Klein große Welt

Meine bislang ungewöhnlichsten Reisen hatte ich wohl im Iran.

Das Leben in Teheran selbst gefiel mir nur mäßig. Ich wohnte zwar in meinem eigenen hübschen kleinen Bungalow, in einem großen bunten Garten, auf dem Residenzgelände des deutschen Botschafters in Teherans schönerem Norden: Die Botschaft selbst – meine damalige Arbeitsstätte – allerdings liegt mitten in der Stadt.

Teheran zog mir Energie, in ihrer farblosen Gräue, mit der schlechten Luft, den Dauerstaus, in denen ich täglich, für nur wenige Kilometer zur Arbeit, insgesamt sehr oft länger als drei Stunden unterwegs war, und dem kaum vorhandenen Freizeitwert, wenn man ein freies westliches Leben gewohnt ist.

Das Inspirierende in meinem knappen Jahr dort, waren meine iranischen Bekanntschaften und dass das Elburs-Gebirge, welches sozusagen „vor meiner Haustüre lag“ und wohin ich im Winter fast an jedem Wochenende zum Skifahren flüchten konnte.
Dort oben war es sauber, fröhlich, leicht. Man stand vielleicht über den Dingen – konnte prima abschalten und sich tatsächlich frei fühlen.

Im Frühling, Sommer und Herbst war ich oft und gern auf Reisen im Land unterwegs.

Ich reiste, aufgrund der großen Distanzen mit dem Flugzeug, obwohl die Deutsche Botschaft zum damaligen Zeitpunkt davon abgeraten hatte .. Auch mit dem Auto (Im Iran fahren Frauen ganz selbstverständlich.) .. Zu zweit, zu dritt, zusammen mit Botschaftsangehörigen verschiedener Nationen, mehrmals auch alleine und einmalig mit einer iranischen Reisegruppe im Bus.

Geschlafen habe ich in Hotels, auf dem nackten Fußboden oder auf alten Feldbetten in notdürftigen ländlichen Unterkünften, und im Schlafsack auf dem Dach alter Karawansereien in den Wüsten.

Der Iran ist wirklich schön! Und die Menschen sind durchweg gastfreundlich und sehr höflich interessiert. Auch alleine reisend habe ich mich immer wohl und respektiert gefühlt.
Außerhalb Teherans hatte ich zudem deutlich das Gefühl, dass man sehr viel freier sein konnte: In fast jeder Stadt die ich besuchte und auf dem Land noch etwas mehr.

So treffen sich die jüngeren Iraner an den Wochenenden gerne in den Wüsten des Landes, wo sie ihre Geländewägen auf den Sanddünen cruisen lassen und dazu laute Musik hören, dazwischen ihre Lager aufschlagen, picknicken, grillen, lachen, tanzen, etwas Spaß haben.
Undenkbar sonst woanders in diesem Land.

Ich liebe Gegensätze, sah sie im Iran jedoch mit anderen Augen.
Mit der iranischen Gruppe im Reisebus, unter der ich die einzige Ausländerin war, erlebte ich, wie die Menschen im Bus, sobald wir Teheran hinter uns gelassen hatten, eine ganz andere Seite zeigen konnten: Die Musik drehten sie auf, die Vorhänge zogen sie zu, die Frauen zogen ihre Kopftücher aus und es wurde im schmalen Gang des Busses fröhlich getanzt, gelacht, ausgelassen gefeiert.

Regelmäßig kam man an Checkpoints der nationalen Polizei. Davor drehte der Busfahrer jeweils die Musik leise und gab das über Lautsprecher bekannt. Wir Frauen zogen unsere Kopftücher an, alle die Vorhänge auf, wir hörten auf zu singen, zu lachen, setzten uns ruhig auf unseren Platz im Bus und ließen einen Polizisten einen kontrollierenden Gang durch diesen gehen.
Als wir weiterfuhren und außer Sicht- und Hörweite waren, lebte erneut die Freiheit in diesem Bus auf, über die dieses Land leider noch immer nicht verfügt.

Reisen kann uns glücklich, nachdenklich und wehmütig machen.
Es öffnet uns die Augen, wir erfahren nie Erlebtes, Unbekanntes und interagieren mit wundervollen und interessanten Menschen – am besten anderer Kulturen.
Auf jeden Fall aber ist Reisen immer dahingehend eine große Bereicherung, dass wir die Komfortzone zwar verlassen, aber uns selbst damit näher kommen, als in dieser.

Was das Reisen angeht, klettert aktuell ein hübsches Buch die deutschen Bestsellerlisten empor: „Vom Schweden, der die Welt einfing und in seinem Rucksack nach Hause brachte.“ Es ist vom Autor Per J. Andersson und hat sehr gute Rezensionen erhalten. Selbst habe ich bislang nur etwas intensiver querlesend hineingeschnuppert und kann noch nicht viel dazu sagen.
Vielleicht lese ich darin auf meiner nächsten Reise mehr.

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Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan in der Altstadt Genève, aktuell dabei, sich in die Schweiz zu verlieben.

Toleranz und so

„Heidegger, dem die Kriegs- und Nachkriegsgenerationen nachgelaufen sind und den sie mit widerwärtigen und stupiden Doktorarbeiten überhäuft haben schon zu Lebzeiten, sehe ich immer auf seiner Schwarzwaldhausbank sitzen neben seiner Frau, die ihm in ihrem perversen Strickenthusiasmus, ununterbrochen Winterstrümpfe strickt, mit der von ihr selbst von den eigenen Heideggerschafen heruntergeschorenen Wolle.“

So schreibt Thomas Bernhard, nicht tolerant einem Andersdenkenden gegenüber, doch dafür umso gelungener, in „Alte Meister“ (1985) über den Philosophen Martin Heidegger:
Seitenlang, sich ausholend auslassend, lächerliche Schimpfnamen für Heidegger findend, und rhetorisch so stark wie boshaft und merklich selbst getroffen – unter der eigenen harten rauhen Schale.

„Heute ist Heidegger noch immer nicht ganz durchschaut. Die Heideggerkuh ist zwar abgemolken, die Heideggermilch wird aber noch immer getrunken.“

Muss man selbst Intoleranz erfahren haben, um im besonderen Maße tolerant sein zu können, oder tut’s beispielsweise auch eine angeborene Naivität und damit einhergehende grundsätzliche Freude an besonders vielen Menschen, nach dem Motto: je mehr, je lieber?

„.. an diesen lächerlichen nationalsozialistischen Pumphosenspießer.“
„.. neben sich seine Frau, die ihn zeitlebens total beherrscht und alle Hauben gehäkelt und die ihm das Brot gebacken und das Bettzeug gewebt und die ihm selbst seine Sandalen geschustert hat.“
„Heidegger war ein Kitschkopf.“

Bernhard lästerte stets, griff an, traf überspitzt, originell und faszinierend, denn, dass er sich auch selbst erbarmungslos reflektierte, mit ordentlich Kritik versah, nie ausließ, machte ihn ja gerade wieder sympathisch.

So schließt sich mancher Kreis.
Und Bernhard zeigt damit auch auf, dass Boshaftigkeit und Schwarz-Weiß-Denke, möglicherweise gerade bei vorwiegend gelebter Toleranz, eine riesige Lesefreude sein mag.
Vielleicht macht frech gewagte doch gesetzestreue Intoleranz gerade deswegen Spaß, auf harmlosem Papier: Deshalb, da sie bewegt, aufweckt uns überlegen läßt und unsere Toleranz anzukitzeln vermag.

Ziehen wir bei uns selbst denn den Stachel anderer Leute Intoleranz erfolgreich?
Wer, außer uns nämlich muss meinen Kitsch, meine Entscheidungen, meine Lebenswege, gelebte Freiheiten und gesetzte Grenzen gut finden?
Doch ist es nicht wunderbar verbindend, für den der genau das tut?

Und ist Toleranz vielleicht in dem Maße menschliche Größe, wie Bildung die intellektuelle ist?

Toleranz als Eigenschaft und Inspiration, die eingeschlafene graue Gehirnzellen weckt, unser Leben kunterbunter macht und ein funkelndes Strahlen in mürrisch matte ernste Augen zaubert.
Easy, isn’t it!?

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Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan am Genfer See. Und Schwarzwälder(in), wie Heidegger.

Liebe leben

Der Satz: „Man kann im Leben nichts verpassen“ stammte vom Schriftsteller Suter, als er in einem Interview 2010, nach dem Rezept für (s)eine glückliche Ehe gefragt wurde.
Er nannte hierzu: Liebe, neugierig sein, und die Einsicht, im Leben nichts verpassen zu können.

Nicht verpasst haben sich auch Goethe und Schiller.

Der große Johann Wolfgang von Goethe und der jüngere, aufsteigende Friedrich Schiller:
„Sturm und Drang“ beim einen abgeschlossen, inzwischen von diesem gar verschmäht, und der andere mitten in dieser Rebellion drin, überzeugt und erfolgreich damit werdend:
Auf dieser Basis sahen sie sich erstmals und lernten sich Jahre später so auch kennen.

„Ankitzelnde“ Rivalität und daraus resultierende Inspiration für schöpferische Eigentümlichkeiten, und Nähe und Distanz, und sich doch nie verloren zu haben, sind vielleicht die grob zusammen gefassten Eckpfeiler dieser Männerfreundschaft.

Rüdiger Safranski hat sich in die Lebensgeschichten beider eingegraben und sein Buch „Goethe und Schiller; Geschichte einer Freundschaft“ darüber geschrieben, in dem einem bewusst werden kann, welche große Faszination die Verbindung dieser beiden Genies in sich trug und heute noch trägt.

„Schiller lebt sich in Weimar ein. „Mein Leben geht jetzt einen höchst ruhigen, aber dabei sehr tätigen Gang“, schreibt er am 19. Dezember 1787. „Ich habe weniger Zeit, als gute Freunde, und dieses Verhältnis hat ungemein viel Reiz.“
Er bleibt, und wie die anderen Weimaraner wartet er auf Goethes Rückkehr.“
(R. Safranski „Goethe und Schiller“ (2011))

Goethe wurde 82 Jahre alt, Schiller gerade einmal 45. Und Goethe sagte Monate nach dessen frühen Tod einmal:
„Ich kann, ich kann ihn nicht vergessen!“

Ist – war – das nicht schon Liebe?

Wie definiere ich selbst überhaupt die Liebe:
Geben, ohne zu verlangen und nehmen, ohne zu besitzen?

Und nehme ich schon länger womöglich deutlich mehr, als ich gebe und raube damit vielleicht die Balance der Beziehung, des anderen Glück und unsere Perspektive?

Wer hält das Uns zusammen:
Wer gönnt und pusht, wünscht, unterstützt, reißt Mauern nieder, kittet, heilt, hält, läßt frei – aus Liebe?
Wer plant qualitative Zweisamkeit und Spaß, und setzt das auch um? Unterstreicht Wörter mit Taten?
Wer hört dem anderen aktiv zu, ist stets unterstützend, für ihn da?
Respektiere ich Zeit, und damit Absprachen, Träume, Pläne und halte mich an mein Wort?
Interessiere ich mich in Tiefe für mein Gegenüber, meinen Partner?
Wer bringt Frühstück ans Bett und zaubert, egal zu welcher Uhrzeit, sonst was Leckeres?
Wer tut viel und wartete dabei zu lange auf das Umsetzen seiner Herzenswünsche und Bedürfnisse .. vergebens .. verhungert auf Distanz, am langen Arm, oder wo auch immer ..
Ich, oder immer wieder nur der andere?

Und kann mich & uns dann noch Neugier retten: oder nur noch den anderen, der mit seiner über alle Berge ist, da er gemerkt hat, so wenig zu bekommen, dass er nicht noch mehr verpassen will?

Das „Rezept“ Martin Suters vielleicht zur Liebe, und der Wille, es heute besser zu machen als gestern – und morgen als heute ..

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Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan aktuell zwischen den Bergen: Am Lac Léman, im schönen Genève, Hier-werde-ich-auch-noch-irgendwann-wohnen, Genf.

 

Petri Heil!

Mit von der Sonne und dem Salzwasser ledern gegerbter, brüchiger Haut, und auch sonst als ein vom Leben gezeichneter alter Mann, braucht Santiago, Fischer vor Kuba, nicht viel.
 
Sein Körper ist in den Jahren schwach geworden, einzig seine blauen Augen, die die Farbe der See haben, sind lebendig und wach und strahlen wie eh und je.
Aber Santiago hat großes Pech und bleibt viele Wochen ohne einen dringend benötigten Fang.
 
Und da zieht er wieder alleine los, mit seinem kleinen Fischerboot und macht den Fang seines Lebens – überhaupt: seiner kühnsten Träume. Von welchem, zurück an den Hafen gekehrt, nur nichts mehr übrig geblieben ist, außer dem Skelett, da immer wieder die verschiedensten Haie, auf dem langen Heimweg, große Fleischstücke aus dem erlegten riesigen Marlin rissen.
 
Selig ist Santiago dennoch.
Selig und glücklich.
 
Dies ist meine kurze Zusammenfassung von „Der alte Mann und das Meer“ (1952) von Ernest Hemingway.
 
Es geht in dieser Kurzgeschichte um verlorene Anerkennung und Versagen, die Zeit und was sie mit uns macht .. darum, milde belächelt zu werden, doch im Kopf voll Kampfgeist und Stolz zu sein und bleiben. Viel mehr, als darum, ein gutes Leben, im Sinne von anderen, leben zu können.
„Ein Mann kann zerstört werden, nicht aber besiegt.“ (Ernest Hemingway)
 
Santiago hatte 84 schmerzlich lange Fischer-Tage auf seinen Fang warten müssen. Was er aktiv, nicht passiv tat. Wie lange „warten“ wir?
 
Was meinte Marc Twain mit „wenig“:
wenig Besitz, wenig Zeit, wenig Abwechslung, wenig Stabilität oder wenig Sicherheit?
 
Ist es denn Qualität oder Quantität für uns?
Und kommt es nicht einzig darauf an, glücklich zu sein?
 
Auf dass wir das Strahlen in unseren Augen niemals verlieren!
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Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan am Universitätsgebäude der Geisteswissenschaften in Freiburg; Gewohnt gleichermaßen glücklich in fleißigem Verzicht und faulem Luxus – dazwischen dafür nicht.

Reise reise

„Die ersten Sterne waren in den Fenstern zu ahnen, und die Haushälterin zündete drei große schwere Leuchter an, die das Schattenbild der Tafelrunde wie den wunderbaren Blütenkelch einer phantastischen Blume an die Wände malten. .. „Wie im Märchen“, staunte Traps“

Und wer hier so märchenhaft fabelhaft Wörter aufs Papier zaubert, mehr noch aus seinem Ärmel schütteln konnte, ist Friedrich Dürrenmatt.
Besonders verschmitzt, verführerisch verspielt, gerne und deutlich sinnlicher als so manch anderer, und herausragend originell immer in seinem Stil, – wie ich ihn wahrnehme.
Zitiert aus seinem Buch „Die Panne. Eine noch mögliche Geschichte,“ aus dem Jahr 1956:

Ein Mann mittleren Alters, Traps, bleibt mit seinem Auto in der Ferne liegen und findet ein Nachtquartier bei einem sehr alten Fremden, der seine ziemlich gleich alten Freunde dazu eingeladen hat, Gericht zu spielen.
Das, weil sie allesamt früher der Judikativen und Legislativen angehörten. Und dem Gast wird folglich die Rolle des Angeklagten zuteil.
Ihm wird nun, an diesem einen Abend, während einem opulenten, gefühlten 10-Gänge-Menü, ein Prozess gemacht: in aller üppig dekadenten Pracht, einer sich annähernden und befreundenden Schmuserei die zu einem Rausch wird, und bis der Vorhang fällt.

Wann verschwimmt die Realität mit dem Fiktiven: erst nach dem 5. Glas Château Pavie 1921?

Wie sicher können wir stehen, wenn andere an unserer Persönlichkeit und Wahrheit rütteln, sie kneifen, greifen?

Ist Dürrenmatts „Panne“ womöglich bildschöner und unterhaltsamer gleich sowieso, als Kafkas „Prozeß“?

Auch auf die Gefahr hin, dass wir bei einer unserer Reisen einmal mit dem Wagen liegen bleiben und uns eine solche Runde aufnimmt, wie in Traps Fall:
Was ist die Alternative dazu: Zuhause bleiben?

„Die Welt ist (doch) ein Buch. Wer nie reist sieht nur eine Seite davon.“
– Auch so ein fröhlich motivierendes Zitat, welches wir uns zu Herzen nehmen können, wenn wir denn gerne wollen, um die Beine in die Hand zu nehmen und das nächste Ticket ins Wunderland zu buchen, weil Genève, Gansbaai und Ganzwoanders uns rufen.

„Die Weltkugel liegt vor ihm offen.“ (Friedrich von Schiller)

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Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan; Yasmina in der Maranjab Wüste im Iran, wo ich in den Jahren 2012/2013 lebte und reiste, da arbeitete.

Freie Liebe

FREI-Tag. FREI-Burg. FREI-Heit.

„Die Liebe ist das Kind der Freiheit.“
(Aus Frankreich)

Als ich dieses Zitat googelte, war ich der festen Überzeugung, dass es vom irischen Schriftsteller Oscar Wilde stammen muss. Freilich getäuscht! „Versuchungen sollte man nachgeben. Wer weiß, ob sie wieder kommen,“ ist von ihm.

Aber zu Wilde passt „das Kind der Freiheit“, aus dem heraus er die Liebe zelebriert, dennoch sehr gut: hat er doch freigeistig und ausschweifend besonders gelebt & geliebt. Wenn auch nicht ganz so frei, was seine Abhängigkeit in der Liebe zu seinem jungen Lover anging.

Um die Selbstliebe geht’s in seinem wohl erfolgreichsten Roman: „Das Bildnis des Dorian Gray“, in welchem er reich & schön und die Dekadenz der englischen Oberschicht zum Thema macht.

„“Liebe Gladys!“ rief Lord Henry. „Wie kannst du das sagen? Die Gefühle leben von der Wiederholung, und die Wiederholung verwandelt einen Trieb in eine Kunst. Überdies, jedesmal, wenn man liebt, ist es das erste Mal, dass man je geliebt hat. Die Verschiedenheit des Gegenstandes ändert die Einzigartigkeit der Leidenschaft nicht.““
(Oscar Wilde; Das Bildnis des Dorian Gray)

Verfallende Sinnlichkeit, eine hohe Anspruchshaltung und der Wunsch für immer begehrenswert und jung bleiben zu können, sind die Sehnsüchte mit denen Wild hier spielt, sowie die charakterlichen Veränderungen derartige Verlangen mit sich bringen können.

Die gewählte Freiheit sich selbst zu initiieren. Recht?
Die Freiheit sich zwischen Körper und Seele zu entscheiden. Wahl oder Qual?
Die Freiheit mit Oberflächlichkeiten dauerhaft vermeintlich glücklich sein zu können. Die Zeit anhalten können ..

Freiheit gibt es wundervoll gesünder!
Freiheit im Herzen ist nicht egoistisch, sondern für die Liebe gar essentiell. Genauso, wie Kommunikation übrigens: No communication – nämlich – no love.
Und das sehen bestimmt auch die Franzosen so.

Für einen richtig guten Kuss braucht es vielleicht nur zwei Hände. Für eine glücklich gelebte Liebe sehr viel mehr.

Und heute ist übrigens erst Donnerstag.

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Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan auf dem Lorettoberg in Freiburg, mit liebendem Blick auf diese wunderschöne Stadt.

I can see you

Fangen wir einmal mit etwas Selbstverständlichem an: Dem Blickkontakt.

Wird dieser nicht ganz gehörig überbewertet, wenn wir einmal bedenken, dass es die nettesten und intelligentesten Menschen auf Erden gibt, die nicht immer Lust darauf haben,
und auf der anderen Seite beispielsweise die gewieften Topmanager stehen, die ihn permanent als Waffe, da Türöffner nutzen, um ihre – in gezuckerte Zungen gehüllten – Lügen in die Welt zu reden?

Bla bla bla, das beste Stück Laber-Rhabarber-Baiser mit doppelt Sahnehaube dazu alstublieft, und auf die Tarner, Täuscher und Erklärbären der Führungsetagen?

Möglicherweise haben wir sie bereits auf Herz und Nieren kennengelernt: ein paar überdeutlich entsprechende Vertreter dieser Lager.

Suter hat offensichtlich.

„Nicht nur ein Leitfaden für den gestressten Geschäftsmann, sondern für alle, die unter ihm zu leiden haben: Sekretärin, Untergebene, Ehefrau, Kinder …
Man wird den Chef oder den Partner nach der Lektüre mit anderen Augen sehen.“
(Martin Suter; „Cheers – Feiern mit der Business Class“)

Suter wieder und einmal mehr, der herzerfrischend, dribbelnd und bissig passend und so folglich treffend, über die gewinnende Businesswelt schreibt. So, als wenn ganz oben manchmal ganz unten sei. Menschlich mindestens.

„When the truth dies very bad things happen.“
Und hat das noch was mit Goethes Power zu tun?

Trägt Frechheit tatsächlich auch dann Genius & Magic in sich, so wir sie gezielt dazu nutzen, anderen zu schaden?

Und wenn doch die Augen auch die Spiegel der guten Seelen sind, wieso überhaupt gewähren die jedermann tiefe Einblicke hinein?

Wie viele Herzen schlagen in meiner Brust: nur zwei wie bei Faust?

Und wenn ich eines ganz bestimmt nicht erfüllen möchte, ist das nicht der Status der Selbstverständlichkeit?

Hübsche gelebt geliebte Philosophie am Morgen ..

Vielleicht müssen wir manche Dinge einfach großzügig nicht leben, um sie zu verstehen.

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Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan, hoffentlich gehörig genug bold.

J’ai tout oublié, quand tu m’as oublié

Um es vorweg zu nehmen: Das Genie Franz Kafka ist nun überhaupt keiner meiner Bevorzugten. Ich gähne mindestens beim lesen, und brauchte und bräuchte gefühlte einhundertsiebenunddreissig Anläufe, eines seiner Bücher zu Ende zu bringen.
Möglicherweise erkennen wir dann wahre Genialität nicht .. haben einen schlechten Geschmack .. oder einfach nicht den des Mainstream.

Kafka schreibt niemals über die Liebe und das Herz, und das kann uns zu eintönig und kopflastig sein. Zu wenig rosa, rot vielleicht ..
Möglicherweise ist man gelangweilt und bleibt unerfüllt von seiner Schreibe noch dazu, da echte Erotik ebenso Fehlanzeige ist.

Obgleich uns seine Romane und Bücher deswegen nicht berühren mögen, ist seine Persönlichkeit durchaus interessant: Wie immer eben, bei einem derartigen Sonderling, Außenseiter, einem sehr speziellen Vertreter unserer Gesellschaft.

„There is something inherently valuable about being a misfit.“

Jeder schaut hin: irritiert, belächelnd, heimlich vielleicht auch bewundernd, aber fernab der Gesellschaft, deren Stempel und Erwartungen an das einzelne Individuum, muss man erst mal gut leben können. Kafka konnte das.

Als Persönlichkeit gilt er rückblickend bewertet und verurteilt als bindungsunfähig, was die Verbindlichkeit mit Frauen angeht. Das, da hochkompliziert sensibel, gehörig tiefgründig und schlicht gern distanziert. Für ihn war Schreiben auch immer wichtiger gewesen, und um sich den Luxus „nur zu schreiben“ leisten zu können, hat er tagsüber fleißig und beständig in einem „Brotberuf“ gearbeitet. Und sonst geschrieben. Und Schriftsteller ist der einsamste Beruf von allen.

Menschen die ihn kannten, beschrieben ihn als jemanden, mit dem man durchaus viel lachen und Spaß haben konnte und als lange nicht so ernst, wie er anhand seiner Bücher wirken mag. Die schwierige Beziehung zu seinem Vater hat er in „seinem Brief als Buch“ bearbeitet. Die hat ihn dennoch zeitlebens verfolgt, da maßgeblich geprägt.

Vielleicht ein Sympathieträger. Vielleicht mögen wir seine Literatur dennoch nicht.

Durch seinen „Der Prozess“ haben sich so einige zu Schulzeiten gequält. Ein, zwei, drei andere Bücher von ihm vielleicht angelesen.

Aber:
Müssen wir zu Ende bringen, was uns weder inspiriert noch weiter bringt, in dem wer wir sind und wer wir werden wollen?

Müssen wir gut finden, was die Masse als solches hervortut und lobt?

Müssen wir dazugehören, oder ist das Nicht-dazuzugehören-wollen-und-können vielleicht genau unser Ding?

Ich bleibe, wie ich bin.
(Franz Kafka)

Und was uns langweilt, kratzt, nervt oder hoffnungsvoll begeistert und Freudentränen in die Augen oder Lesefreuden in ausschweifende Gedanken treibt, bestimmen wir zum Glück ganz selbst.

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Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan – on tour

Von Rosa und Pink

Was passiert, wenn wir das Herz eines Menschen mit einer Lüge gewinnen?

Würde ich zugreifen, wenn sich mir die Möglichkeit böte, durch einen glücklichen Umstand, in eine Rolle schlüpfen zu können, die (m)ein großes Ziel zu erreichen, wie ein Kinderspiel verwirklichen kann?

Was siegt: Meine Dreistigkeit für den gefakten Erfolg .. das damit verbundene schnelle, nicht zu Ende gedachte kurze Vergnügen .. die Angst, dass irgendwann alles herauskommen – ich entlarvt werden könnte – und letztendlich alles viel schwerer noch wird als zuvor .. meine Authentizität, mein echter Stolz?

Martin Suter – schweizer Schriftsteller – schreibt uns einmal mehr zum niederknien: In seiner Novelle „Lila, Lila“ nämlich, über eine Liebe, die hier durch Täuschung nur erreicht wird:

David will Marie.
Marie will einen Schriftsteller.
David findet Zettel mit Notizen, ganze Seiten voll, ein ganzes Buch, welches er, nach kurzer Überlegung nur, zu seinem eigenen macht.
Marie damit beeindruckt.
Marie bekommt.
Marie verliert.

„David hatte den Schlüssel an der Wohnungstür steckenlassen, damit sie klingeln musste. Für den Fall, dass er eingeschlafen war, er wollte sie zur Rede stellen.
Marie sah glücklich aus. Sie begrüßte ihn mit einem schwesterlichen Kuß und ging nicht auf seine Fragen ein. „Komm David, das bringt nichts. Ich muss in ein paar Stunden wieder aufstehen und du bist besoffen.““
(Martin Suter; Lila, Lila (2004))

Suter tieft Beschreibungen seiner Personen mit ordentlich Detailverliebtheit und einer guten Portion Ironie. Er schreibt eingängig, süffig – läßt uns sein Werk so leicht lesen oder auch tiefer – und regt dann, entscheiden wir uns für letzteres, zum nachdenken an.

Vielleicht wollen wir dem Protagonisten im Mittelfeld gerne Tipps zurufen, ihm zur Seite stehen, in sein Leben, Schicksal, positiv verändernd eingreifen.
Vielleicht aber sollten wir in unser Leben verändernd eingreifen.

Wer nämlich glaubt, dass, wie der Volksmund sagt, Lila der letzte Versuch sei, der mag genau so selig werden, wie jemand, der der Meinung ist, dass man sein Leben nicht in jedem Alter noch komplett ändern und alles je Dagewesene großzügig, oder auch gänzlich, über den Haufen schmeißen kann.

Man kann.
Mann.
Frau auch.

Wie oft sind wir es selbst, die uns im Weg stehen? Ein paar wenige andere werfen vielleicht noch großzügig kleinere Kiesel auf den Weg .. aber die meisten sehen Brüche viel interessierter und interessanter, als wir womöglich selbst.

Das Ende des Buches bleibt offen. So wie auch wir am Ende unseres Lebens erst wissen können, welche Entscheidungen wirklich gut, welche nicht ganz so toll waren.

Hoffentlich getreu dem Motto: „Klug war’s nicht, aber geil.“

Oder, charmanter: I did it my way!

Viel Spaß dabei!

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Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan (Annaplatz; Freiburg im Breisgau)

Frisch, fröhlich, frei!

Ach Max (Frisch), wie gerne hätte ich dich gekannt!
Einen Abend, oder auch Nachmittag „nur“, Ovomaltine mit dir getrunken und gedankenverloren Emmentaler Käse auf Holzspießen vernascht, während ich dir andächtig gelauscht und wir zusammen verboten laut gelacht hätten.

Auch deine Zigarren, und deswegen im nebligen Qualm sitzend, hätte ich dir verziehen. Der Richtige kann eben nichts falsch machen, und ich glaube du warst ein richtig cooler Hund und nett dazu.

Schade Schweizer Schokolade!

Und so träume ich heute von einem platonischen Rendezvous mit Sir Richard Branson. Einfach so. Um schauen zu können, was dran ist am Bub (In wenigen Tagen 68 Jahre jung): Am ewigen, sich selbst so ernannten Kindskopf, am, von Peter Pan inspirierten, Optimisten.

Wann habt ihr zuletzt Peter Pan gelesen?
Überhaupt schon einmal?
Kindliche Freuden, Ideen, Hirngespinste: Schönste Alltagsflucht und bereicherndes Kindliches Ich.

Auf die Liebe und die Lust einer Frau gegenüber geht Frisch in seinem Roman „Homo Faber“ ein. Faber ist ein menschenscheuer Technikrat, der sich auf einer Reise in eine junge Frau verliebt. Bis dahin nichts Ungewöhnliches soweit .. Unglücklicherweise aber entpuppt sich das schöne Objekt seiner Begierde, zu spät und erst nach etlichen gemeinsam durchlebten Tagen, findenden Gesprächen, leichtem Lachen, grundendem Tiefsinn und harmlosen wie tragenden Nächten, als die eigene Tochter.

„Ich hielt sie am Arm, die junge Person, die meine Tochter hätte sein können.“
(Max Frisch; Homo Faber)

Tja, und so kam’s dann, dass diese sich tatsächlich als die solche herausstellte.

Immerhin findet in all der Tragik die zerrissene Kleinfamilie noch ein letztes Mal zusammen, söhnt sich aus, zergeht.

Zum auf der Zunge zergehen lassen, empfehle ich übrigens eher ein Stück Schweizer Schoki als dieses Buch, da Frisch gewohnt in Prosa über die Papierseiten galoppiert. Wenig ausschmückend. Technokratisch.

Dass wir einen Menschen als Menschen oder ihn als Mann oder Frau lieben können war und ist soweit klar. Stets unsicher darüber allerdings, was nun tatsächlich mehr von Wert und Bedeutung ist.
Vielleicht ist die Hauptsache einfach die, offen für Wunder zu sein: menschlicher und liebender Art?

Frisch, fröhlich, frei: ohne fromm.

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Text: PetissaPan
Foto: PetissaPan in Freiburg-Wiehre, Ecke Kirch- / Konradstrasse, unterwegs.