Unverhofft kommt oft

Wie gern wär‘ ich in meinen 20ern ein Mensch männlichen Geschlechts gewesen. Wie oft gleich hatte ich mir das gedacht und wünschend schön dabei herbei geredet …
Nur nicht besonders lang, da ich alsbald realisierte, dass die Jungs in ihren 20ern keine perfekte Zeit erlebten:

Die schönsten Körper, die meiste Energie, etwas pickelig vielleicht, ja gut. Doch vielfach schlimm gekränkt durch versagte Lust:
Frust also, der jungen Männer, die da so sehr wollten, hätten auch können, doch nicht konnten, da die Mädels das Zepter in der Hand hielten:

Das Zepter des vielfachen Ablehnens, da diese sich vor Angeboten kaum retten konnten. Und gestandene Männer, mit weltmännischem Blick, Manieren, Portmonee, ja ach, für so viel reizvoller befanden.

Für Borchardt sah’s vielleicht doch anders aus:

„„Meine Hände sind vereist““, und sie waren unter meinem Hemde um meine nackten Hüften. Ich umschlang sie und sie warf sich über mich, ohne auf die anderen zu achten. Aber Agnes schob sich zwischen uns und fing ihr meinen Mund weg, die Mädchen rangen lachend, mit einem kleinen eifersüchtigen Tone, der ihnen aufreizend reizend stand.“
(Rudolf Borchardt mit Weltpuff Berlin.
Nachlass gefundener Manuskripte dieses Schriftstellers: 70 Jahre nach seinem Tod.
So einige hatten angeblich vermutet, dass er immer der war, der sich nun zu bestätigen scheint. Doch damals spielte er recht erfolgreich den Saubermann von Welt.
Muss Mann auch können.)

Als Mädel hat Frau schön die Qual der Wahl, und denkt sich nie und nicht „Und wenn nicht der, dann keinen“.
Prinzessin auf der Erbse ..
auf dem Kirmes ..
in der Disco ..
tief im Wald ..
– so schließ die Augen, munter dreh’ dich, und zeig’ mit dem Finger auf einen den du wollen könntest. Vielleicht. Denn den Richtigen treffen wirst du allemal. Vielleicht.

Köstlich freie frühere Zeit ohne Handybeweise und das ganze Tri-tra-trallalla der Kontrollwütigen heute. Wie sie sie wollen und suchen und fordern: die sensationsgeilen Beweise, gehoffte Sicherheit. Verbohrt festgenagelt in verrucht verfluchter Keuschheit.

Und früher? Nur ich und du, und Müllers Kuh. Undokumentiert!

““Jetzt sterben süßer Junge“ sagte sie lächelnd an meiner Brust. „Und dabei muss ich bald weg. Noch Minuten. Noch zehn.““
(Rudolf Borchardt; Weltpuff Berlin)

Stille Wasser sind tief.
Vermeintlich phlegmatischer Spießbürger, der sich seinem selbst aufgezwungenen Zwang knechtet, und den von der Gesellschaft diktierten moralischen Ansprüchen fügen muss, um neidisch schielend, auf die ungezügelte Lust der anderen blickt, so wie es der kleine Paul auf Peters Kugel Vanille-Eiscreme tut, die Paul nämlich versagt wird, weil der Papi Arzt ist, und Wert auf zuckerfreie Kost, genauso, wie auf Kontrolle von Ehefrau und Kind, in der Familie legt.

Mut mag mit einem spannenden und erfüllten Leben belohnt werden. Gesellschaftliche Ächtung sei dann eins.
Den gesellschaftlichen Stempel aufdrücken zu lassen, oder mit den späteren sehnsüchtigen Gedanken um „hätte, sollte, könnte“ konfrontiert werden wollen?

„Unten war die Gesellschaft aufgestanden und Recha brachte den Mokka und den Cointreau in das Gartenzimmer mit der Glastür, dessen ich mich vom vorigen Male so gut entsann. Es war durch Wandschirme in Kojen aufgeteilt. Im Kabinett brannte eine rote Lampe wie in einem Puff, und waren Matratzen gelegt.
Im anstossenden Salon klimperte Meier Schlager auf dem Klavier. … Finche bot mir frech Brüderschaft an und küsste mich beim Bruderkuss lasziv.“
(Rudolf Borchard; Weltpuff Berlin)

Wie war nun Borchard?
Der, der er im Buch sein will und kann, oder ein neugierig genußvoller Beobachter, Zuhörer, und Storyteller, der, 70 Jahre nach seinem Tod, einmal mehr die Kritiker, Neider oder Hoffenden an der Nase herumzuführen weiß?

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Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan; Null Interesse an den „50 Shades of langweilig“. Vielmehr dafür an rosaroter Melancholie, oranger werdenden Herbsttagen und Borchards unerwartetem literarischen (Feuer)Werk.

Heimatliebe!

„Heimat“, aktuell heiß diskutiert:

Ob dieses, so wunderbar alte Wort, im Duden stehen bleiben darf, oder mindestens das Plural davon aufgenommen werden sollte.
Veraltet, überholt sei es außerdem.

– Wie schön! Denn hat nicht gerade Altes besonders viel Stil, tiefe Wurzeln und damit Sinn, in einer Zeit zunehmender Sinnlosigkeit?

„Heimaten“ also ..
Soll also auch hier, wie sonst im täglich rastlosen, profitgeilen, schnelllebigen, wegwerf-gesellschafts-dominierten Leben die Devise gelten, dass der Mensch sich nicht mäßigen kann und von allem viel, anstatt von tatsächlich Bedeutendem wenig haben möchte?

„Ah! petit prince, j’ai compris, peu à peu, ainsi, ta petite vie mélancolie. Tu n’avais eu longtemps pour distraction que la douceur des couchers de soleil“
(Le petit prince; de Saint-Exupéry)

Reicht nicht ausnahmsweise einmal EINE Heimat?
Oder können wir nicht sagen: „Meine 2. Heimat ist XY“, und müssen stattdessen gleich gegen den Schatz unserer Wörter rebellieren?

Wie schaut’s da aus, mit der Toleranz und dem Respekt?!

Es gibt ja durchaus die Städte, die man zusätzlich sehr mag, auch weil sie einem gut tun, sie uns fröhlich bereichern, und wir sie mit ganz großartigen Erlebnissen verbinden.
Und ganz klar gibt es diese wundervollen Flecken Erde, die das Potential zu absoluten Lieblingsplätzen haben und immer wieder haben werden.
Es gibt Orte, die es verstehen, ein wohlig aufregendes Gefühl in uns wachzukitzeln.
Und Lieblingsmenschen, die andere Städte und Länder, weil sie dort wohnen, für uns zugänglich, lohnend und herzenswarm gemacht haben.
Ich kann woanders eine neue Heimat finden.
Es gibt Sehnsuchtsorte, an die wir immer wieder zurückkehren wollen und werden, und uns angekommen, geborgen, aufgenommen fühlen, und fasziniert neugierig aufsaugen, was nur möglich ist, weil sie uns in der Ferne, zurück in der Heimat, dann fehlen werden: diese vertrauten Fremden.

Fremd ist Heimat jedoch nie & niemals.
Ein Gefühl wie die eigene Westentasche vielmehr.
Sie ist Schutz und Liebe.
Und pure subjektive Schönheit. Und das Gefühl „Hier-bin-ich-weil-ich-genau-hier-der-oder-die-sein-kann-die-ich-sonst-nirgendwo-bin“:
Verwurzelt – verliebt!
Heimatgebettet – geliebt!

So wie es auch die Plätze gibt, die man nicht mag, weil sich die Zeit in und mit ihnen wie zu lang gekautes, fade schmeckendes Kaugummi gezogen hat, und man sie mit allerlei Mist verbinden will und wird, sie als Erfahrung abtut und nicht mehr wieder sehen will.

„Le petit prince bâilla. Il regrettait son coucher de soleil manqué. Et puis il s’ennuyant déjà un peu.
(Le petit prince)

Aber „Heimaten“ statt Heimat?
Ist das nicht wie Ehefrauen statt Ehefrau?

Kann ich „Ex-Heimaten“ haben, so wie ich gemerkt habe, dass die Ex-Partner nicht zu mir passten?
Heißt hier vorwärts zu gehen, nicht nur, sich von Bewährtem loszusagen, Begriffe gewaltsam neu definieren zu wollen und sich dies passiv diktieren zu lassen, um in einer fragwürdigen Mode zu schwimmen und Entscheidungen zu treffen, die es später möglicherweise zu bereuen gilt?

Heimat.
Tradititon.
Kultur.
Tiefsinn.
Und mein süß sanft badischer Patriotismus. Dabei bin ich in Württemberg geboren.

Und natürlich bin ich stolz darauf und glücklich damit, die zu sein, und daher zu kommen, wo ich her komme, ohne mich von irgendjemandem in eine politische Richtung drücken zu lassen. Wo käme ich auch sonst hin?!
Denn wäre ich nicht genauso stolz darauf, wäre meine Heimat wo anders, oder hätte ich zwei davon?

Heimat ist eben auch Schicksal.
Glück oder Unglück, die zu neuem Glück wird.
Und wirklich nicht immer bleibt Heimat die Geburtsstadt, sondern wird die Herzensstadt vielleicht.

Es definiert jeder anders und verbarrikadiert sich dennoch und nur deswegen nicht, für neue Erfahrungen und Kontakte mit und in der ganzen Welt.

Warum sollte Heimatliebe und Offenheit nicht Hand in Hand gehen können?

Heimat ist viel mehr als nur ein Wort: Ein ganz starkes Gefühl. Und dem soll die Definition genommen werden?

Heimat ist ein Favorit und keine Wahllosigkeit!
Ein Herz, und auch davon haben wir nur eins.
Eine unbewusste Entscheidung und keine bewusste: für eine „herbstlochfüllende“ Schlagzeile an einem Freitagnachmittag.

„S’il te plaît … apprivoise-moi! dit-il.
– Je veut bien, répondit le petit prince, mais je n’ai pas beaucoup de temps. J’ai des amis découvrir et beaucoup de choses à connaître.“
(Le petit prince)

Heimat ist Heimat ist Heimat.

Nach 20 Umzügen kann ich das frei sagen, selbst wenn ich in vier, fünf Jahren vermutlich in der Schweiz wohnen werde.

Eine zweite mögliche Heimat dann vielleicht.
Und ich wünsche mir, dass der Begriff „Heimat,“ dann noch im deutschen Duden stehen wird.
Vielleicht nur könnte man die Definition dafür etwas abändern?
Vielleicht kann ein völlig neues Wort kreiert werden, von und für all‘ jene, denen „Heimat“ nicht reicht.

Gesetzte Ziele sind die Schritte vorwärts.
Der Weg ist das Ziel, so er nicht verhaarend oder im Rückwärtsgang stattfindet.
Ein Rückschritt stattdessen, sich von lange Bewährtem und gegenwärtig wie zukünftig Bestehendem unwiderruflich lösen zu wollen.

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Text: PetissaPan; die kein Germanistikstudium bräuchte, um zu vermuten, dass dieser „Fortschritt“ selbst Goethe widerstrebt hätte. Und die ihr Herz für Baden entscheiden ließ und liebt.
Foto: PetissaPan; Blick vom herbstlichen Lorettoberg in Freiburg zum Schauinsland.

Bold at heart

Neben dem Schreiben, dem Leben an sich und der Literatur, habe ich eine andere enorme Passion: Seit ich sieben Jahre alt war, hat mich stets aktiver Sport begleitet und einen Großteil meiner Freizeit ausgemacht. Nichts berührte mich ein gutes Jahrzehnt lang so intensiv, wie ich fühlte, wenn ich meinen Körper an seine Grenzen brachte.
Bis auf gut zwei Jahre, in denen ich zuletzt verletzt war, habe ich immer Sport getrieben und ganze 18 oder 19 verschiedene Sportarten mehr oder weniger intensiv gelebt, auch mal nur kurz ausprobiert und dabei täglich mindestens einmal trainiert.

Golf war die Sportart, die für mich für Natur, Konzentration und Ruhe stand.
Und für Tiger.

Tiger war für mich der Grund, warum ich mir vor Jahren einen großen Flachbildschirm kaufte und Sky Sport abonniert hatte. Davor und danach, bis heute wieder, schaue ich kein Fernsehen. Er steht hier in meiner Wohnung – der Fernseher – und verstaubt, ohne, dass er überhaupt angeschlossen wäre. Ich verfolge aktuell im Internet.

Freche Wortkombinationen bildete ich mit Tigers Vor- und meinem echten Nachnamen, die sich tatsächlich ganz wunderbar reimen, und deren – unsere – Anfangsbuchstaben ich mir als Initialen 2013 auf die Golfschuhe sticken ließ.
Ich war verrückt – nach ihm, seinem Spiel, und auch sonst – verliebt, und es hält an.

Tigers Faszination im Sport ist eine solche, wie es Thomas Bernhard in der Literatur und Richard Branson im Business für mich sind. Eine Magie, der ich loyal erlegen war, bin und die mich Jahre begleitete und vermutlich immer anhalten wird.

Tiger, der mich genauso in seinen Bann zog und zieht, wie er das Millionen anderer tut und diesen Sport überhaupt so populär machte.
Eine schillernde Ausnahme im großen Sport, von dem in den vergangenen neun Jahren viel Gold und Glanz abgeblättert ist, abgekratzt wurde, und nun erneut an ihn geheftet, geschrieben, gepappt und getrieben wird.

Dass er ein ganzes langes knappes Jahrzehnt so erbärmlich böse gefallen ist und nun wieder da, macht ihn für mich nur noch besonderer, interessanter, unwiderstehlicher und besser, und steht in Amerika ja ohnehin für die Laufbahn eines großen und gefeierten Helden.
Die Medien überschlagen sich gerade geradezu auch hinsichtlich seinem offensichtlich geläuterten Charakter, nämlich dass der einst super-erfolgreiche doch egoistische Selbstsüchtige, heute zu einem mit Herz gereift sein soll.

Getreu dem Zitat von Victor Marie Hugo:
„Unglück macht Menschen.
Wohlstand macht Ungeheuer.“ ???

Ganz ganz weit oben, dann gefallen und nach zahlreichen sportlichen, privaten und gesundheitlichen Tiefschlägen und monatelanger Negativ-Presse ein Schatten seines einstigen Selbst gewesen. Nicht aber geblieben.

Es wird niemals wieder einen zweiten Tiger Woods geben können, und ich finde diesen, den wir da haben, ganz prima: Göttlichstes Golf ever … Vor allem aber heute: menschlich.

Ich hoffe, dass er den Ryder Cup am Sonntag für sich und sein Team entscheiden kann. Doch tut er das nicht, so ist es trotzdem so, dass er wieder, und völlig unverkennbar, zurück ist, nach all den Jahren.

Als Sympathierträger, Auferstandener, Golf-Gott, und ja, ich idealisiere immer dann, wenn Begeisterung sich kaum zähmen läßt und mein Bauch es so will.

Schönes Spiel!
Und ab Montag komme ich dann vielleicht wieder zum lesen.

„Es gibt Augenblicke, in denen eine Rose wichtiger ist als ein Stück Brot.“
(Rainer Maria Rilke)

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Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan; 2009

Kurtisane oder Kitesurfen

Für Ausgeschlafene und weil Zeit so unfassbar kostbar ist.

By the way:
Ist chronisches Zuspätkommen eigentlich eine genauso beachtenswert mögliche pathologische Auffälligkeit, wie es zwanghaftes Lügen darstellen können soll:
Oder ist es einfach nur eine unbelebt müde Verhaltensweise fehlenden Respekts?

Eine, mit der ich dem jeweils anderen bestechend einfallslos signalisieren kann, dass mir meine eigene Zeit ja so sehr viel wichtiger ist, als die seine.

Und als Gegenspieler, die rote Karte zückend, Platzverweis erteilend: verlier‘, galoppier‘, stolzier‘.
Verlorenes Biest und der chronisch zu spät kommende Schöne, oder doch vielleicht so:

Respektiere ich, dass jemand meine Zeit nicht respektiert? Abwartend.

Oder wie verbringe ich Zeit sonst so am liebsten?

Mit wechselnden SugarDaddys, schwer behangen und gebückt aus pompöser Kitschkutsche steigend, oder mit den knackig gutsituierten Jünglingen aus juwelengebettetem Elternhaus, klirrend goldene Eier legend?

„Wer Mädchen von Marguerites Schlag ein wenig kennt, weiß, dass sie einen Scherz am falschen Ort machen und mit Vergnügen Menschen hänseln, denen sie zum erstmal begegnen.
Das ist sicher eine Vergeltung für die Demütigungen, die sie so oft in ihrem täglichen Umgang in Kauf nehmen müssen.
Außerdem muss man, um mit ihnen auszukommen eine gewisse Erfahrung ihrer Lebensart haben, eine Erfahrung die mir abging.
(„Die Kameliendame“ (1848); Alexandres Dumas)

Süße bildschöne Kurtisane im Paris des 19. Jahrhunderts.
Schwülstiger Sündenpfuhl, weil erlaubt ist was gefällt, dies viel betrieben wird, und vornehm nur hinter vorgehalten sittsam bekleideter Hand getuschelt wird.

Frankreichs Schöne, mit deinen gern pulsierenden Ecken, Kurven und Stunden!

Dame von Welt, mit einer Schale wie aus Kruppstahl und einem Herzen aus flüssigem Gold.
Schlägt, schläft und trägt – samtig sanft emotional, wie knallhart kalkulierend rational.

Männer gingen ein und aus, im stets pompöser und strahlender werdenden Haus. Es gab dafür Bekanntheit, Reichtum, Anerkennung und Besitz im Überfluss.
Leicht und schön lebt sich’s so allemal: Mitleid gibt’s bekanntlich geschenkt – Neid gilt es sich zu verdienen!

Gespielte Lust, die Lüge im Blick oder die Augen gleich ganz geschlossen, und gezuckerte süßlich schmierende Wörter für den heißgeliebten Luxus: Bis das Herz eben einmal doch versehentlich darüber stolpert und die Welt Kopf stellt und verdreht.

Denn wen(n) sie, die Liebe, denn trifft, dann und den trifft sie perfekt direkt, und so bleibt bekanntlich kein Auge trocken und keines der Herzen ohne Kratzer.
Und Zeit ist kostbar.
Umsonst ist manchmal eben nur der Tod.
Manchmal später als erhofft.
Manchmal früher als geplant.

„Die Wohnung war voller Gaffer.
Sämtliche Berühmtheiten der Halbwelt hatten sich eingefunden und wurden genau gemustert von den paar großen Damen, die unter dem Vorwand der Versteigerung sich noch einmal das Recht nahmen, Frauen, denen sie anders hätten nie begegnen können und die sie wahrscheinlich insgeheim um ihr ungehemmtes Leben beneideten, aus der Nähe zu betrachten.“
(Die Kameliendame; A. Dumas)

Mein Leben.
Meine Entscheidungen.
Meine Zeit.

Dumas Kameliendame ist tatsächlich eines meiner Lieblingsbücher und dabei ja leider (trotz Garbo oder Firth) so erstaunlich schlecht verfilmt worden, wie ich meine.

„Sie schulden mir keinen Dank. Die tägliche Rückerinnerung an die einzig glückliche Zeit meines Lebens ist eine unendliche Wohltat für mich.“
(Die Kameliendame; A. Dumas)

Remember who you are and the game will change.


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Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan; Kurtisane im Knusperhäusle oder lieber Kitesurfen bei Kap Verde?

Klatsch geklatscht

Was wissen wir schon über einen Menschen?
Über sein Leben.
Sehen wir nicht immer genau das in jemandem, was wir in ihm sehen möchten?
In jedem einzelnen.

Ob gerne mit ihm bekannt, euphorisch in ihn verliebt, entzaubert, im richtigen Moment erwischt, oder wegen irgendetwas enttäuscht, gekränkt, getroffen, – was durchaus oft viel mehr mit uns und unserem Leben selbst zu tun haben kann – und meist auch wird – als mit unserem Gegenüber.

„Ich darf nicht leugnen, dass ich auch immer zwei Existenzen geführt habe, eine, die der Wahrheit am nächsten kommt und die als Wirklichkeit zu bezeichnen ich tatsächlich ein Recht habe, und eine gespielte, beide zusammen haben mit der Zeit eine mich am Leben haltende Existenz ergeben.“
(Thomas Bernhard in „Der Keller“)

Thomas Bernhard ist der Schriftsteller, dessen Persönlichkeit mich am meisten fasziniert.
Seine Bücher und die Art zu schreiben empfinde ich als sehr speziell. Ich mag jedes Buch, bewundere, und fragte mich nach den ersten Seiten bereits, was da wohl für eine außergewöhnliche Persönlichkeit dahinter stecken mochte.

„Thomas Bernhard ist für den, der einmal mit ihm in Berührung gekommen ist, ganz und gar unausweichlich.“
(Auf: „Verstörung“)

In „Was reden die Leute. 58 Begegnungen mit Thomas Bernhard“, kommen sie zu Wort: Die die Bernhard zu Lebzeiten gekannt hatten, beziehungsweise gekannt haben wollen.

Denn, was macht beste Freundschaft tatsächlich aus, und dass ich mich jemandem ungeschönt und ganz so zeige wie ich bin:
Dass ich mir absolut sicher sein kann, dass die Menschen in meinem engsten Kreis die sind, die nichts nach Außen tragen, Geheimnisse behalten können, wollen und das werden?
Die, weil sie absolut loyal sind, gerade deswegen meine engsten Freunde sind.

„Hat Ihnen das noch niemand erzählt? Er war unter allen Schriftstellern, die ich kannte, der mit Abstand beste, ja ein rasanter Autofahrer. Einerseits spielte er ja immer so auf Landadel, aber er war absolut auch ein Dandy, und wenn er so im offenen Sportwagen durch die Gegend in Ohlsdorf brauste, das machte schon gewaltigen Eindruck. Da hätte wahrscheinlich niemand gedacht, dass das ein Schriftsteller ist, sondern eher vielleicht doch ein Rennfahrer.“
(Aus: „Was reden die Leute“)

Arroganz oder Selbstschutz?
Und warum sollte ein Schriftsteller nicht auch Dandy und Rennfahrer sein wollen und können?
Haben nur Katzen sieben Leben und wir sollen uns für eines entscheiden und starr darin verharren, uns dem gesellschaftlichen Druck fügen ohnehin?

Was ist spannend und lebenswert?
Und wie sehr wollen wir glücklich sein und in welchem Maß?

„Man konnte nicht neben ihm verblöden oder einsam werden, man musste ununterbrochen am Leben teilnehmen und experimentieren. Obwohl ich die Frau und Mühle verloren habe … , war es trotzdem ein innerer Gewinn durch die Erlebnisse und Beobachtungen mit ihm.“
(Aus: „Was reden die Leute“)

Womanizer noch dazu?
Und, ist es vielleicht doch so, dass wir manchmal durchaus so neugierig und beobachtend sein wollen, uns andere Menschen und deren Verhalten so lange anzusehen und auszureizen, bis wir genug gesehen haben, unser finales Resümee ziehen und dann – so alle Zweifel ausgeräumt, bis in die Haarspitzen überzeugt – gehen?

„Er saß dann manierlich in den Biedermeiermöbeln, trank seinen Tee, blickte mit seinen witzigen, listigen Augen und rollte sie, seine Nase leicht gerötet. Damals wusste ich nicht, dass er so schwere Zeiten hinter sich hatte. Niemand dachte an seine auskurierte Krankheit – die Tuberkulose – und an seine Therapien. Vieles hat man erst später, nach seinem Tod, über ihn erfahren.“
(Aus: „Was reden die Leute“)

Ein spannendes und gut gelebtes Leben ist dann eines, in dem ich mir nicht zu viele Gedanken um die Meinung anderer über mich mache, im Ausgleich gebend und nehmend bin, und mein Leben so lebe, wie ich es genau haben will, und nicht als Dauer-Show-Einlage für andere, oder wie ich in deren Augen zu sein habe?

Ich weiß nicht, ob Bernhard dieses Leben gelebt hat. Bin mir aber sicher, dass er die Klugheit dazu besessen hatte zu wählen was und wer er – für sich und für andere – sein wollte.

Wenn Glück als so zerbrechlich gilt:
Wie stabil ist dann „perfekt unperfekt“?

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Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan mit ihrer Keramikschale aus Yasz im Iran, und Mirabellen vom badischen Kaiserstuhl, der östlich vom Rhein, gegenüber dem französischen Elsass liegt.

Highest Schön

Wie hätten wir es denn gern, unser Leben:
Durchwachsen? Ganz oben und ganz unten? Normal, 08/15, durchschnittlich?
Lang und gemäßigt.
Kurz und exzessiv.
Irgendwo dazwischen.Können wir die herausragend guten und besonderen Momente, Stunden, Ereignisse, überhaupt gebührend schätzen und spüren, wenn wir nie unten waren?
Und können wir echte Liebe leben und lachen, wenn wir noch niemals wegen unerwiderter gelitten und geweint hatten?

„What a pull he has! What a magnetism! Women jump off balconies and follow him into wars. Women turn their eyes from an affair, because a marriage of three is better than a woman alone.“
(Mrs. Hemingway; Naomi Wood)

Wenn das Leben Ernest Hemingways eines sicher nicht war, so war es langweilig. Genauso wenig deshalb damit für die, welche ihm, neben Fitzgerald vielleicht, am nächsten kamen: Für seine Frauen und Geliebten.

Naomi Wood hat in ihrem Buch „Mrs. Hemingway“ (Deutscher Titel: „Als Hemingway mich liebte“) die Geschichte der Ehefrauen Hemingways – vier an der Zahl – erzählt.
Weniger geht es dabei einmal um ihn – den faszinierenden Charismatiker, auch bekennenden Alkoholiker, mit möglicher Persönlichkeitsstörung obendrein – als um eben die an seiner Seite.

Zum mitfühlen und mitreissen lassen, in eine bezaubernde Epoche, inmitten diesen Sog aus fehlender Exklusivität und dem Mangel an jeglicher Stabilität in einem Menschenleben.

Wie sie sich verzaubert hingezogen fühlen, bis teils zur schlummernd schummrig schönen Abhängigkeit, zu diesem großen Schriftsteller der damaligen Zeit.
Und wir können uns, heute lesend, darin glückselig befinden, genießen durchweg, und damit anders fühlen als die Damen, gefangen in seinem Netz, welche er einfing, zappeln ließ und munter tauschte.

„Mary cuts a lock of her blond hair, ashier now than when they first met, and binds it with a ribbon. She picks out her best report from her „Time Days“ when they had begun their flirtation in wartime London, when he had offered her an orange in a Charlotte Street restaurant and set the rest of their life in motion. These will be the things she leaves him; this is Ernest’s inheritance.“
(Mrs. Hemingway; Naomi Wood)

Schön, mach’ dir die Welt wie sie dir gefällt.
Gehen oder bleiben.
Entflammen und verbrennen.

Was sind Anfang ohne Ende und Melancholie ohne Euphorie?
Was ist ein wunderschönes Kennenlernen wert, dem alsbald blanke Ernüchterung und Kühle folgt.
Was wäre das Leben ohne unsere Erinnerungen?
Und wie sehr faszinieren uns die Leben anderer, die wir uns selbst nicht trauen zu leben?

I need to be myself
I can’t be no one else
I’m feeling supersonic
Give me gin and tonic
You can have it all but how much do you wan’t it?
(Oasis; Supersonic)

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Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan – in der Hotelbar Hemingway in Freiburg im Breisgau.

Konsumkinder

Der Konsum der Romantik.

Oscar Wilde meinte ja einst, dass das Wesentliche an der Romantik das Ungewisse sei.
Aber läßt sich das Ungewisse denn käuflich spielerisch einfangen – konsumieren – und so an sich binden?
Oder wird durch Binden bloß festgezurrte Starre und zu viel Sicherheitsgedanke, Rationales, Realität daraus, und die Verzauberung und Magie vergeht: schmilzt dahin wie Sahneeis im diesjährigen Hitzesommer?

„Hat die Konsumsphäre die Liebesbeziehung eines Sinnes beraubt, der bislang durch die vorkapitalistische Kultur bewahrt worden war?“
(Aus „Der Konsum der Romantik“ von Eva Illouz)

Wo wärst du denn ohne den toll-teuren Ring an deinem Finger von gestern: Über alle Berge, in den Armen eines anderen, der dir diesen, gekauft, dann geschenkt hätte?

Wo wäre ich ohne all die Candlelightdinner in edlen Restaurants, welche es nicht für lau gibt, und Frau mit wunderbar und gelungen bewerten mag?

Wo wären wir also heute: ohne die gekauften Rosen, die schmeichelnden Geschenke, korkenknallenden Champagner, das Ferienhaus am Meer und all die anderen geklauten, mitunter kostspieligen Ideen und daran gekoppelten teuren Versprechen, um zu beeindrucken und das Uns zelebrieren zu können?

„Romantische Gefühle werden gemeinhin dann als besonders beschrieben, weil sie sich unmittelbar auf eine Person beziehen, die man vom Rest der Welt abtrennt.“
(Aus „Der Konsum der Romantik“ von Eva Illouz)

Verzaubert durch Alltagsflucht also: Der jägernde Gentleman, der gekonnt charmant das erwählte Stöckelwild groß ausführt, inmitten dem Trubel und Treiben anderer Menschen einen romantischen Rahmen von Zweisamkeit zu schaffen vermag, und es in einsamer Wildnis separiert und erlegt ..

Setzt erwählter Konsum einer rosaroten Blüte gar die Krone auf: wie Spiritus, der aus einem kleinen Flämmchen ein loderndes Fegefeuer entfacht?

“ … sie habe Würze und Abenteuer, es sei eine wundervolle Liebesbeziehung.“
(Aus „Der Konsum der Romantik“ von Eva Illouz)

Königsdisziplin vielleicht: die gekonnte Mischung aus Alltag und romantischem Sahnehäubchen, in einen erfrischenden Pool aus Luxus getaucht. Hin und wieder.

Und hat Konsum überhaupt immer mit Luxus zu tun?
Ist Luxus tatsächlich immer an finanzielle Mittel gebunden?

Oder was ist damit:

„Die Liebe ist nicht nur blind gegenüber Status und Reichtum, sie verwandelt letztlich sogar Armut in Reichtum, Hunger in Sättigung, Mangel in Überschuß.
Die Umkehrung der Identität ist das Liebesthema par excellence, Hässlichkeit wird in betörende Schönheit verwandelt, arme Schafhirten werden zu Königen, Frösche zu Prinzen.“
(Aus „Der Konsum der Romantik“ von Eva Illouz)

Is that so ???

Vielleicht baut Romantik ja die allerschönsten Luftschlösser, die für Stunden, Tage, Wochen wahr werden können.
Irgendwie.
Und immer wieder.

Dass hoffnungsvolle Romantiker keine Realisten sein können, scheint zumindest ein ebenso häufig gedachter und geäußerter Gedanke zu sein, wie die Annahme, dass jeder gute Tänzer ein guter Liebhaber sein müsse.

Und was uns durchaus auch auf wundersame Weise faszinieren kann: Wie die große und bekannte Soziologin Illouz, als geborene Araberin (Marokkanerin) heute in Israel lebt, dort Professorin an der Universität in Jerusalem ist und mit einem Israeli verheiratet ist.

Liebe verbindet.
Irgendwie.
Und immer wieder.

Romantik sei das Betäubungsmittel des Mannes für die Frau: Und?!

„Ich hoffe, dass ein besseres Verständnis der Verluste und Gewinne, welche die postmoderne Liebe mit sich gebracht hat, uns in die Lage versetzen kann, sowohl unsere romantische wie auch unsere soziale Bestimmung frei zu wählen und in den eigenen Händen zu behalten.“
(Schlusssatz aus „Der Konsum der Romantik“ von Eva Illouz)

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Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan: Romantisch. Immer mal wieder.

love ’n leave

Uns trennen und Menschen loslassen wollen, bedeutet nie, dass wir nicht auch verzeihen können. Nur, dass wir ein Leben ohne den jeweils anderen, als schöner und besser für uns selbst betrachten und die gemeinsame Zeit Erinnerung bleiben soll und auch, in all ihrer vergangenen Schönheit, bleiben darf.
Nicht?

Wie viel lassen wir andere in in unser Wasserglas regnen:
bis halb voll, bis ganz voll, oder agieren wir erst, wenn schließlich der berühmte, allseits bekannte wie gerne,zumindest von der Gegenseite, verdrängte letzte Tropfen gefallen ist, welcher es zum Überlaufen brachte?

Sind das denn Tränen, und gehen wir dann irgendwann einmal ganz und für immer?

Und wie geben wir uns so, solange es munter ins große Glas hinein plätschert: bescheiden, duldend, hoffend? Auch prüfend beobachtend: Erst sanft nachsichtig, dann forscher, kritisierend vielleicht, und werden schließlich zunehmend immer ruhiger und ruhiger und gleichgültiger, je mehr sich das Glas dem Finalen Tropfen entgegen füllt?

Verfügst du über die Konsequenz oder das straffe Wertesystem eines point-of-no-return? Und welche Ausnahmen dürfen hierbei unsere Regeln bestätigen?

Mathematik ist leider keines meiner Steckenpferde und folglich auch nie Leidenschaft geworden. Allerdings, dass „Minus ein falscher Freund“, Platz und Zeit für einen richtigen machen kann und wird, das kann auch ich logisch berechnen und glasklar so seh’n.

Menschen machen Fehler oder versäumen, und einige Fehler und Versäumnisse davon bleiben zu folgenschwer.

„Ich spürte an der Schläfe, an meinen Haaren, kaltes Eisen. Sie fragen mich ob ich die feste Hoffnung hatte das zu überstehen. Ich werde Ihnen antworten, als stände ich vor Gott: „Ich hatte keinerlei Hoffnung. Sah höchstens eine Chance von eins zu einhundert.
Wofür ich bereit war den Tod hinzunehmen? Ich frage Sie: Was war mir das Leben nach dem Revolver, den das von mir vergötterte Wesen erhoben hatte, wert?““
(Fjodor Dostojewsky; Die Sanfte (1876))

Die sensible Herzensgute, die sich zur Hochzeit mit einem stolzen – nicht nur an Gefühlen geizigen – Tyrannen überreden ließ, und ihrer entzweienden Gegensätzlichkeit jeden Tag dessen bewusster und so zunehmend todunglücklich wurde.

Was wäre gewesen, hätte sie nach dem Tropfen, der die Beziehung zu einer nicht mehr lebenswerten definiert hatte, hätte gehen können?

Jede Trennung von einem geliebten oder gemochten Menschen, ist nämlich immer auch ein frischer Neuanfang für uns – und den anderen.

Wann kommt ein Bereuen zu spät und wann passt es einfach nicht?

Gestern?
Heute?
Morgen?

Jeder Mensch hinterläßt Spuren in unserem Leben und in uns – völlig egal, was er für uns getan und nicht getan hat. Sowieso in der Art wie er war, ist, und uns inspirierte.
Können wir es nicht einfach genau so sehen, auch wenn das Herz oft genug hinterher hängt?

Morgen.
Heute.
Gestern.

Eine ungleich schwerere Bürde, als nur den Verlust der Weg-Trennung hat Dostojewskys Protagonist in „Die Sanfte“ zu verschmerzen, und sich vor allem selbst zu verzeihen: Sie hat schließlich nicht ihm, sondern sich selbst das Leben genommen.

Längst nicht Dostojewskys bestes Buch wie ich finde.
Vielleicht, und wenn man die alte Sprache wie ich so gerne mag, etwas für die trüben nachdenklichen Herbsttage, welche nach diesem Super-Sommer langsam kommen dürf(t)en.

Vieles, Verschiedenstes, intensiv innig lieben, als gäb’s kein Morgen. Und oft und konsequent gehen und loslassen, wenn es etwas und jemand nicht für uns war. Deshalb, weil es eben ein Morgen gibt:

Möglicherweise der Schlüssel zum Glück!

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Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan, die Regen und Wasser – statt im Wasserglas – inmitten grüner Natur liebt. Hier am Lac Lèman in Genève.

Bommeln, nicht bummeln!

Klassische Musik in fröhlich hüpfend russisch komponierter Weise und Tradition. Heimatliebe. Der Schwarzwälder Bollenhut: glutrot, als Zeichen der ledigen Modernen.
Das blütenweiße hochgeschlossene Spitzenblüschen und die rauchige Kippe zwischen den rot getünchten sündigen Lippen.
Frech, unangepasst und nicht auf den Mund gefallen dann doch und sowieso.

Wie passt das alles bitte, und was überhaupt zusammen?

„Wieso haben die schrecklichsten Frauen die tollsten Männer“, oder wie genau lautet der Titel dieses Buches, welches ich nicht kenne?

Gehört zu einer wirklich erfüllenden Liebe nicht nur zart rosarot gekitschte Lust und seifig sauber geschrubbte Leidenschaft, sondern immer auch ein ganz klein wenig guter Schmerz?

Können wir lieben und hassen, mit großer Freude kommen und mit noch größerer Enttäuschung gehen – binnen weniger Tage und Wochen?

Warum wollen wir besitzen was uns schräg fasziniert, nicht zu uns passt, auch wenn es uns zerbrechen könnte, oder mindestens die Bodenhaftung verlieren läßt?

Und welchen Reiz hat das Ungewöhnliche – manchmal das bißchen Böse gar – und wann wollen wir uns wieder zurück in die Normalität retten und wünschen uns Einfachheit, ein Stück frischen Brotes mit reiner goldgelber Butter und einer feinen Prise Salz?

Zum Buch:
Gewaltige Sprache, im Sinne von beeindruckend schön. So empfinde ich.
Entrückte Sprache und fesselnd. Melancholisch tief berührend und zu meinen Tränen gerührt, ob dem Schmerz, den dieses ungleiche Paar in seinem Erstlingswerk erleben muss: „Was zu dir gehört“, von Garth Greenwell.

Greenwell schreibt von gekauftem Sex, und gefundener, geschenkter Liebe unter zwei Männern.

Die beiden, verschieden, mit finanziell und national völlig unterschiedlichem Background:
Ein Amerikaner, der es nicht erreicht in Bulgarien Fuß zu fassen und anzukommen.
Ein charismatischer Einwohner der Stadt Sofia, mit düsterem Blick und Wesen.

„Du willst der große Amerikaner sein, warf R. mir schließlich vor, du glaubst, dass du sein Leben in Ordnung bringen kannst, du ihn retten willst. Und vielleicht war es nicht ganz falsch; auf jeden Fall war da eine Fürsorglichkeit in mir, die ich gegenüber niemandem so empfand wie gegenüber Mitko, ich ertrug es nicht, dass er trotz seiner gelegentlichen Brutalität letztlich so hilflos war – in einer Welt, die sich nicht um ihn scherte.“
(Garth Greenwell; „Was zu dir gehört“)

Wann habe ich schon einmal oder zweimal mehr gegeben als bekommen, an und von wem, den ich vermeintlich liebte, womöglich jedoch nur irgendwie abhängig von ihm – der Zeit mit ihm – war?
Und wie groß war mein Schmerz daraus zu lernen?

Wenn sich wahre Liebe verdoppelt, sobald wir sie teilen, so ist auch geteiltes Leid, immer nur halbes Leid. Das mag vielleicht der Trost an dieser Geschichte, und eine große Freude – nach dieser Erkenntnis – in unserem Leben sein.

Und sonst?

Warum das Leben nicht nach eigenem Gusto salzen und pfeffern?
Über den Tellerrand hinaus treten,
über den Tellerrand hinaus lesen,
sich über den Tellerrand hinaus bilden, und Gegensätze leben – in welchem Maß auch immer wir das für uns neugierig erfahren möchten ..
Erfrischt womöglich ungemein: Nicht nur im Sommer.

Und für’s Protokoll:

Ist wahre Liebe dann doch nicht fast immer federleicht und wohliger Genuss – beiderseits?

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Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan – Foto vom Foto von Hanna Thienel / Baden-Baden (Model: nicht ich; Schlicht ein großer Fan dieser Klasse-Aufnahme und Idee dahinter!).
Und das Festspielhaus Baden-Baden: Deutschlands größtes Konzerthaus – ganz Europas zweitgrößtes, und seit vielen Jahren bereits ein heißbeliebter kultureller Sehnsuchtsort von mir.

Männer & Kids

Eins und eins, macht drei?

Und wenn’s gut werden soll, kann es entweder nur schnell, oder nur billig sein?
Wenn’s billig sein soll, kann es nur schnell oder nur gut sein?
Und wenn schnell, nur billig oder gut?

Sollten sich Stärke und Schabernack tatsächlich nicht ausschließen, wie Sagan es wünschte?

Und was macht den großen Reiz der Gegensätze aus?
Und warum lassen wir den einen los und reichen dem nächsten, Hände, Herz und mehr?
Warum lässt SIE den Reichen los und reicht dem „Loser“ die Hand?

Brian Moore hat es getan: Mit seiner Protagonistin Sheila, die er in seinem Roman „Die Frau des Arztes“, ihren Mann für einen Erfolgloseren verlassen läßt.

Das, gegen alle Widerstände und fiesen Tricks, mit der ihr Göttergatte, der erfolgreiche irische Doc Kevin, seiner holden wie mutigen Ehebrecherin den Weg nach Amerika verbarrikadieren mag, wohin sie mit dem jungen Studenten Tom gewollt entflammt, gekonnt gelangt.

„Im Bus knöpfte er seinen Regenmantel auf. Darunter trug er einen grünen Tweedanzug, ein gelbes Hemd und eine grüne Krawatte. Die Farben ließen sein Gesicht einfallen und grau erscheinen. Seine Frau suchte ihm gerne die Sachen, die er anzog, aus. Sie hatte keinen Geschmack. Er wusste es, aber er ließ sie gewähren. Er war friedlicher als sie.“
(Die Frau des Arztes; Brian Moore)

Seine Frau war tatsächlich eine Kämpferin.

Und „kein Geschmack“ und „ließ sie gewähren“, die hier zweifelsohne mit Unzufriedenheit, keinem Wohlfühlen und wenig Bewunderung einhergehen:
Wo sind Liebe, Lust und Leidenschaft?
Wäre hier Kommunikation – längst überfällig – irgendwann einmal noch in der Lage gewesen zu retten?

Wo ist sie nur hin, die Magie, die zwei Menschen zu anfangs immer frei aneinander zu fesseln vermag?

Brian Moore liest sich hier flüssig und ungewohnt freizügig.
Lesegenuss? Für mich Daumen hoch!

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Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan, mit einem Lieblingskind auf ihrem Arm an den Kurhaus-Arkaden in der Lieblingsstadt schlechthin: Baden-Baden. Im Kopf den Gedanken, dass Liebe keinen Status kennt, sehr wohl aber Charakter.