1959. Es ist ein Ein-Gang-Rad, gut erhalten zwar, aber es knarzt und ächzt, wenn ich auf leichten Anstiegen, in einer hügeligen Stadt, sanft, doch mit Nachdruck und Kraft, in die Pedale trete. Die Bremse greift schlecht, es hat ein paar Rostsprenkel hier und da, und es ist schlicht das wundervollste Bike, welches ich je gefahren habe. Besonders und lieb, treu.

Ich mag alt. Heute. Denn alte Dinge erzählen Geschichten. Neu ist mir inzwischen meist zu viel Wegwerf-Mentalität .. Doch das möge bitte ein jeder halten wie er es gerne mag. Ich habe auch Jahre gebraucht, bevor ich seit ein paar Jahren so denke.

Vor einigen Jahren fuhr ich aktiv Rennrad und hatte eine eigens für mich royalblaue Rennmaschine – später eine in Pink .. Jeweils mit tiefem Rennlenker und den schmalsten unbequemsten Sättel, welche bestimmt 30cm höher eingestellt waren, kamen sie schnittig, modern und super-sportiv daher. Rennradfahren war „ganz toll“ für meinen Rücken, geschmissen hat es mich natürlich auch und Oberschenkel hatte ich wie eine niederländische Eisschnellläuferin .. Na gut, so bildete ich mir das zumindest damals ein.

Und nun bin ich schlicht so glücklich, mit schlicht so einem einfachen alten Liebhaberstück, welches, als geschätzter und liebevoll restaurierter Oldtimer, gerade einmal einen dreistelligen Betrag gekostet hat. Es lässt mich aufrecht sitzen, die frische Schwarzwaldluft einatmen und mich wie in einer anderen Zeit angekommen fühlen. Surreal ein wenig .. Frisch & frech. Und ganz klar: irgendwann soll es ein alter knarzender Bentley, geliebt, gehegt, gepflegt, und mit Charakter für mich sein.

Wieso sollten wir nicht mit Gewohnheiten brechen, uns neu aufstellen und in Bereiche reinschnuppern, die wir noch nie kennengelernten?
Wieso nicht tun, was uns am Herzen liegt?
Es gibt keine Gründe dafür!

Und ansonsten liebe ich den turbulenten Service: Mit 16 Jahren gleich in ein Berufsleben gestartet, nie hübsch studiert und nebenbei gejobbt. So schön, mit Herzblut zu wirbeln, dauerzulächelnd und sich mit den Gästen zu freuen.
„My call is to serve“, Gelegenheitsjobs, Klamotten vom Second-Hand, einen zweirädrigen Oldtimer ..
Mein aktueller Freund könnte Chirurg sein und mein Ex vielleicht Manager. Sie könnten das dreifache bis zehnfache verdienen wie ich, und doch würde, täte, möchte und werde ich an meinem alten Drahtesel und Gelegenheitsjobs festhalten. Einfach, weil es mein Leben ist und es meine Entscheidungen sind. Und wer damit ein Problem hat, wer wir sind und für was wir stehen, der passt wohl leider nicht zu uns.

Wir sind eben nur authentisch, wenn wir tun was wir wollen und uns nicht 1.) für irgendwen verbiegen und 2.) für irgendetwas oder für den der wir sind schämen.
Und – viel wichtiger noch: wir sind nur dann glücklich und werden nur dann bleiben.

Ich wünsche euch viel Energie für eure Ziele einzustehen und nicht verteidigen zu müssen, wer ihr seid, was ihr liebt und für euren Weg.
Einfach machen. Gerne verrückt. Gerne kritisiert. Gerne belächelt.

Umarme dein Chaos
Verfolge das Ziel exquisite Erinnerung zu machen
Sei anders
Besonders
Sei du
Sei ein Rebell
Run free
Bevor die Zeit dazu vergangen ist.

image-19

Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan