Unverhofft kommt oft

Wie gern wär‘ ich in meinen 20ern ein Mensch männlichen Geschlechts gewesen. Wie oft gleich hatte ich mir das gedacht und wünschend schön dabei herbei geredet …
Nur nicht besonders lang, da ich alsbald realisierte, dass die Jungs in ihren 20ern keine perfekte Zeit erlebten:

Die schönsten Körper, die meiste Energie, etwas pickelig vielleicht, ja gut. Doch vielfach schlimm gekränkt durch versagte Lust:
Frust also, der jungen Männer, die da so sehr wollten, hätten auch können, doch nicht konnten, da die Mädels das Zepter in der Hand hielten:

Das Zepter des vielfachen Ablehnens, da diese sich vor Angeboten kaum retten konnten. Und gestandene Männer, mit weltmännischem Blick, Manieren, Portmonee, ja ach, für so viel reizvoller befanden.

Für Borchardt sah’s vielleicht doch anders aus:

„„Meine Hände sind vereist““, und sie waren unter meinem Hemde um meine nackten Hüften. Ich umschlang sie und sie warf sich über mich, ohne auf die anderen zu achten. Aber Agnes schob sich zwischen uns und fing ihr meinen Mund weg, die Mädchen rangen lachend, mit einem kleinen eifersüchtigen Tone, der ihnen aufreizend reizend stand.“
(Rudolf Borchardt mit Weltpuff Berlin.
Nachlass gefundener Manuskripte dieses Schriftstellers: 70 Jahre nach seinem Tod.
So einige hatten angeblich vermutet, dass er immer der war, der sich nun zu bestätigen scheint. Doch damals spielte er recht erfolgreich den Saubermann von Welt.
Muss Mann auch können.)

Als Mädel hat Frau schön die Qual der Wahl, und denkt sich nie und nicht „Und wenn nicht der, dann keinen“.
Prinzessin auf der Erbse ..
auf dem Kirmes ..
in der Disco ..
tief im Wald ..
– so schließ die Augen, munter dreh’ dich, und zeig’ mit dem Finger auf einen den du wollen könntest. Vielleicht. Denn den Richtigen treffen wirst du allemal. Vielleicht.

Köstlich freie frühere Zeit ohne Handybeweise und das ganze Tri-tra-trallalla der Kontrollwütigen heute. Wie sie sie wollen und suchen und fordern: die sensationsgeilen Beweise, gehoffte Sicherheit. Verbohrt festgenagelt in verrucht verfluchter Keuschheit.

Und früher? Nur ich und du, und Müllers Kuh. Undokumentiert!

““Jetzt sterben süßer Junge“ sagte sie lächelnd an meiner Brust. „Und dabei muss ich bald weg. Noch Minuten. Noch zehn.““
(Rudolf Borchardt; Weltpuff Berlin)

Stille Wasser sind tief.
Vermeintlich phlegmatischer Spießbürger, der sich seinem selbst aufgezwungenen Zwang knechtet, und den von der Gesellschaft diktierten moralischen Ansprüchen fügen muss, um neidisch schielend, auf die ungezügelte Lust der anderen blickt, so wie es der kleine Paul auf Peters Kugel Vanille-Eiscreme tut, die Paul nämlich versagt wird, weil der Papi Arzt ist, und Wert auf zuckerfreie Kost, genauso, wie auf Kontrolle von Ehefrau und Kind, in der Familie legt.

Mut mag mit einem spannenden und erfüllten Leben belohnt werden. Gesellschaftliche Ächtung sei dann eins.
Den gesellschaftlichen Stempel aufdrücken zu lassen, oder mit den späteren sehnsüchtigen Gedanken um „hätte, sollte, könnte“ konfrontiert werden wollen?

„Unten war die Gesellschaft aufgestanden und Recha brachte den Mokka und den Cointreau in das Gartenzimmer mit der Glastür, dessen ich mich vom vorigen Male so gut entsann. Es war durch Wandschirme in Kojen aufgeteilt. Im Kabinett brannte eine rote Lampe wie in einem Puff, und waren Matratzen gelegt.
Im anstossenden Salon klimperte Meier Schlager auf dem Klavier. … Finche bot mir frech Brüderschaft an und küsste mich beim Bruderkuss lasziv.“
(Rudolf Borchard; Weltpuff Berlin)

Wie war nun Borchard?
Der, der er im Buch sein will und kann, oder ein neugierig genußvoller Beobachter, Zuhörer, und Storyteller, der, 70 Jahre nach seinem Tod, einmal mehr die Kritiker, Neider oder Hoffenden an der Nase herumzuführen weiß?

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Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan; Null Interesse an den „50 Shades of langweilig“. Vielmehr dafür an rosaroter Melancholie, oranger werdenden Herbsttagen und Borchards unerwartetem literarischen (Feuer)Werk.

Heimatliebe!

„Heimat“, aktuell heiß diskutiert:

Ob dieses, so wunderbar alte Wort, im Duden stehen bleiben darf, oder mindestens das Plural davon aufgenommen werden sollte.
Veraltet, überholt sei es außerdem.

– Wie schön! Denn hat nicht gerade Altes besonders viel Stil, tiefe Wurzeln und damit Sinn, in einer Zeit zunehmender Sinnlosigkeit?

„Heimaten“ also ..
Soll also auch hier, wie sonst im täglich rastlosen, profitgeilen, schnelllebigen, wegwerf-gesellschafts-dominierten Leben die Devise gelten, dass der Mensch sich nicht mäßigen kann und von allem viel, anstatt von tatsächlich Bedeutendem wenig haben möchte?

„Ah! petit prince, j’ai compris, peu à peu, ainsi, ta petite vie mélancolie. Tu n’avais eu longtemps pour distraction que la douceur des couchers de soleil“
(Le petit prince; de Saint-Exupéry)

Reicht nicht ausnahmsweise einmal EINE Heimat?
Oder können wir nicht sagen: „Meine 2. Heimat ist XY“, und müssen stattdessen gleich gegen den Schatz unserer Wörter rebellieren?

Wie schaut’s da aus, mit der Toleranz und dem Respekt?!

Es gibt ja durchaus die Städte, die man zusätzlich sehr mag, auch weil sie einem gut tun, sie uns fröhlich bereichern, und wir sie mit ganz großartigen Erlebnissen verbinden.
Und ganz klar gibt es diese wundervollen Flecken Erde, die das Potential zu absoluten Lieblingsplätzen haben und immer wieder haben werden.
Es gibt Orte, die es verstehen, ein wohlig aufregendes Gefühl in uns wachzukitzeln.
Und Lieblingsmenschen, die andere Städte und Länder, weil sie dort wohnen, für uns zugänglich, lohnend und herzenswarm gemacht haben.
Ich kann woanders eine neue Heimat finden.
Es gibt Sehnsuchtsorte, an die wir immer wieder zurückkehren wollen und werden, und uns angekommen, geborgen, aufgenommen fühlen, und fasziniert neugierig aufsaugen, was nur möglich ist, weil sie uns in der Ferne, zurück in der Heimat, dann fehlen werden: diese vertrauten Fremden.

Fremd ist Heimat jedoch nie & niemals.
Ein Gefühl wie die eigene Westentasche vielmehr.
Sie ist Schutz und Liebe.
Und pure subjektive Schönheit. Und das Gefühl „Hier-bin-ich-weil-ich-genau-hier-der-oder-die-sein-kann-die-ich-sonst-nirgendwo-bin“:
Verwurzelt – verliebt!
Heimatgebettet – geliebt!

So wie es auch die Plätze gibt, die man nicht mag, weil sich die Zeit in und mit ihnen wie zu lang gekautes, fade schmeckendes Kaugummi gezogen hat, und man sie mit allerlei Mist verbinden will und wird, sie als Erfahrung abtut und nicht mehr wieder sehen will.

„Le petit prince bâilla. Il regrettait son coucher de soleil manqué. Et puis il s’ennuyant déjà un peu.
(Le petit prince)

Aber „Heimaten“ statt Heimat?
Ist das nicht wie Ehefrauen statt Ehefrau?

Kann ich „Ex-Heimaten“ haben, so wie ich gemerkt habe, dass die Ex-Partner nicht zu mir passten?
Heißt hier vorwärts zu gehen, nicht nur, sich von Bewährtem loszusagen, Begriffe gewaltsam neu definieren zu wollen und sich dies passiv diktieren zu lassen, um in einer fragwürdigen Mode zu schwimmen und Entscheidungen zu treffen, die es später möglicherweise zu bereuen gilt?

Heimat.
Tradititon.
Kultur.
Tiefsinn.
Und mein süß sanft badischer Patriotismus. Dabei bin ich in Württemberg geboren.

Und natürlich bin ich stolz darauf und glücklich damit, die zu sein, und daher zu kommen, wo ich her komme, ohne mich von irgendjemandem in eine politische Richtung drücken zu lassen. Wo käme ich auch sonst hin?!
Denn wäre ich nicht genauso stolz darauf, wäre meine Heimat wo anders, oder hätte ich zwei davon?

Heimat ist eben auch Schicksal.
Glück oder Unglück, die zu neuem Glück wird.
Und wirklich nicht immer bleibt Heimat die Geburtsstadt, sondern wird die Herzensstadt vielleicht.

Es definiert jeder anders und verbarrikadiert sich dennoch und nur deswegen nicht, für neue Erfahrungen und Kontakte mit und in der ganzen Welt.

Warum sollte Heimatliebe und Offenheit nicht Hand in Hand gehen können?

Heimat ist viel mehr als nur ein Wort: Ein ganz starkes Gefühl. Und dem soll die Definition genommen werden?

Heimat ist ein Favorit und keine Wahllosigkeit!
Ein Herz, und auch davon haben wir nur eins.
Eine unbewusste Entscheidung und keine bewusste: für eine „herbstlochfüllende“ Schlagzeile an einem Freitagnachmittag.

„S’il te plaît … apprivoise-moi! dit-il.
– Je veut bien, répondit le petit prince, mais je n’ai pas beaucoup de temps. J’ai des amis découvrir et beaucoup de choses à connaître.“
(Le petit prince)

Heimat ist Heimat ist Heimat.

Nach 20 Umzügen kann ich das frei sagen, selbst wenn ich in vier, fünf Jahren vermutlich in der Schweiz wohnen werde.

Eine zweite mögliche Heimat dann vielleicht.
Und ich wünsche mir, dass der Begriff „Heimat,“ dann noch im deutschen Duden stehen wird.
Vielleicht nur könnte man die Definition dafür etwas abändern?
Vielleicht kann ein völlig neues Wort kreiert werden, von und für all‘ jene, denen „Heimat“ nicht reicht.

Gesetzte Ziele sind die Schritte vorwärts.
Der Weg ist das Ziel, so er nicht verhaarend oder im Rückwärtsgang stattfindet.
Ein Rückschritt stattdessen, sich von lange Bewährtem und gegenwärtig wie zukünftig Bestehendem unwiderruflich lösen zu wollen.

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Text: PetissaPan; die kein Germanistikstudium bräuchte, um zu vermuten, dass dieser „Fortschritt“ selbst Goethe widerstrebt hätte. Und die ihr Herz für Baden entscheiden ließ und liebt.
Foto: PetissaPan; Blick vom herbstlichen Lorettoberg in Freiburg zum Schauinsland.

About me

“I’ve lived my life taking inspiration from Peter Pan.” (Richard Branson)

Ich bin: ein waschechtes “Schwarzwaldmaidle”. Dabei aufgewachsen, und heute wieder wohnend und arbeitend: in Baden, Baden-Württemberg, 

war jahrelang Polizeibeamtin, bin aktuell “Möchtegern-Schriftstellerin”, sowie stets Selbstdenkerin – nicht Nachdenkerin, gewesen und geblieben.

Hier kombiniere ich meine Liebe zur Literatur und das Lesen, mit meiner großen Lust am und der Leidenschaft für das Leben.

Mein Lieblingsautor ist, und am faszinierendsten finde ich: Thomas Bernhard. 

Am liebsten kennengelernt hätte ich Max Frisch.

Mein Lieblingsbuch ist Ivan Turgenevs “Rauch”.

Ich liebe ganz besonders die sanfte Schwermütigkeit und Gerechtigkeitssuche der russischen Schriftsteller, die kluge Verspieltheit des Schweizers Friedrich Dürrenmatt und ich langweile mich, bis hin zur Genervtheit, bei Kafka.

Allgemein berührt mich alte Literatur ganz erheblich mehr, als moderne und aktuelle Bücher.

Ich studiere deutsche Sprach- und Literaturwissenschaften und stehe auf & für: Individualität, Toleranz und Kritik innerhalb der Gesellschaft, gelebte Gegensätze, und alte Werte, Stil, Golf & Klavier, Sport, Geschwindigkeit, und schöne Schreibe, Fotografie.

“Schönheit ist wie ein Motor.” (Hélène Grimaud)

Ich schreibe mit Wissen & Übertreibung, zwischen Realität & Phantasie, gern polemisch & verspielt.

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Foto: by Hanna Thienel, Baden-Baden. Text & Zitat im Bild: von mir.

Kätzchen, schnurr!

Was lässt sich eigentlich herrlich besser kritisieren, als die Unverbesserlichen unserer Führungsetagen?

„Top of the Rocks“, reich und schön, – dank Skalpell nämlich wie eh und je, und damit die beliebt verantwortlich Gemachten, für all die anhaltend soziale Ungerechtigkeit in einer Welt voll von unrühmlicher Unwucht.

Was ist da los, mit dieser Macht, die – im Business – stets das Böse will und das Gute schafft?
Die glatte Worte spricht und schmeichelnde Mienen guckt, welche selten einen anständigen Charakter vereinen: wie es zumindest Konfuzius einst befand.
Selbstverliebt?
Süß schwankend vielleicht nur?

Ungefährlich?
„Unrasiert, zerzaust und verquollen blickt der neue Geschäftsführende Direktor Peter K. Schwarz Peter K. Schwarz im Badezimmerspiegel entgegen. Beide scheinen seltsam berührt von dieser Begegnung mit einer so hochrangigen Persönlichkeit in einem so intimen Rahmen.
(Martin Suter, „Cheers. Feiern mit der Business Class)

Klebt nicht an jedem Vorurteil ein vorwitziger Fitzel pechschwarzer Wahrheit, wie unhübsch eingesessener Kaugummi?
Hartnäckig gepappt ans 5000€-Dolce-Vita-Dress des feierlichen Silberfuchses beispielsweise, der hier, streng in die Akten vertieft. Und in dessen Tiefen, das sympathische Herz eines kleinen Jungen schlägt, den er erfolgreich zu verbergen versucht.

Polemisch, er?
Nicht und neverever, da sich viel zu sehr der negativen Wirkung bewusst, und sowieso möglichst kein Elan, neben all’ dem täglich geldbringenden Wahnsinn, für streitlustigen Kampf und eine mutige Ansage.
Die Zornesfalte spiegelglatt gebotoxt? Und Polarisierend.
Ein Glas Schampus auf dich, und wir baden darin!

„Dass sich seine Persönlichkeit über Nacht verändert hat, steht für ihn außer Zweifel, seit er sich am Morgen im Badezimmerspiegel begegnet ist, Das Verwegene, das ihm die morgendlichen Bartstoppeln noch bis gestern verliehen hatten, ist gewichen, und an seine Stelle ist so etwas wie ein Anflug von Verletzlichkeit getreten. Der Ausdruck eines Mannes, der das Opfer der Verantwortung gebracht hat.“
(Martin Suter, „Cheers“)

Ein heimlich bewundernder oder sehnend schief neidischer Blick auf das ach-so-perfekt-Leben und das bildschön eingemauerte Lächeln, das von ebenso Blitzweißen begleitet wird, wie repräsentative Ehefrau stolz die schimmernde Perlenkette um den dürren Hals trägt.

Die Geliebte gerne draller. Tätowiert, ja gern! Und um die Ecke, bei Currywurst und Pommes: ich bitte darum!

Mutig deinen Schritt ins echte Leben wagend, in deinen Louboutins, die dir trotz aller Männlichkeit einen eleganten Touch schwul verleihen. Was du natürlich überhaupt nicht hören willst, und ich verschweige, während du sprichst und dich zum siebten Mal wiederholst, nachdem du zum vierten Mal kamst. Viagra.
„Und koch’ bloß nicht für mich. Das hab’ ich schon. Zuhause, mit fünf Kindern und dem Hund.“

„Wenn er seinen Vorgänger Seeholzer abgeschossen hat, dann nicht aus niedrigen Beweggründen des Killers, sondern aus den edlen des Befreiers.“
(Martin Suter; „Cheers“)

Kocht ihr eigentlich mit Wasser oder Champagner, eure Pasta im versilberten Topf?
Schokolade zum Frühstück und Fettabsaugen in der Mittagspause?

Und wenn ihr helft, warum spendet ihr: öffentlichkeitswirksam, und macht euch nicht bescheiden die perfekt manikürten Finger etwas schmutzig, indem ihr hinlangt, mitmacht, nach unten seht?
Könnt ihr nicht? – Schlicht Hände reichen und den Blick nicht nur nach noch „obener“ richten und euch dabei den Hals verdreh’n, um hinzukomm’n, wohin nie die Sonne scheint?
Im Gegensatz zum Zweithaus am süffigen Südhang des sämigen Lebens.
Verdrehte Welt. Der Charakter könnt’s vielleicht schon sein, oder nicht.

Verzweifelt verzweifelnd – von zitronengelb bis ocker – noch nach Fehler suchend, und mein „Po“ neben dem deinen, sozusagen:
so dein Porsche meinen Polo in den Schatten stellt nämlich, im Shoppingcenter, wo ich nur bummle und du groß kaufst.
Was hast du schon was ich nicht brauch’?
Nichts. So leih mir, schenk mir, und im nächsten Leben bin ich du.

„Isabelle fasst sich mit beiden Händen an den Kopf und verstrubbelt für 214 Franken plus Trinkgeld Waschen-Schneiden-Tönen-Stylen. „Besser so“, fragt sie, und ihre Augen blitzen hasserfüllt unter den irreparablen Schäden ihrer Frisur.
Zum ersten Mal versteht Lobsiger, dass es Männer gibt, die ihre Frauen umbringen. Er holt mit der Linken weit aus und schaut auf seine Armbanduhr. „Ich gebe dir genau 10 Minuten, um das wieder in Ordnung zu bringen“, befiehlt er schneidend.
„Sonst“, fragt Isabelle und verschränkt die Arme vor ihrem neuen 1840-Franken-Gucci.
Einen Moment starrt Lobsiger sprachlos in Isabelles Dekolleté wie in den Abgrund seines Karriereendes. Dann sagt er, so vernünftig wie möglich: „…
(Martin Suter; „Cheers)

Oder lieber doch nicht?

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Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan; Reich an Neugier.

Bold at heart

Neben dem Schreiben, dem Leben an sich und der Literatur, habe ich eine andere enorme Passion: Seit ich sieben Jahre alt war, hat mich stets aktiver Sport begleitet und einen Großteil meiner Freizeit ausgemacht. Nichts berührte mich ein gutes Jahrzehnt lang so intensiv, wie ich fühlte, wenn ich meinen Körper an seine Grenzen brachte.
Bis auf gut zwei Jahre, in denen ich zuletzt verletzt war, habe ich immer Sport getrieben und ganze 18 oder 19 verschiedene Sportarten mehr oder weniger intensiv gelebt, auch mal nur kurz ausprobiert und dabei täglich mindestens einmal trainiert.

Golf war die Sportart, die für mich für Natur, Konzentration und Ruhe stand.
Und für Tiger.

Tiger war für mich der Grund, warum ich mir vor Jahren einen großen Flachbildschirm kaufte und Sky Sport abonniert hatte. Davor und danach, bis heute wieder, schaue ich kein Fernsehen. Er steht hier in meiner Wohnung – der Fernseher – und verstaubt, ohne, dass er überhaupt angeschlossen wäre. Ich verfolge aktuell im Internet.

Freche Wortkombinationen bildete ich mit Tigers Vor- und meinem echten Nachnamen, die sich tatsächlich ganz wunderbar reimen, und deren – unsere – Anfangsbuchstaben ich mir als Initialen 2013 auf die Golfschuhe sticken ließ.
Ich war verrückt – nach ihm, seinem Spiel, und auch sonst – verliebt, und es hält an.

Tigers Faszination im Sport ist eine solche, wie es Thomas Bernhard in der Literatur und Richard Branson im Business für mich sind. Eine Magie, der ich loyal erlegen war, bin und die mich Jahre begleitete und vermutlich immer anhalten wird.

Tiger, der mich genauso in seinen Bann zog und zieht, wie er das Millionen anderer tut und diesen Sport überhaupt so populär machte.
Eine schillernde Ausnahme im großen Sport, von dem in den vergangenen neun Jahren viel Gold und Glanz abgeblättert ist, abgekratzt wurde, und nun erneut an ihn geheftet, geschrieben, gepappt und getrieben wird.

Dass er ein ganzes langes knappes Jahrzehnt so erbärmlich böse gefallen ist und nun wieder da, macht ihn für mich nur noch besonderer, interessanter, unwiderstehlicher und besser, und steht in Amerika ja ohnehin für die Laufbahn eines großen und gefeierten Helden.
Die Medien überschlagen sich gerade geradezu auch hinsichtlich seinem offensichtlich geläuterten Charakter, nämlich dass der einst super-erfolgreiche doch egoistische Selbstsüchtige, heute zu einem mit Herz gereift sein soll.

Getreu dem Zitat von Victor Marie Hugo:
„Unglück macht Menschen.
Wohlstand macht Ungeheuer.“ ???

Ganz ganz weit oben, dann gefallen und nach zahlreichen sportlichen, privaten und gesundheitlichen Tiefschlägen und monatelanger Negativ-Presse ein Schatten seines einstigen Selbst gewesen. Nicht aber geblieben.

Es wird niemals wieder einen zweiten Tiger Woods geben können, und ich finde diesen, den wir da haben, ganz prima: Göttlichstes Golf ever … Vor allem aber heute: menschlich.

Ich hoffe, dass er den Ryder Cup am Sonntag für sich und sein Team entscheiden kann. Doch tut er das nicht, so ist es trotzdem so, dass er wieder, und völlig unverkennbar, zurück ist, nach all den Jahren.

Als Sympathierträger, Auferstandener, Golf-Gott, und ja, ich idealisiere immer dann, wenn Begeisterung sich kaum zähmen läßt und mein Bauch es so will.

Schönes Spiel!
Und ab Montag komme ich dann vielleicht wieder zum lesen.

„Es gibt Augenblicke, in denen eine Rose wichtiger ist als ein Stück Brot.“
(Rainer Maria Rilke)

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Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan; 2009

Kurtisane oder Kitesurfen

Für Ausgeschlafene und weil Zeit so unfassbar kostbar ist.

By the way:
Ist chronisches Zuspätkommen eigentlich eine genauso beachtenswert mögliche pathologische Auffälligkeit, wie es zwanghaftes Lügen darstellen können soll:
Oder ist es einfach nur eine unbelebt müde Verhaltensweise fehlenden Respekts?

Eine, mit der ich dem jeweils anderen bestechend einfallslos signalisieren kann, dass mir meine eigene Zeit ja so sehr viel wichtiger ist, als die seine.

Und als Gegenspieler, die rote Karte zückend, Platzverweis erteilend: verlier‘, galoppier‘, stolzier‘.
Verlorenes Biest und der chronisch zu spät kommende Schöne, oder doch vielleicht so:

Respektiere ich, dass jemand meine Zeit nicht respektiert? Abwartend.

Oder wie verbringe ich Zeit sonst so am liebsten?

Mit wechselnden SugarDaddys, schwer behangen und gebückt aus pompöser Kitschkutsche steigend, oder mit den knackig gutsituierten Jünglingen aus juwelengebettetem Elternhaus, klirrend goldene Eier legend?

„Wer Mädchen von Marguerites Schlag ein wenig kennt, weiß, dass sie einen Scherz am falschen Ort machen und mit Vergnügen Menschen hänseln, denen sie zum erstmal begegnen.
Das ist sicher eine Vergeltung für die Demütigungen, die sie so oft in ihrem täglichen Umgang in Kauf nehmen müssen.
Außerdem muss man, um mit ihnen auszukommen eine gewisse Erfahrung ihrer Lebensart haben, eine Erfahrung die mir abging.
(„Die Kameliendame“ (1848); Alexandres Dumas)

Süße bildschöne Kurtisane im Paris des 19. Jahrhunderts.
Schwülstiger Sündenpfuhl, weil erlaubt ist was gefällt, dies viel betrieben wird, und vornehm nur hinter vorgehalten sittsam bekleideter Hand getuschelt wird.

Frankreichs Schöne, mit deinen gern pulsierenden Ecken, Kurven und Stunden!

Dame von Welt, mit einer Schale wie aus Kruppstahl und einem Herzen aus flüssigem Gold.
Schlägt, schläft und trägt – samtig sanft emotional, wie knallhart kalkulierend rational.

Männer gingen ein und aus, im stets pompöser und strahlender werdenden Haus. Es gab dafür Bekanntheit, Reichtum, Anerkennung und Besitz im Überfluss.
Leicht und schön lebt sich’s so allemal: Mitleid gibt’s bekanntlich geschenkt – Neid gilt es sich zu verdienen!

Gespielte Lust, die Lüge im Blick oder die Augen gleich ganz geschlossen, und gezuckerte süßlich schmierende Wörter für den heißgeliebten Luxus: Bis das Herz eben einmal doch versehentlich darüber stolpert und die Welt Kopf stellt und verdreht.

Denn wen(n) sie, die Liebe, denn trifft, dann und den trifft sie perfekt direkt, und so bleibt bekanntlich kein Auge trocken und keines der Herzen ohne Kratzer.
Und Zeit ist kostbar.
Umsonst ist manchmal eben nur der Tod.
Manchmal später als erhofft.
Manchmal früher als geplant.

„Die Wohnung war voller Gaffer.
Sämtliche Berühmtheiten der Halbwelt hatten sich eingefunden und wurden genau gemustert von den paar großen Damen, die unter dem Vorwand der Versteigerung sich noch einmal das Recht nahmen, Frauen, denen sie anders hätten nie begegnen können und die sie wahrscheinlich insgeheim um ihr ungehemmtes Leben beneideten, aus der Nähe zu betrachten.“
(Die Kameliendame; A. Dumas)

Mein Leben.
Meine Entscheidungen.
Meine Zeit.

Dumas Kameliendame ist tatsächlich eines meiner Lieblingsbücher und dabei ja leider (trotz Garbo oder Firth) so erstaunlich schlecht verfilmt worden, wie ich meine.

„Sie schulden mir keinen Dank. Die tägliche Rückerinnerung an die einzig glückliche Zeit meines Lebens ist eine unendliche Wohltat für mich.“
(Die Kameliendame; A. Dumas)

Remember who you are and the game will change.


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Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan; Kurtisane im Knusperhäusle oder lieber Kitesurfen bei Kap Verde?

Child at heart

„Hier ist mein Geheimnis. Es ist ganz einfach: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

„Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“, wiederholte der kleine Prinz, um es sich zu merken.

„Die Zeit, die du für deine Rose verloren hast, sie macht deine Rose wichtig.“
„Die Zeit, die ich für meine Rose verloren habe …“, sagte der kleine Prinz, um es sich zu merken.

„Die Menschen haben diese Wahrheiten vergessen“, sagte der Fuchs. „Aber du darfst sie nicht vergessen.““
(„Le petit prince“; Antoine de Saint-Exupéry)

Was weiß ein Kind, was ein Erwachsener nicht mehr fühlen kann.

Was sich abschauen, wenn nicht lang genug erhalten.
Und wie viel Rationalität tut eigentlich gut: Mir selbst – erst einmal.

„Dann sagte er noch: Ich glaubte ich sei reich durch eine einzigartige Blume, und ich besitze nur eine gewöhnliche Rose.“
(„Le petit prince“)

Adrett hübsche Gesellschaftslehre und dass man angepasst sich gut „hineinpasst“, ins Mosaik der farblosen Steine.

Ist nicht jeder Funken Individualität und kecker aufgeweckter Schalk und Widerstand die wertvollste stechend stichelnde Rose im Garten der getrübten Eitelkeiten … Fortschritt im Stillstand … Freude in kühler Abgeklärtheit … Vitamin im Einheitsbrei … Lachender Augen zwei, Passion, Klasse statt Masse.
Und bildet Reisen nicht noch viel viel mehr.

„Die Erde ist nicht irgendein Planet!
Man zählt da hundertelf Könige, wenn man, wohlgemerkt, die Negerkönige nicht vergisst, siebentausend Geographen, neunhunderttausend Geschäftsleute, siebeneinhalb Millionen Säufer, dreihundertelf Millionen Eitle, kurz – ungefähr zwei Milliarden erwachsene Leute.“
(„Le petit prince“)

Stehaufmanier, vorurteilsbefreit, und Neugierde auf alles:
Wer ist darin schon besser als ein Kind. 100 Mal fallen und doch in der Vertikalen.

Was macht uns reicher: Zeit oder Besitz. Und dass die Zeit sich nur für diejenigen verlängere, die sie zu nutzen verstünden, philosophierte einst da Vinci.

„Aber der Eitle hörte ihn nicht. Die Eitlen hören immer nur die Lobreden.
„Bewunderst du mich wirklich sehr?“, fragte er den kleinen Prinzen.
„Was heißt bewundern?“
„Bewundern heißt erkennen, dass ich der schönste, der bestangezogenste, der reichste und der intelligenteste Mensch des Planeten bin.“

„Ich bewundere dich“, sagte der kleine Prinz, indem er ein bißchen die Schultern hob, „aber wozu nimmst du das wichtig?“
Und der kleine Prinz machte sich davon. Die großen Leute sind entschieden sehr verwunderlich, stellte er auf seiner Reise fest.
(„Le petit prince“)

Gegensätze sind schlicht wunderbar, die Normen oft gelangweilt und der niesenden Wahrheit gut gekonnt entfremdelt gleich dazu.
Doch Ausnahmen bestätigen so wundervoll die Regel, dass nicht überall: in zu viel Schublade gedacht wird, Medien die Realität ausmalen, die Politik ganzjährig ihr fünftes Gesicht präsentiert und der Erwachsene nur im Karneval zum Kind werden soll.

Und was ist schon „die Wahrheit“:
Ein Kind aber immer noch ein Kind.

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Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan. Stets um Balance bemüht naturellement. Und trotz, dass in einer Hochburg der alemannischen Fasnet geboren, bereits als Kind kein Interesse an Masken und fünften Jahreszeiten, doch Lust darunter und tiefer zu blicken.

Klatsch geklatscht

Was wissen wir schon über einen Menschen?
Über sein Leben.
Sehen wir nicht immer genau das in jemandem, was wir in ihm sehen möchten?
In jedem einzelnen.

Ob gerne mit ihm bekannt, euphorisch in ihn verliebt, entzaubert, im richtigen Moment erwischt, oder wegen irgendetwas enttäuscht, gekränkt, getroffen, – was durchaus oft viel mehr mit uns und unserem Leben selbst zu tun haben kann – und meist auch wird – als mit unserem Gegenüber.

„Ich darf nicht leugnen, dass ich auch immer zwei Existenzen geführt habe, eine, die der Wahrheit am nächsten kommt und die als Wirklichkeit zu bezeichnen ich tatsächlich ein Recht habe, und eine gespielte, beide zusammen haben mit der Zeit eine mich am Leben haltende Existenz ergeben.“
(Thomas Bernhard in „Der Keller“)

Thomas Bernhard ist der Schriftsteller, dessen Persönlichkeit mich am meisten fasziniert.
Seine Bücher und die Art zu schreiben empfinde ich als sehr speziell. Ich mag jedes Buch, bewundere, und fragte mich nach den ersten Seiten bereits, was da wohl für eine außergewöhnliche Persönlichkeit dahinter stecken mochte.

„Thomas Bernhard ist für den, der einmal mit ihm in Berührung gekommen ist, ganz und gar unausweichlich.“
(Auf: „Verstörung“)

In „Was reden die Leute. 58 Begegnungen mit Thomas Bernhard“, kommen sie zu Wort: Die die Bernhard zu Lebzeiten gekannt hatten, beziehungsweise gekannt haben wollen.

Denn, was macht beste Freundschaft tatsächlich aus, und dass ich mich jemandem ungeschönt und ganz so zeige wie ich bin:
Dass ich mir absolut sicher sein kann, dass die Menschen in meinem engsten Kreis die sind, die nichts nach Außen tragen, Geheimnisse behalten können, wollen und das werden?
Die, weil sie absolut loyal sind, gerade deswegen meine engsten Freunde sind.

„Hat Ihnen das noch niemand erzählt? Er war unter allen Schriftstellern, die ich kannte, der mit Abstand beste, ja ein rasanter Autofahrer. Einerseits spielte er ja immer so auf Landadel, aber er war absolut auch ein Dandy, und wenn er so im offenen Sportwagen durch die Gegend in Ohlsdorf brauste, das machte schon gewaltigen Eindruck. Da hätte wahrscheinlich niemand gedacht, dass das ein Schriftsteller ist, sondern eher vielleicht doch ein Rennfahrer.“
(Aus: „Was reden die Leute“)

Arroganz oder Selbstschutz?
Und warum sollte ein Schriftsteller nicht auch Dandy und Rennfahrer sein wollen und können?
Haben nur Katzen sieben Leben und wir sollen uns für eines entscheiden und starr darin verharren, uns dem gesellschaftlichen Druck fügen ohnehin?

Was ist spannend und lebenswert?
Und wie sehr wollen wir glücklich sein und in welchem Maß?

„Man konnte nicht neben ihm verblöden oder einsam werden, man musste ununterbrochen am Leben teilnehmen und experimentieren. Obwohl ich die Frau und Mühle verloren habe … , war es trotzdem ein innerer Gewinn durch die Erlebnisse und Beobachtungen mit ihm.“
(Aus: „Was reden die Leute“)

Womanizer noch dazu?
Und, ist es vielleicht doch so, dass wir manchmal durchaus so neugierig und beobachtend sein wollen, uns andere Menschen und deren Verhalten so lange anzusehen und auszureizen, bis wir genug gesehen haben, unser finales Resümee ziehen und dann – so alle Zweifel ausgeräumt, bis in die Haarspitzen überzeugt – gehen?

„Er saß dann manierlich in den Biedermeiermöbeln, trank seinen Tee, blickte mit seinen witzigen, listigen Augen und rollte sie, seine Nase leicht gerötet. Damals wusste ich nicht, dass er so schwere Zeiten hinter sich hatte. Niemand dachte an seine auskurierte Krankheit – die Tuberkulose – und an seine Therapien. Vieles hat man erst später, nach seinem Tod, über ihn erfahren.“
(Aus: „Was reden die Leute“)

Ein spannendes und gut gelebtes Leben ist dann eines, in dem ich mir nicht zu viele Gedanken um die Meinung anderer über mich mache, im Ausgleich gebend und nehmend bin, und mein Leben so lebe, wie ich es genau haben will, und nicht als Dauer-Show-Einlage für andere, oder wie ich in deren Augen zu sein habe?

Ich weiß nicht, ob Bernhard dieses Leben gelebt hat. Bin mir aber sicher, dass er die Klugheit dazu besessen hatte zu wählen was und wer er – für sich und für andere – sein wollte.

Wenn Glück als so zerbrechlich gilt:
Wie stabil ist dann „perfekt unperfekt“?

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Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan mit ihrer Keramikschale aus Yasz im Iran, und Mirabellen vom badischen Kaiserstuhl, der östlich vom Rhein, gegenüber dem französischen Elsass liegt.

Highest Schön

Wie hätten wir es denn gern, unser Leben:
Durchwachsen? Ganz oben und ganz unten? Normal, 08/15, durchschnittlich?
Lang und gemäßigt.
Kurz und exzessiv.
Irgendwo dazwischen.Können wir die herausragend guten und besonderen Momente, Stunden, Ereignisse, überhaupt gebührend schätzen und spüren, wenn wir nie unten waren?
Und können wir echte Liebe leben und lachen, wenn wir noch niemals wegen unerwiderter gelitten und geweint hatten?

„What a pull he has! What a magnetism! Women jump off balconies and follow him into wars. Women turn their eyes from an affair, because a marriage of three is better than a woman alone.“
(Mrs. Hemingway; Naomi Wood)

Wenn das Leben Ernest Hemingways eines sicher nicht war, so war es langweilig. Genauso wenig deshalb damit für die, welche ihm, neben Fitzgerald vielleicht, am nächsten kamen: Für seine Frauen und Geliebten.

Naomi Wood hat in ihrem Buch „Mrs. Hemingway“ (Deutscher Titel: „Als Hemingway mich liebte“) die Geschichte der Ehefrauen Hemingways – vier an der Zahl – erzählt.
Weniger geht es dabei einmal um ihn – den faszinierenden Charismatiker, auch bekennenden Alkoholiker, mit möglicher Persönlichkeitsstörung obendrein – als um eben die an seiner Seite.

Zum mitfühlen und mitreissen lassen, in eine bezaubernde Epoche, inmitten diesen Sog aus fehlender Exklusivität und dem Mangel an jeglicher Stabilität in einem Menschenleben.

Wie sie sich verzaubert hingezogen fühlen, bis teils zur schlummernd schummrig schönen Abhängigkeit, zu diesem großen Schriftsteller der damaligen Zeit.
Und wir können uns, heute lesend, darin glückselig befinden, genießen durchweg, und damit anders fühlen als die Damen, gefangen in seinem Netz, welche er einfing, zappeln ließ und munter tauschte.

„Mary cuts a lock of her blond hair, ashier now than when they first met, and binds it with a ribbon. She picks out her best report from her „Time Days“ when they had begun their flirtation in wartime London, when he had offered her an orange in a Charlotte Street restaurant and set the rest of their life in motion. These will be the things she leaves him; this is Ernest’s inheritance.“
(Mrs. Hemingway; Naomi Wood)

Schön, mach’ dir die Welt wie sie dir gefällt.
Gehen oder bleiben.
Entflammen und verbrennen.

Was sind Anfang ohne Ende und Melancholie ohne Euphorie?
Was ist ein wunderschönes Kennenlernen wert, dem alsbald blanke Ernüchterung und Kühle folgt.
Was wäre das Leben ohne unsere Erinnerungen?
Und wie sehr faszinieren uns die Leben anderer, die wir uns selbst nicht trauen zu leben?

I need to be myself
I can’t be no one else
I’m feeling supersonic
Give me gin and tonic
You can have it all but how much do you wan’t it?
(Oasis; Supersonic)

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Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan – in der Hotelbar Hemingway in Freiburg im Breisgau.

Konsumkinder

Der Konsum der Romantik.

Oscar Wilde meinte ja einst, dass das Wesentliche an der Romantik das Ungewisse sei.
Aber läßt sich das Ungewisse denn käuflich spielerisch einfangen – konsumieren – und so an sich binden?
Oder wird durch Binden bloß festgezurrte Starre und zu viel Sicherheitsgedanke, Rationales, Realität daraus, und die Verzauberung und Magie vergeht: schmilzt dahin wie Sahneeis im diesjährigen Hitzesommer?

„Hat die Konsumsphäre die Liebesbeziehung eines Sinnes beraubt, der bislang durch die vorkapitalistische Kultur bewahrt worden war?“
(Aus „Der Konsum der Romantik“ von Eva Illouz)

Wo wärst du denn ohne den toll-teuren Ring an deinem Finger von gestern: Über alle Berge, in den Armen eines anderen, der dir diesen, gekauft, dann geschenkt hätte?

Wo wäre ich ohne all die Candlelightdinner in edlen Restaurants, welche es nicht für lau gibt, und Frau mit wunderbar und gelungen bewerten mag?

Wo wären wir also heute: ohne die gekauften Rosen, die schmeichelnden Geschenke, korkenknallenden Champagner, das Ferienhaus am Meer und all die anderen geklauten, mitunter kostspieligen Ideen und daran gekoppelten teuren Versprechen, um zu beeindrucken und das Uns zelebrieren zu können?

„Romantische Gefühle werden gemeinhin dann als besonders beschrieben, weil sie sich unmittelbar auf eine Person beziehen, die man vom Rest der Welt abtrennt.“
(Aus „Der Konsum der Romantik“ von Eva Illouz)

Verzaubert durch Alltagsflucht also: Der jägernde Gentleman, der gekonnt charmant das erwählte Stöckelwild groß ausführt, inmitten dem Trubel und Treiben anderer Menschen einen romantischen Rahmen von Zweisamkeit zu schaffen vermag, und es in einsamer Wildnis separiert und erlegt ..

Setzt erwählter Konsum einer rosaroten Blüte gar die Krone auf: wie Spiritus, der aus einem kleinen Flämmchen ein loderndes Fegefeuer entfacht?

“ … sie habe Würze und Abenteuer, es sei eine wundervolle Liebesbeziehung.“
(Aus „Der Konsum der Romantik“ von Eva Illouz)

Königsdisziplin vielleicht: die gekonnte Mischung aus Alltag und romantischem Sahnehäubchen, in einen erfrischenden Pool aus Luxus getaucht. Hin und wieder.

Und hat Konsum überhaupt immer mit Luxus zu tun?
Ist Luxus tatsächlich immer an finanzielle Mittel gebunden?

Oder was ist damit:

„Die Liebe ist nicht nur blind gegenüber Status und Reichtum, sie verwandelt letztlich sogar Armut in Reichtum, Hunger in Sättigung, Mangel in Überschuß.
Die Umkehrung der Identität ist das Liebesthema par excellence, Hässlichkeit wird in betörende Schönheit verwandelt, arme Schafhirten werden zu Königen, Frösche zu Prinzen.“
(Aus „Der Konsum der Romantik“ von Eva Illouz)

Is that so ???

Vielleicht baut Romantik ja die allerschönsten Luftschlösser, die für Stunden, Tage, Wochen wahr werden können.
Irgendwie.
Und immer wieder.

Dass hoffnungsvolle Romantiker keine Realisten sein können, scheint zumindest ein ebenso häufig gedachter und geäußerter Gedanke zu sein, wie die Annahme, dass jeder gute Tänzer ein guter Liebhaber sein müsse.

Und was uns durchaus auch auf wundersame Weise faszinieren kann: Wie die große und bekannte Soziologin Illouz, als geborene Araberin (Marokkanerin) heute in Israel lebt, dort Professorin an der Universität in Jerusalem ist und mit einem Israeli verheiratet ist.

Liebe verbindet.
Irgendwie.
Und immer wieder.

Romantik sei das Betäubungsmittel des Mannes für die Frau: Und?!

„Ich hoffe, dass ein besseres Verständnis der Verluste und Gewinne, welche die postmoderne Liebe mit sich gebracht hat, uns in die Lage versetzen kann, sowohl unsere romantische wie auch unsere soziale Bestimmung frei zu wählen und in den eigenen Händen zu behalten.“
(Schlusssatz aus „Der Konsum der Romantik“ von Eva Illouz)

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Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan: Romantisch. Immer mal wieder.